13.Kapitel

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Kapitel 13

Neri riss erschrocken die Augen auf. Sie hatte nicht erwartet, dass Dark sie umarmen würde. Von dem abweisenden Schatten hatte sie erwartet, dass er ihr einen langen Vortrag darüber halten würde, dass solche Gefühle völlig überbewertet waren. Das Dark aber nun so mitfühlend war, ja beinahe zärtlich, lies Neri stutzen. Er hatte gesagt, er habe sie vermisst, hatte er sich also Sorgen gemacht?
Abrupt drückte Dark Neri von sich „Ich habe Schritte gehört.“, erklärte er flüsternd und zog sie auch gleich mit sich durch den Gang.
„Warte!“, rief Neri nun leise.
„Was?!“
Sie seufzte „Alia ist noch hier. Wir müssen sie noch holen.“ Dark nickte mehrmals und stöhnte dann „Gut, aber Beeilung!“, meinte er und rannte bereits die erste Treppe nach unten.
„Sag mal.“, fing Neri wieder an „Wusste dieser Enrok das du ein Schatten bist?“ Das interessierte sie jetzt schon, vor allem weil der Lord so aussah, als würde er ihn kennen.
Dark schmunzelte „Ich nehme mal an, ja! Ansonsten hätte er wohl kaum ein Geschäft mit mir gemacht!“ Er sah ihren fragenden Blick und seufzte „Selbst ein so kranker Mensch ist intelligent genug sich nicht mit einem Schatten anzulegen! Aber recht war es ihm nicht!“
Prüfend sah er über die Schulter zu Neri. Ihm war bereits aufgefallen, dass sie verletzt war. Sie humpelte etwas und die Hand, an der er sie mit sich zog, zuckte immer wieder krampfhaft. Wieso sagt sie nichts? Etwas gekränkt verzog er das Gesicht und sah wieder nach vorne.
„Da unten ist die Tür zu den Verliesen!“, erklärte Neri und zeigte den Gang entlang. Rasch hatten sie diese erreicht und mit einem kräftigen Tritt beförderte Dark die Tür aus den Angeln.
„Ich bin gleich wieder da.“, verkündete er und sah sich noch mal um. Er musste sich beeilen, bevor noch wer ihn entdecken würde „Du bleibst hier und warnst mich, wenn jemand kommt.“
Wiederwillig nickte Neri. Es beunruhigte sie, alleine und ohne Verteidigungsmöglichkeit hier im Gang zu stehen. Nur einzelne Fackeln schenkten, dem ansonsten, dunklen Gang etwas Licht. Missmutig zog Neri die Mundwinkel nach unten. Überall dieses Feuer…
Nervös tippelte sie von einem Fuß auf den anderen, dann vernahm sie ein schepperndes Geräusch. Innerlich verfluchte sie Dark für seine Unsensibilität. Gut, er hatte die Fähigkeiten eine Zelle aufzubrechen, aber konnte er das nicht tun ohne dabei so einen Lärm zu machen?  Continue reading »

Ein zweites Scheppern folgte und das dritte lies nicht lange auf sich warten.
Da hörte sie es. Wie erwartend, näherten sich rasche Fußschritte. Schwer und metallisch.
Alarmiert horchte Neri auf und als sie sicher war, dass die Person in ihre Richtung lief, wollte sie sich schon umdrehen und in den Keller verschwinden, als ihr grob der Mund zugehalten wurde.
„So so, da will unser Madamchen wohl abhauen, wie?“, raunte eine männliche Stimme, die Neri als den Mann, der sie aus der Zelle gezogen hat, identifizierte.
Panisch sah sie sich um, versuchte irgendein Zeichen von sich zu geben, dass Dark erfuhr was hier oben los war, aber sie konnte nicht mal mit den Füßen auf den Boden stampfen. Der große bullige Mann hielt sie hoch und lachte leise „Ja ja, da wird sich der Lord freuen, wenn ich ihm sein Spielzeug zurückbringe.“
Plötzlich erstarb sein Lachen und er starrte mit weit aufgerissenen Augen an die Wand. Neri folgte seinem Blick, um nach zu sehen, was den Mann da so schockierte, doch sah sie nichts außergewöhnliches. Der Griff um ihren Mund lockerte sich und sie stieß sich von ihm. Im nächsten Moment kippte der massige Körper vornüber. Verwirrt starrte Neri auf den reglosen Mann, bis ihr Blick auf eine glühende Stelle an seiner Haut fiel. Ein verkreuztes Symbol prangte in glühendem goldenem Licht auf seiner Schulter. Neugierig bückte sich Neri und streckte eine Hand aus.
„Nicht anfassen!“, mahnte eine bekannte Stimme.
Sie zog die Hand erschrocken zurück und sah auf.
„Das Zeichen ist voll von geladener Energie. Wenn du es anfasst springt sie auf dich über. Dann geht es dir nicht besser als dem armen Kerl hier.“, erklärte Luce mit trauriger Stimme.
Neri lächelte freudig „Du bist hier? Warum?“
„Na, um dich und Alia hier rauszuholen.“, sagte er und hob den Blick von dem toten Mann.
Neri stutzte „Aber Dark ist…“
„Ja, ich weiß.“, seufzte Luce „Der Kerl wollte einfach nicht hören und ist durchs Fenster gesprungen. Ich hab gesagt, wir schleichen uns unauffällig rein, aber nein!“
„Hätte ich auf dich gehört, ging es unserer kleinen Freundin nicht so gut, wie jetzt!“, warf Dark, der gerade die Treppe hoch kam, triumphierend ein.
Luce schnaubte nur „Ich erinnere mich auch daran, gesagt zu haben, kein Aufsehen zu erregen.“ Er deutete auf die Kellertür.
„Ach, jetzt darf ich nicht mal anderen Leuten helfen, weil ich damit Aufsehen errege?!“
Hinter Dark traten nun mehrere Gestallten auf. Klein, zittrig, abgemagert. Die Gefangenen von Lord Enrok. Männer und Frauen, halbnackt nur bekleidet mit braunen Lumpen. Keiner sagte etwas. Bedrücktes Schweigen…
„Du hast sie alle rausgeholt?“, fragte Neri leise und starrte unverwandt auf die Gruppe Menschen.
„Deine Freundin hier hat darauf bestanden.“ Als letztes kam Alia die Treppe hoch. Mit dem roten Kleid fiel sie rasch auf unter den anderen. Sie seufzte und hielt sich eine Hand vor die Stirn „Puh, endlich raus. Da unten ist echt schlechte Luft.“
Luce kicherte leise, dann holte er tief Luft „Schön und gut, aber jetzt müssen wir ernsthaft sehen, dass wir hier wegkommen.“
Neri nickte und schielte zu dem reglosen Mann am Boden. Die Haut, an der das Mal leuchtete, begann mittlerweile sich aufzulösen und gab so die Sicht auf den kalten Boden frei. Schnell wandte sie den Blick ab. Dark musste bemerkt haben, dass etwas nicht stimmte. Er kam zu ihr und blieb kurz vor ihr stehen.
„Wenn du ein Problem hast, dann komm ruhig zu mir, ja?“, sagte er leise, ohne sie dabei anzusehen, dann drehte er sich um und folgte Luce und den anderen nach draußen.
Verblüfft blieb Neri stehen. Was war bloß los mit Dark? So kannte sie ihn gar nicht, und wenn sie ehrlich sein sollte, war er ihr jetzt sogar unheimlicher als vorher. Sie hatte sich an seine kühle und etwas rabiate Art gewöhnt. Das er jetzt aber so freundlich war, verstörte sie nur.
„Neri, komm jetzt!“, rief Alia und holte sie so aus ihren Gedanken. Kopfschüttelnd schloss sie zu der kleinen Gruppe auf.
Luce führte sie durch den Gang und dann zu dem großen Fenster, durch das er zuvor gekommen war. Mithilfe einer langen Leiter, die an die Mauer gelehnt war, kletterten sie alle nach unten. Sie hatten Glück, keiner bemerkte sie, doch als sie aus der Festung raus waren, hallten bereits die ersten Alarmrufe durch die Gänge. Lichter wurden entzündet und große Scheinwerfer entfacht.
„Man kann auch übertreiben.“, murmelte Alia, als sie die grellen Lichtkegel sah. Auch Luce schüttelte verständnislos den Kopf „Keine ordentlichen Wachen aufstellen, aber dann solche Sicherheitsvorkehrungen.“
Dark schnaubte nur abwertend „Amatöre.“, murmelte er leise „Dem Schattenmeister wäre so was nie passiert. Nie.“
Niemand hatte ihn gehört, außer Luce. Er linste zu ihm, schwieg aber. Dark schien es früher wirklich schwer gehabt zu haben. Das mal beiseite geschoben, sie hatten ganz andere Probleme. Die ganzen Sklaven, die sie aus der Festung befreit hatten, was sollten sie mit ihnen machen?
„Hört mal her!“, rief Luce und lenkte so alle Augen auf sich „Wir haben euch zwar befreit, aber wir können euch nicht irgendwo hinbringen wo es euch besser geht. Ihr seid leider auf euch alleine gestellt. Wir müssen nämlich weiter.“
Ein kleines Mädchen begann zu weinen. Alia schluckte. Es tat ihr weh, die armen Leute so zu sehen, aber Luce hatte Recht. Sie konnten nicht jeden einzelnen nach Hause begleiten, falls diese Leute überhaupt noch eins besaßen.
„Lord Enroks Leute werden uns wieder einfangen!“, warf ein junger Mann ein und blickte hoch zu den gewaltigen Scheinwerfern, die mit ihren Lichtkegeln über den Boden schlichen. Sie saßen alle unter einem Vorsprung, außer Sicht der Wachen.
„Werden sie nicht!“, sagte Dark kalt und sah in die Runde.
Einige begannen zu zittern, andere zu tuscheln.
„Als ob du besser wärst!“, rief eine junge Frau und hielt sich die Arme vor den zierlichen Körper „Du bist aus Resielle, richtig? Was ihr dort mit uns Frauen macht, ist noch schlimmer, als ewig in diesem dunklen Loch zu hocken!“ Ihre Augen flackerten panisch und ihre Hände bebten.
Dark grinste nur kühl „So, dann willst du also wieder zurück?“, fragte er und sein falsches Grinsen wurde breiter „Kein Problem, ich bring dich auch persönlich in deine Zelle. Ich repariere sogar die Tür, die ich vorhin eingetreten habe um dich und deine treulosen Freunde zu befreien.“
Die junge Frau sah ihn verunsichert an. Sie verstand Darks Worte nicht, aber dann schüttelte sie den Kopf „Nein, tut- tut mir leid, aber…“
„Was aber!“, knurrte Dark gereizt. Es war immer das gleiche. Warum versuchte er überhaupt den netten Kerl zu spielen, wenn er doch genau wusste wo das endete? Die Leute sahen ihn nun mal, als das was er wirklich war, ein verdammter Schatten!
Er spürte eine Hand auf der Schulter und schlug sie abwehrend weg. Erst als er Neris traurigen Blick sah, seufzte er und erhob sich.
„Wo gehst du hin?“, fragte Luce und sah ihm nach.
„Weg von hier.“ Er sah, dass Neri ziemlich niedergeschlagen war, also fügte er noch sicherheitshalber dazu „Bis dieses undankbare Menschenpack endlich fort ist!“
Alia hob eine Augenbraue, dann sah sie zu Luce „Seit wann, bist du und der Schatten so vertraut?“
„Habt ihr nicht darauf bestanden ihm eine Chance zu geben?“, stellte er sogleich die Gegenfrage „Ich hab nur den Anfang gemacht.“
Nach diesen Worten war Alia mehr als nur überrascht. Ausgerechnet Luce, von dem sie mehrmals erfahren hatte, dass er die Schatten abgrundtief hassen würde, hatte Dark akzeptiert?
Einer nach dem anderen stand auf und verließ das Versteck. Sie liefen leise in den nächsten Wald und verschwanden dort. Als auch der letzte Sklave gegangen war, wandelte sich Alias Miene von missmutig in zornig. Sie hatte es jetzt begriffen und musste einsehen, dass Dark Recht hatte. Die Menschen sahen in ihm ein Monster, egal was er tat. Und es war verdammt noch mal nicht Richtig. Er hatte sie befreit, aber keiner war ihm dankbar dafür.
Alia stand auf. Sie selbst hatte auch zu den Gefangenen gehört. Schnell hatte sie den Schatten gefunden. Dark stand mit dem Rücken zu ihr am Rande einer Mauer und starrte von dort aufs offene Meer.
„Kann ich dir was sagen?“, fragte sie vorsichtig und stellte sich neben ihn. Er schwieg.
„Luce hat dir also vergeben?“
„Von vergeben würd ich hier nicht sprechen, ich hab immerhin nichts falsches gemacht.“, stellte Dark klar und drehte sich nun zu der jungen Frau um.
„Egal, du weißt was ich meine.“
Dark hob eine Augenbraue.
„Ich wollte dir nur sagen, dass ich dich jetzt gut verstehen kann, dass du…“
„Du kannst mich gar nicht verstehen!“, fauchte er sofort und funkelte Alia wütend an „Du kennst mich nicht, also sag nicht du würdest mich verstehen!“
„Ich mein doch nur, dass ich begriffen habe, warum du dich als Schatten schlecht fühlst.“, versuchte sie es erneut.
Dark lachte abfällig „Ich hab mich nie schlecht gefühlt! Ich bin nun mal das, was ich bin und daran lässt sich auch nichts ändern!“, erklärte er und sah zurück „Schön, wenn das jetzt geklärt wäre, würd ich gerne wieder gehen.“ Mit diesen Worten lies er sie allein stehen.
Alia sah ihm nachdenklich nach.
„Du irrst dich Dark.“, murmelte sie „Du irrst dich.“ Und mittlerweile war Neri nicht mehr die einzige die das glaubte.

-xXx-

„Kommen Sie schon, nur für eine Nacht.“, bettelte Yui und machte ihre Augen dabei ganz groß, als würde sie versuchen eine Eule zu imitieren.
„Nichts da! Ich hab schon gesagt, dass meine Herberge voll ist!“ der alte Mann sah zornig zu dem rot-blonden Mädchen auf. Yuis Miene verzog sich „Dann schmeißen Sie halt jemanden raus!“ Minuten lang diskutierte sie nun schon mit dem Alten, doch dieser blieb stur. Langsam verlor auch sie die Geduld.
„Ich sagte bereits ‚Nein’, und dabei bleibt es!“ Mit einem lauten Knall schlug der Opa die Tür zu. Entrüstet schnappte Yui nach Luft.
„Hey, Sie da! Ich weiß genau, dass Sie noch hinter der Tür stehen und mich hören können! Machen Sie sofort auf!“, schrie sie und hämmerte wild mit den Fäusten auf das braune Holz „Na los, Tür auf, hab ich gesagt!“ Als sich aber nichts tat trat Yui einen Schritt zurück und brüllte so laut sie konnte „Dafür zeig ich Sie an! Man macht Ihnen den Laden dicht! Sie haben kein Herz für arme kleine Mädchen!“
„Arme kleine Mädchen?“, kam die gedämpfte Stimme von drinnen.
Yui lachte triumphierend „Ha, ich wusste, dass Sie…!“
„Eher großmäulig und zickig.“
Wutschnaubend holte sie tief Luft „Na warten Sie, wenn ich rein komme, dann polier ich Ihnen ihr drittes Gebiss!“
„Yui hör auf rumzuschreien, dass hat bei den letzten auch nicht geklappt.“, meinte Keiko und rieb sich genervt sie Schläfen. Langsam bekam er echt Kopfschmerzen von Yuis lautem Ton.
Taro nickte zustimmend „Ich hatte von Anfang an gesagt, lass mich nach einer Unterkunft fragen.“
„Das nächste Mal hör ich auf dich.“, versicherte Keiko und sah zu Batun rüber „Was meinen Sie?“
Der alte Magier hob den Blick „Was soll ich meinen?“
„Na, seit wir hier in Saterin sind, suchen wir schon Stunden lang nach einer Unterkunft. Haben Sie nicht eine Idee, wo man sicher die Nacht verbringen kann?“
Der Alte faste sich nachdenklich ans Kinn und überlegte „Auf die Schnelle fällt mir auch nichts ein, außer einer Herberge.“
„Da haben die uns aber alle schon rausgeworfen, dank seiner großartigen Schwester.“, meinte Taro und verschränkte mürrisch die Arme vor der Brust.
„Wieder nichts.“, meinte Yui enttäuscht, als sie endlich zu den anderen zurückkam.
Keiko seufzte und schüttelte fassungslos den Kopf „Haben wir gehört.“
„Sieh mal.“, flüsterte plötzlich der kleine Feenjunge und nickte mit dem Kopf nach oben. Aus einem Fenster, im Haus gegenüber der Herberge, lugte eine alte Frau. Man sah nur die grauen Haare und die obere Hälfte des Gesichts bis zur Nase, der Rest wurde vom Fensterbrett verdeckt.
„Die guckt schon die ganze Zeit hier runter.“, meinte Taro und sah wieder hoch. Keiko atmete einmal tief durch „Kommt, wir gehen lieber weiter, ich will heute Nacht mit Dach über dem Kopf schlafen.“
Die anderen nickten darauf zustimmend und gingen die Straße weiter entlang, als sie plötzlich eine kratzige Stimme vernahmen „Ihr sucht eine Unterkunft, ja?“
Es war die alte Frau von eben, die sie freundlich mit ihren Knopfaugen anlächelte. Sie war sogar noch kleiner, als sie gedacht hatten und reichte selbst Taro nur bis zur Brust.
Sofort setzte Batun eine freundliche Miene auf und schritt auf die Alte zu „Können Sie uns sagen wo wir eine finden? Das wäre sehr hilfreich.“
Sie lächelte, machte aber keine Anstalt zu antworten, dann sprach sie einfach weiter „Ihr seid wohl nicht von hier.“
„Wir sind nur auf der Durchreise.“, mischte sich nun auch Keiko ein.
„So so. Auf der Durchreise, wie? Dann wisst ihr natürlich nicht, dass seit einiger Zeit unheimliche Gerüchte in Saterin ihren Weg gefunden haben.“
Misstrauisch legte Keiko die Stirn in Falten.
Die alte Frau lächelte weiterhin und machte einen Schritt zur Seite „Kommt doch rein, ihr könnt fürs erste hier bleiben.“
Taro wollte schon protestieren, doch Batun folgte der Alten bereits durch die Tür. Auch Yui und Keiko fühlten sich nicht sonderlich wohl, aber auch sie sagten kein Wort und betraten schweigend das Haus. Von innen war es wesentlich größer und geräumiger, als es von außen den Anschein hatte. Eine gemütliche Wohnstube erstreckte sich vor ihnen, drei Türen führten jeweils in andere Räume und eine schöne Holztreppe verriet, dass es nach oben hin auch noch weiter ging.
„Setzt euch doch bitte.“, sagte die alte Frau und verschwand durch eine der Türen. Wenig später kam sie auch schon zurück, mit einem Tablett und fünf Gläsern darauf.
„Dafür das ihr Reisende seit, habt ihr aber kaum Gepäck mit.“, stellte sie fest und reichte jedem ein Glas mit einer rötlichen Flüssigkeit darin.
„Ihr führt lediglich eure Waffen. Ist wohl was Gefährliches.“, schloss sie weiter und wollte schon wieder ansetzen was neues zu sagen, als Keiko sie prompt unterbrach „Das Ziel unserer Reise geht niemanden was an, also bitte ich Sie nicht weiter nach zu fragen.“
Die Alte nickte „Natürlich, allerdings seht ihr mir im Moment sehr unentschlossen aus. Kann es sein, dass ihr selbst nicht wisst wo ihr hin wollt?“
Bedrücktes Schweigen kehrte ein. Ohne es wirklich zu realisieren, mussten sie einsehen, dass die alte Frau Recht hatte. Sie hatten sich jetzt gefunden, mehr oder weniger, Neri, Luce und Alia waren ja wieder verschwunden. Aber selbst wenn sie wieder alle zusammen wären, wie ging es weiter? Vier Teile des Erbkristalls hatten sie schon, doch der fünfte? Niemand wusste wo er sich befand, selbst Batun konnte ihn nicht ausfindig machen. Langsam kamen die Zweifel, auch wenn der Erbkristall vollständig war, was kam als nächstes?
Im Grunde waren sie noch ganz am Anfang. Sie waren nicht vorbereitet, nicht stark genug und vielleicht fehlte, hier und da, der nötige Antrieb. Keiner konnte es genau sagen, doch sie alle dachten das Gleiche: Was tun?

-xXx-

„Und wie kommen wir jetzt hier weg?“, fragte Neri und sah wieder um die Ecke der Mauer, hinter der sie saßen. Im Gegensatz zu vorhin, als die Gefangenen geflohen waren, suchten mittlerweile weitere Wachen die Gegend ab. Bis jetzt hatte sie noch niemand entdeckt, doch das war auch nur eine Frage der Zeit.
„Vielleicht können wir uns auf der Rückseite davon schleichen.“, meinte Alia und zog Neri von der Ecke weg.
Luce seufzte „Hinter uns ist das Meer, erst eine steile Klippe, dann viel Wasser. Keine Chance!“
Nun begannen Alias Augen zu leuchten „Doch, natürlich, ich kann einfach meine Mädchen fragen, ob sie uns helfen können. Ich brauch nur meine Muschel und dann…“ sie hielt inne, dann tastete sie ihre Hüfte ab. Mit geweiteten Augen biss Alia sich auf die Unterlippe.
„Was?“, fragte Luce und wechselte mit Neri unsichere Blicke, dann kam auch ihr die Erleuchtung.
„Scheiße!“, fluchte sie leise, damit niemand sie hören konnte und faste sich an den Hals. Dark öffnete ein Auge und besah sie mit einem unguten Gefühl, dass sich auch sogleich bestätigte.
„Der Erbkristall! Dieser widerliche Kerl muss ihn noch haben!“
„Wieso? Hast du ihn ihm etwa gegeben?!“, fragte der Schatten zornig und setzte sich aufrecht hin. Neri schüttelte den Kopf „Natürlich nicht, aber er muss ihn irgendwie an sich genommen haben, ebenso wie Alias Muschel!“
Fluchend schlug sich Luce die Hand vor die Stirn „Dann hilft es auch nichts jetzt abzuhauen, wir müssen da wieder rein und die Sachen zurückholen! Hoffen wir mal, dass dieser Enrok nicht weiß was der Erbkristall ist.“ Innerlich jedoch überzeugte sich Luce nicht im Geringsten. Der Lord war nicht dumm und wenn es sein Ziel war, sie wieder zurück zu locken, dann hatte er es auch erreicht! Er muss gewusst haben, dass Neri eine Trägerin war und auch, dass sie den Erbkristall nicht zurücklassen konnte.
„Und wie kommen wir wieder in die Festung?“, fragte Alia nun „Ich glaub nicht, dass die uns freiwillig da reinlassen.“
Luce musterte sie, dann seufzte er „Uns vielleicht nicht, aber dich und Neri.“
„Was?!“, warf Neri ein und fuhr herum.
„Überleg doch mal. Enrok hat euch ja nicht freiwillig hergegeben. Wenn ihr also wieder von den Wachen mitgenommen werdet, dann werdet ihr sicher zu ihm gebracht.“
Bei dem Gedanken zurück zu diesem Kerl zu müssen, schauerte es Neri und sie schüttelte wild den Kopf „Niemals gehe ich wieder da rein!“
Dark seufzte und hielt sie an den Schultern fest, damit sie sich wieder beruhigte „Jetzt komm mal runter, du musst dir ja nicht gleich wieder das Bett mit ihm teilen!“
„Wie bitte?!“ entsetzt riss sich Neri von ihm „Warst du es nicht der gesagt hat, ich soll vorsichtiger sein, dass es hätte schlimmer ausgehen können, wenn du nicht gekommen wärst?! Und jetzt willst du mir allen ernstes erzählen, ich soll runter kommen und es nicht so tragisch sehen?!“
Luce hob eine Augenbraue. Er wusste zwar nicht, was zwischen Enrok, Neri und Dark vorgefallen war, doch er konnte es sich in etwa grob zusammen reimen.
„Du bist diesmal ja nicht alleine!“, erklärte Dark „Alia ist doch auch dabei!“
Ungläubig riss Neri die grünen Augen auf „Das letzte Mal war Alia auch dabei!“
Genervt lies Dark den Kopf hängen, dann holte er einmal tief Luft „Na gut, wenn du es nicht anders willst!“ er stand auf und zog sie am Arm mit sich. Mit der anderen Hand packte er Alia und stieß die zwei dann aus ihrem Versteck heraus. Empörtes Geschrei lies die Wachen aufmerksam werden und keine Minute später hatte man die beiden bereits festgenommen.
Verblüfft blinzelte Luce ein paar Mal. Er konnte noch nicht so ganz glauben, was er da gerade gesehen hatte.
„Was?!“, keifte Dark und verschränkte die Arme vor der Brust „Ich hab nur deinen Vorschlag in die Tat umgesetzt!“
„Ich wusste nicht, dass du derart ungestüm sein kannst. Du schreckst echt vor nichts zurück, wie?“, fragte Luce und sah den Wachen nach, die nun Neri und Alia abführten.
Dark zuckte nur mit den Schultern „Wir haben nicht ewig Zeit und wenn die sich so sträubt, dann helfe ich halt mal nach!“
„Du bist wirklich unmöglich, weißt du das?“
„Sicher!“, lachte Dark, sah sich um „Gut, es sind weniger geworden, jetzt können wir vorsichtig hinterher!“
Luce seufzte und folgte dem Schatten in die Dunkelheit.

-xXx-

Erneut drehte sich Keiko in seinem Bett. Er konnte einfach nicht einschlafen, also stand er leise auf, um Taro nicht zu wecken, der in dem Bett neben ihm schlief. Als Keiko an ihm vorbei lief hielt er kurz an, um den kleinen Feenjungen zu betrachten. Süß wie er so eingerollt auf der Matratze lag. Die Decke lag neben ihm am Boden. Ein Lächeln stahl sich auf das Gesicht des Schlafenden und Keiko musste schmunzeln.
Der Kleine war noch nicht allzu lang bei ihnen, aber er vertraute der Gruppe bereits als würden sie sich schon ewig kennen. Das musste an Yui liegen. Sie war die erste die Taro getroffen hatte. Irgendwas an ihr lies den Feenjungen Vertrauen zu ihnen aufzubauen. Sofort wanderten Keikos Gedanken weiter zu Dark. Neri vertraue ihm, warum auch immer, dass konnte er sich nicht erklären. Keiko schüttelte den Kopf. Dark war ein Schatten, da gab es keine Ausnahmen, diese Monster waren doch alle gleich!
Leise verließ er das Zimmer und lief auf nackten Füßen den Gang entlang. Er kam an dem Zimmer vorbei in dem Yui schlief. Sie hatten dann am Ende doch das Angebot der alten Frau angenommen und blieben für die Nacht, allerdings hatte Keiko das starke Gefühl, dass sich ihr Aufenthalt noch in die Länge ziehen würde. Er stieg leise die schöne Holztreppe runter, bis er in der großen Wohnstube stand. Im Kamin brannte ein Feuer und davor saß die Alte, welche sich noch als Laika vorgestellt hatte.
„Was kann ich für dich tun, Junge?“, fragte sie, ohne sich umgedreht zu haben. Keiko blieb stehen. Langsam wurde ihm die Alte wirklich unheimlich. Trotzdem sagte er nun „Ich wollte Sie was fragen.“
Jetzt drehte sie sich doch um „Bleiben wir doch bei ‚du’. Das wäre mir auch viel angenehmer.“
„Gut, also“ Keiko hielt inne „Kann ich dich was fragen?“
Laika lächelte „Natürlich, setz dich doch.“ Sie wies auf einen weiteren Sessel ihr gegenüber, auf den sich Keiko nun nieder ließ. Abwartend sah sie ihn mit ihren kleinen Knopfaugen an, bis er dann anfing „Sie, äh, ich meine, du hast vorhin etwas von unheimlichen Gerüchten geredet. Erzählst du mir was darüber?“
Laika seufzte und senkte den Kopf „Wie schon gesagt, es sind nur Gerüchte, aber wenn du möchtest, erzähl ich sie dir.“
„Ich bitte darum.“, sprach Keiko mit neugierigem Ton und entlockte der Alten so ein leichtes Schmunzeln.
„Also gut, wenn du darauf bestehst.“, sagte sie und lächelte wieder freundlich „Vor ein paar Wochen kam ein Magier in unsere Stadt. Magier besitzen oft eine seltene Gabe, die sich nicht auf ihre eigentliche Magie bezieht, wusstest du das? Der Magier der zu uns kam, hatte eine Provezeihung gemacht. Dunkle Wolken würden den Untergang Saterins ankündigen. Niemand hat ihm geglaubt, dann hat er sich auf ein Podest gestellt und mehr erzählt als es ihm erlaubt war.“
Verwirrt runzelte Keiko die Stirn. Er konnte nicht so ganz folgen, lies es sich aber nicht anmerken.
Laika fuhr fort „Er hat erzählt, dass mit der Zerstörung Saterins der Anfang des Endes beginnen würde. Denn die schwarzen Wolken sollten sich über ganz Mamoria ausbreiteten und die Schatten aus ihren Verstecken rufen.“
Die Schatten? Ein ungutes Gefühl beschlich Keiko. Er wusste nicht viel über die dunklen Kreaturen der Finsternis, allerdings erinnerte er sich in dem Moment sofort an seinen eigenen Schatten. Keikos Blick wanderte zu seiner rechten Hand, die er unbewusst leicht zu Faust geballt hatte.
„Als der Magier geendet hatte, löste er sich plötzlich in Luft auf. Damit fing es an. Die Leute bekamen Angst. Sie fürchteten sich vor dem was ihnen erzählt wurde und viele verließen daraufhin die Stadt.“ Der Blick der Alten wurde traurig, dann erklärte sie „Auch meine Familie ist gegangen. Mein Mann, meine Kinder und deren Kinder, sie haben mich verlassen.“
„Warum bist du nicht mitgegangen und statt dessen hiergeblieben?“, fragte Keiko und sah Laika besorgt an. Er verstand es nicht, wollte aber eine Erklärung.
Sie seufzte „Ich bin freiwillig geblieben. Natürlich wollten sie das ich mitkomme, aber ich hab mich gesträubt. Niemals würde ich Saterin verlassen.“
Verwirrt runzelte Keiko die Stirn „Wieso? Was bindet dich denn an den Ort hier?“
„Ich warte auf jemanden.“, damit kam Laikas Lächeln zurück „Ich warte auf unsere Retter. Auf die Träger des Erbkristalls.“
Keiko stockte und riss überrascht die Augen auf. Woher wusste die alte Frau das sie kommen würden? War sie eine Hellseherin? Nein, dann hätte sie gewusst, dass Taro und Yui Träger waren.
„Und wenn sie nicht kommen?“, fragte er vorsichtig, dabei beobachtete er sie ganz genau. Laika lachte kurz auf „Sie werden kommen. Der Magier hat es gesagt. Er hat gesagt, dass Rettung kommen wird und uns hilft wenn wir sie unterstützen.“
Ausgelaugt lies sich Keiko zurück fallen. Das einzige was er für Laika im Moment empfand, war Respekt. Sie blieb, ohne Familie, Freunde nur um ihnen helfen zu können. Er konnte sie nicht länger im Unwissen lassen. Das konnte er ihr einfach nicht antun.
„Laika? Eigentlich ist unsere Truppe noch etwas größer, aber wir wurden von einander getrennt.“ Okay, das stimmte nicht ganz, Neri, Luce und Alia waren freiwillig gegangen, aber das spielte jetzt keine Rolle. Aufmerksam hörte die Alte zu, ohne ihn zu unterbrechen.
Er schluckte „Batun, der Magier, du weißt über ihn bescheid, ja?“
„Sicher, auch wenn er sich unter einem Kapuzenmantel versteckt, aber man kann seine starke Aura spüren.“
„Und Taro?“
Laika lächelte „Ein entzückender Junge. Eine Fee, ich weiß.“
Unsicher fuhr sich Keiko durch die Haare. Er musste es ihr einfach erzählen, denn es fühlte sich falsch an, es zu verheimlichen. Er holte tief Luft, dann gestand er „Vier aus unserer Gruppe, Yui und Neri meine Geschwister, Taro der Feenjunge und Luce, Batuns Lehrling, sie sind die Träger auf die du gewartet hast.“
Eigentlich hatte Keiko jetzt erwartet, dass die alte Frau entweder sprachlos war, oder einen Herzinfarkt bekam. Jedoch zeigte sie keine Reaktion, dann nickte sie bestimmt und schloss die Augen. Tränen rollten ihre faltigen Wangen entlang und tropften schließlich auf ihre alten Hände, die nun zu zittern begannen.
„Ich wusste, dass ihr kommen würdet. Ich hab es immer gewusst und darauf gewartet. Aber jetzt seid ihr hier.“, sagte sie leise, als würde sie zu sich selbst sprechen „Ihr seid hier.“
Keiko stand auf und ging vor ihr in die Hocke „Laika, es ist in Ordnung, geh zu deiner Familie, wir kommen schon klar.“, versuchte er sie leise zu beruhigen, doch die alte Frau schüttelte entschieden den Kopf „Nein, niemals würde ich Saterin verlassen. Ich bin hier geboren. Nichts bringt mich hier weg.“
Bei ihren entschlossenen Ton dachte Keiko sofort an sein eigenes Dorf zurück. Er hatte Hoen verlassen und schon kurz nach seinem Aufbruch war er sich sicher gewesen, dass er auch nicht mehr zurückkehren würde, egal wie ihre Reise ausging.

-xXx-

Unsanft wurden Neri und Alia zu Boden gestoßen. Man hatte sie beide in einen weiten hellen Raum gezerrt. Viele kleine Leuchter spendeten Licht und durch schmale Fenster beleuchtete zusätzlich das Mondlicht den gefliesten Boden.
„Ich hatte wirklich nicht gedacht, dass wir uns so schnell wieder sehen.“, lachte eine erfreute und leider bekannte Stimme. Lord Enrok erhob sich aus seinem erhöhten Sitz und lächelte zynisch zu den zwei hinunter.
Zornig biss sich Neri auf die Unterlippe. Sie war im Moment noch ziemlich wütend auf Dark und jetzt kam dieser widerliche Kerl noch dazu.
Enrok hob arrogant das Kinn und verschränkte die Arme vor der Brust „Da fällt mir ein, wo ist denn dein neuer Herr?“ ein Hauch Spott schwang in seiner Stimme mit.
Herr? Sprach der Kerl etwa von Dark? Neri schnaubte abfällig und hob trotzig den Kopf „Ihr seid doch alle krank! Hier wird von Waren und Käufern geredet, dabei wisst ihr noch nicht mal, was ein Menschenleben überhaupt bedeutet! Ihr und euer Laden seid der letzte…“ weiter kam sie nicht, denn ohne Vorwarnung stellte sich plötzlich ein Stiefel auf ihren Hinterkopf und drückte so ihr Gesicht grob auf die kühlen Fließen. Fluchend wollte sich Neri die Nase reiben, die sie sich heftig angestoßen hatte, doch ihre Hände waren auf ihrem Rücken gefesselt.
Es musste schlimm ausgesehen haben, denn mit dem Knall, der dadurch verursacht wurde, dass Neris Stirn aufschlug, hallte auch ein entsetzter Schrei durch den großen Raum. Es war Alia, die da geschrien hatte, doch ein weiterer Knall ließ sie verstummen. In Neris Ohren klang es nach einer gewaltigen Ohrfeige. Beängstigende Stille kehrte ein, bis ein amüsiertes Gelächter diese durchbrach.
„Welch schönes Bild!“, meinte Enrok und klatschte vergnügt in die Hände. Zunehmend lauter werdende Schritte verrieten Neri, dass er dicht vor ihr stehen musste. Er ging in die Hocke und hielt ihr etwas vor die Nase. Der Druck auf ihrem Hinterkopf lies nach, sodass Neri aufsehen konnte. Es dauerte keine Sekunde bis sie realisierte was sie da vor sich hatte; ihren Teil des Erbkristalls, ohne Zweifel!
Regungslos und vom Anblick des Kristalls gefangen starrte sie auf den Anhänger, der vor ihrer Nase hin und her pendelte.
„Ja, du weißt was das ist, hab ich Recht?“, raunte Enrok und ein schämisches Grinsen schlich sich auf seine Lippen. Neri schluckte schwer und fixierte weiterhin den, vor ihren Augen baumelnden, Stein.
Was war das für ein merkwürdiges Gefühl? Der Erbkristall schien sie gänzlich in seinen Bann gezogen zu haben. Plötzlich begann Neris Körper zu zittern. Was war los mit ihr? Panik und Angst machten sich in ihr breit und nur einen Augenblick später fing sie an zu schreien. Hätte sie gekonnt, hätte sie sich die Ohren zu gehalten, um die flüsternde Stimme zu verdrängen. Allerdings glaubte sie nicht, dass ihr das was genützt hätte, denn die Rufe kamen ganz deutlich aus ihrem eigenen Kopf.
Hämisches Gelächter „Ja, das tut weh, nicht war?“
„Was ist das?!“, wimmerte Neri und verzog krampfhaft das Gesicht. Hätte die Wache sie nicht festgehalten, hätte sie sich zusammengerollt, als der Schmerz jetzt von ihrem ganzen Körper Besitz ergriff.
‚Neri! Neri, ich warte auf dich!’
Immer wieder die gleichen Worte, die von Innen ihren Kopf zu sprengen drohten und sie gequält aufheulen ließen. An sich war es eine angenehme Stimme, aber sie hinterließ ein stechendes Gefühl, dass zunehmend stärker wurde. Neri war sich sicher, wenn das nicht bald aufhörte, würde sie am Ende den Verstand verlieren!
„Das ist der Ruf des Geistes, der in dem Erbkristall wohnt. Er ruft dich, Neri.“
Beim Klang ihres Namen riss sie flackernd die Augen auf. Der Schmerz hatte sich verändert, hatte nachgelassen und wurde jetzt durch eine merkwürdige Kraft ersetzt. Sie schloss die Augen und spürte förmlich, wie sich in ihrem Inneren ein gewaltiger Druck aufbaute, der jede Ader ihres Körpers pulsieren ließ.
‚Los, hol mich zurück und ich leih dir meine Kraft! Ich beschütze dich!’
Wie durch die Stimme angetrieben und ohne eigene Kontrolle, schnellte Neri vor und schloss blitzschnell ihre Zähne um den Kristall. Überrascht und nicht mit dieser Reaktion rechnend, stieß Enrok einen, für einen Mann untypisch hohen, spitzen Schrei aus und zog rasch die Finger zurück, als hätte er Angst, dass Neri sie ihm abbeißen könnte.
Triumphierend grinste sie, den Anhänger zwischen ihren Zähnen klemmend. Sofort wollte Enrok nach der Kette schnappen, war jedoch nicht schnell genug, so konnte Neri den Kopf zur Seite drehen und den Erbkristall vollständig in ihrem Mundinneren verschwinden lassen.
„Sofort ausspucken!“, forderte der Lord verunsichert und als sie nur spöttisch schnaubte, wies er den Wachmann hinter ihr an, ihr den Mund zu öffnen.
Nachdem dieser aber schreiend die Finger zurück zog, in die Neri kräftig gebissen hatte, als er versuchte ihre Kiefer auseinander zu ziehen, packte er sie hart am Hinterkopf und riss sie an den Haaren hoch.
Neri vermied es zu schreien und kniff nur schmerzverzerrt die Augen zu. Ihre Fingernägel bohrte sie sich jeweils ins andere Handgelenk, um sich zusammenzureißen. Tränen stiegen ihr in die Augen und sie sah hilfesuchend zu Alia rüber, die sich noch kein einziges Mal gerührt hatte. Als ihr Blick auf die bewusstlose Frau fiel und das Blut, das ihre braunen Locken verklebte, stieg in ihr eine unterdrückte Wut hoch.
Ihre Augen begannen zu funkeln und auch der Druck, der sich weiter in ihr ansammelte, nahm rasant zu. Ein Hass breitete sich in ihr aus, ein Hass auf diese widerlichen und kranken Leute. Das diese Kerle ihre Freundin geschlagen hatten, dass sie nun bewusstlos war, dass sie blutete, brachte ihren Zorn zum überlaufen. Dies war gleichzeitig der Augenblick wo Neri sich endgültig von ihrer Selbstbeherrschung verabschiedete.
Ein unheilvolles blaues Licht begann sich von ihr auszubreiten und nur einen Augenblick später wurden die Männer von ihr fortgeschleudert. Auch die Ketten um ihre Hände zersprangen und flogen mit einem lauten Scheppern gegen die weiße Wand. Verdutzt und sichtlich verunsichert warfen sich die Männer fragende Blicke zu. Mühevoll rappelten sie sich auf und hielten sich schützend die Hände vors Gesicht. Das blaue Licht war so hell, dass es sie blendete. Als Enrok wieder stand und sich den Dreck von den Kleidern klopfte, marschierte er entschlossen auf das Zentrum des Lichtes zu.
Na die würde was erleben! Wenn er diese unverschämte Göre in die Finger bekommen würde, dann sollte sie sich wünschen, sich ihm nie wiedersetzt zu haben! Noch nie, hatte man ihn so gedemütigt, geschweige denn dermaßen auf den Arm genommen.
Nach einem weiteren Schritt erfasste den Lord ein starker Wind, der ihn fast von den Füßen gerissen hätte. Er fluchte leise und ging sicherheitshalber mit versetzten Beinen vorwärts, um den enormen Luftdruck standhaft zu bleiben. Breite und geduckte Haltung, dabei langsam einen Fuß nach dem anderen vorschieben. Trotz des starken Windes, der immer mehr zunahm je näher er dem Zentrum kam, erreichte er schließlich sein Ziel. Als Enrok jedoch eine Hand nach dem grellen Licht ausstreckte, zog er sie sogleich schreiend zurück. Sie brannte wie Feuer und blaue Blitze huschten über seine glühende Handfläche. Hatte er die Macht des Erbkristalls etwa so unterschätzt?
Der Wind verstärkte sich und warf ihn schließlich zurück gegen die nächste Wand, wo er benommen liegen blieb. Mit Panik in den Augen rannten die anderen Wachen fluchtartig aus dem Saal, sie hatten alles mitangesehen und ihnen war die Sache mehr als nur unheimlich. Doch weder das Licht noch der Wind ließen nach.
Neris Körper fühlte sich an wie Blei. Auch sie spürte den starken Luftzug. Geistesabwesend sah sie auf ihre Hände, die von leuchtend blauem Licht umgeben waren.
Sie sah sich um, entdeckte Alia schließlich an der gegenüberliegenden Wand liegen. Die junge Frau rührte sich noch immer nicht. Neri wollte zu ihr, doch sie konnte sich nicht bewegen, nur ihre Stimme und ihr Verstand waren ihr Treu geblieben, nachdem sie die Kontrolle über ihren Körper verloren hatte.
„Alia! Hörst du mich?!“, rief sie, doch Alia antwortete nicht.
Plötzlich sackte Neri auf die Knie. Die Kraft in ihren Beinen hatte sie verlassen. Auch schwand allmählich ihre restliche Energie. Was war los? Mittlerweile verstand sie gar nicht mehr was hier vor sich ging. Was war bloß passiert?
Müde wollte sie die Augen schließen, doch ein schleichendes Gefühl sagte ihr, dass sie das besser nicht tun sollte. Ihre Hände begannen zu zittern, ihr ganzer Körper fühlte sich schlaf und taub an, doch ihre Muskeln waren zum zerreißen angespannt und das Blut rauschte laut in ihren Ohren.
Panisch sah sich Neri um. Der Saal war außer der bewusstlosen Alia leer, alle waren fort. Jemand musste ihr helfen. Sie war müde, sie war erschöpft, doch der Erbkristall, den sie mittlerweile in der Hand hatte, hielt sie fest in seinem Bann, in dem Zauber, der sie eigentlich schützen sollte, von dem sie nicht wusste wie sie ihn erschaffen hatte, geschweige denn wie sie ihn wieder stoppen sollte. Wie konnte sie aus seinem Bann entkommen?!
Am liebsten hätte Neri den Stein weggeworfen, oder wenigstens losgelassen, aber die unsichtbare Kraft ließ sie ihre Hände nicht wegnehmen. Blaue Blitze huschten von dem Kristall auf ihre Hand und sprangen weiter zu ihren Armen. Nichts, kein Schmerz, nur die erdrückende Energie, der sie nicht standhalten konnte. Als die Blitze selbst ihr Gesicht erreicht hatten, fing Neri an zu wimmern. Es sollte aufhören, es machte sie körperlich völlig fertig und sie wollte einfach loslassen, sich dem Drang, die Augen zu schließen, hingeben, doch sie konnte nicht. Tränen bahnten sich ihren Weg aus ihren Augen und noch nicht mal deren feuchtes Nass spürte Neri auf ihren Wangen.
„Hilfe!“, schrie sie, ohne eine Antwort zu bekommen. Jemand musste ihr helfen, sie hier rausholen. Nicht mal die Stimme in ihrem Kopf war noch da, um ihr zu sagen was sie machen sollte.
Verzweifelt warf sie den Kopf in den Nacken und schrie gequält auf „Bitte helft mir! Bitte!“

12. Kapitel

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Kapitel 12

„Sie hat es getan! Ich habs gewusst!“
Gelangweilt zog Keiko die Stirn kraus „Und warum hast du sie dann nicht aufgehalten?“
Mit wutverzerrtem Gesicht fuhr Yui herum „Vor dir brauch ich mich nicht zu rechtfertigen, du hast doch genauso wenig was getan!“
„Im Gegensatz zu dir, reg ich mich aber nicht so darüber auf!“
„Wie bitte?!“
Er zuckte mit den Schultern „Ich meine, wenn Neri, Luce und Alia gehen wollten, hätten wir sie kaum davon abhalten können.“
Taro saß nebendran und beobachtete höchst interessiert die kleine Auseinandersetzung „Ich finde ihr beide übertreibt.“
Sofort richteten sich alle anwesenden Augenpaare auf ihn.
„Immerhin kommen sie bestimmt zurück, davon bin ich überzeugt.“ Er lachte kurz, dann lies er sich rücklings zurück fallen.
„Ich werde doch jetzt nicht warten bis die sich dazu durchringen wieder zurück zu kommen!“, erklärte Yui aufgebracht und zog die Augenbrauen zusammen.
Der alte Magier saß still auf seinem Platz und lauschte. Sollte er die Sache aufklären?
„Lasst uns nicht warten, wir gehen sie suchen.“
„Ach und woher willst du wissen wo sie hin gegangen sind?!“
„Kind du hast wohl vergessen, dass ich ein Magier bin. Ich konnte euch schon mal aufspüren und ich kann es wieder tun. Ich weiß bereits wo sie sind.“
Da Keiko und Taro damals nicht im Schloss dabei waren, verzogen sie nur skeptisch das Gesicht. Yui allerdings schien sich ein wenig zu beruhigen „Und wo sind sie?“
„Saterin, mein Liebes.“
Taros Augen leuchteten auf „Saterin? Ist das nicht diese große Küstenstadt?! Ich hab schon viel von ihr gehört! Auf dem Markt dort, kriegst du alles!“
„Also worauf warten wir noch?“, entschied Keiko. Er hoffte, dass der Magier Recht hatte, aber er war bereit ihm zu vertrauen, schließlich hatte Batun Neri unbeschadet zu ihnen geführt.
Schnell waren die wichtigsten Sachen verstaut. Zu Fuß, da der Planwagen ja nicht mehr fahrfähig war, machten sie sich auf den Weg.
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-xXx-

„Ich soll was?!“
„Schrei nicht. Kein Grund gleich laut zu werden.“ Seufzten hielt sich Luce die Hände über die Ohren.
Dark stand vor ihm, die Augen zu Schlitzen verengt „Jetzt hör mir mal zu, Einauge!“, zischte er „Es gibt einen guten Grund, dass ich meine Vergangenheit nicht jedem dahergelaufenen Vollidiot auf die Nase binde!“
„Du hast Neri nichts erzählt, wie?“, fragte Luce interessiert. Das der Schatten ihn wieder Einauge genannt hatte, ignorierte er.
„Natürlich nicht, wo denkst du hin?!“
Luce seufzte erneut und ließ sich auf dem bemoosten Waldboden nieder.
Dark hob eine Augenbraue „Einen Moment mal, du bist doch nicht den ganzen Weg hinter mir her gerannt, nur das ich dir jetzt von meiner Vergangenheit erzähle?“
Was Luce als nächstes sagte, lies ihn allerdings einen Moment stutzen und misstrauisch werden.
„Du vermisst Neri, hab ich recht?“, prüfend sah er den Schatten an, konnte aber keine Reaktion von ihm sehen.
„Ich wüsste nicht, was dich das angeht!“
Luce schmunzelte „Glaubst du? Dann verrate ich dir mal was. Wenn du dich nicht auf uns einlässt, wirst du sie nie wieder sehen.“
„Hah!“, lachte Dark spöttisch „Als ob ihr die Kleine vor mir beschützen könntet! Ich könnte einfach in euer kleines Lager spazieren und mir nehmen was ich will, ohne das auch nur einer von euch was dagegen unternehmen kann!“
„Da du das aber bis jetzt noch nicht getan hast, kann dir ja nicht so viel an ihr liegen. Tut mir leid wenn ich dich gestört habe.“ Luce zuckte mit den Schultern und stand auf.
Ärgerlich knirschte Dark mit den Zähnen. Es war schon richtig, dass er die kleine Göre vermisste und das er sie sich hohlen konnte wann immer er wollte, aber dann wäre sie enttäuscht von ihm gewesen. Nicht das ihm das was ausmachen würde, allerdings wollte ein Teil von ihm Neris Vertrauen nicht verlieren. Sie war die erste, die ihm überhaupt gezeigt hatte, was Vertrauen war.
„Was genau willst du von mir?“, hakte Dark nach und sah Luce misstrauisch hinterher.
Der Magier Lehrling drehte sich um und schmunzelte erneut „Wie schon gesagt, du sollt mir deine Vergangenheit erzählen.“
„Lächerlich! Was nützt dir das?!“
„Ich habe meine Bedingung gestellt, jetzt liegt es an dir.“, erklärte Luce und stemmte eine Hand in die Hüfte.
„Bedingung für was?“ Darks Misstrauen wuchs.
„Lass es mich dir so erklären.“, begann der Luce „Wir alle, und damit meine ich unsere kleine Gruppe, sind bereit dir eine zweite Chance zu geben. Wir akzeptieren dich bei uns, wenn du uns beweisen kannst, dass du anders bist. Ich mache den Anfang und bin bereit dich mit zurück zu nehmen, wenn du meine Bedingung erfüllst.“
„Den Teufel werd ich tun!“, spie Dark verächtlich „Ich hab euer blödes Mitleid nicht nötig!“
„Neri vermisst dich auch.“
Überrascht stockte Dark, dann weiteten sich seine Augen für einen kurzen Moment, bevor er wieder seine neutrale Maske aufsetzte.
Luce Schmunzeln wandelte sich zu einem überlegenen Grinsen. Jetzt hatte er ihn. Der Schatten schien wohl doch mehr Gefühle zu haben, als er angenommen hatte.
„Wirklich, sie war richtig niedergeschlagen.“
Er konnte deutlich sehen, wie es hinter Darks Stirn arbeitete, aber letztendlich würde der Schatten nicht durchhalten. Entweder er würde gleich hier aufgeben, oder er würde angekrochen kommen und sich entschuldigen. Hätte Dark ahnen können, dass Neri seinem Stolz einmal so zum Verhängnis wird? Wohl eher nicht.
„Also?“, fragte Luce noch einmal und hob abwartend die Augenbrauen.
„Wenn- wenn ich dir von meiner Vergangenheit erzähle…“, fing Dark verbissen an „Was genau erhoffst du dir davon?“
Nun doch irritiert blinzelte Luce ein paar Mal „Was meinst du?“
„Na, ich meine, du wirst bestimmt irgendeinen Hintergedanken haben, liege ich da richtig?!“
Dark mochte vielleicht nicht der Hellste sein, aber dumm war er auch nicht. Luce lachte amüsiert.
„Gut, wenn du es wissen willst. Ich erhoffe mir immer noch, dich irgendwann fertig zu machen. Die Blamage von unserem letzten Kampf zahle ich dir noch zurück!“
Jetzt schlich sich auch ein boshaftes Lächeln auf die Lippen des Schatten „Verstehe, du suchst in meiner Vergangenheit also nach einer Schwachstelle?“
„So siehts aus.“
Gut gelaunt begann Dark zu lachen „Du glaubst doch nicht im Ernst, dass ich dir jetzt noch irgendwelche Details erzähle?!“
Er hatte sich also entschieden. Seinen Stolz bei Seite geschoben. Nicht schlecht, Dark, nicht schlecht. Triumphierend zog Luce einen Mundwinkel nach oben.
„Wir werden sehen.“, meinte er und setzte sich wieder.
Der Boden war weich. Kein Wunder, sie saßen in einem Wald, unter einem Baum, an dessen Stamm haufenweise Moos wuchs.
Dark lehnte sich zurück und verschränkte die Hände hinter dem Kopf.
„Na schön, also hör zu.“
Luce linste zu ihm und spitzte die Ohren. Auch wenn er es selbst nicht gerne zugab, musste er doch feststellen, dass er etwas neugierig war. Wie war Dark wohl aufgewachsen? Was war mit ihm passiert und vor allem, was hatte man ihm angetan? Schon die ganze Zeit hatte Luce in Darks Unterbewusstsein diesen inneren Schmerz gespürt. Er hatte früher viel Leiden müssen.
Der Schatten begann zu erzählen „Schon seit ich ein Kind war, hat man mich verachtet und ausgegrenzt. Die Leute haben mich gefürchtet, aber nicht weil ich ein Schatten war. Du lachst mich gleich bestimmt aus, aber ich war als kleiner Junge sehr schüchtern und zurückhaltend!“, er grinste.
Luce runzelte die Stirn. Er hatte sich schon mal gefragt, wie Dark wohl als Kind war. Aber das dieser zurückhaltend sein sollte, konnte er einfach nicht mit dem aufbrausenden Kerl heute zusammenbringen.
Darks Augen blitzten als er weiter erzählte „Eigentlich hab ich immer mit den anderen Kindern gespielt und wir haben uns auch gut verstanden, bis ich angefangen habe ihnen meine Geschichten zu erzählen.“
„Du hast Geschichten erzählt?“, fragte Luce ungläubig.
„Jaah.“, seufzte Dark und schloss die Augen „Ich habe von Geistern und Dämonen erzählt. Alles eigentlich nicht so schlimm, aber man muss bedenken, dass zu dieser Zeit noch keine Monster ihr Unwesen in Mamoria trieben.“
Erstaunt riss Luce die Augen auf. Seit er denken konnte, gab es Monster in Mamoria. Was für eine Zeit mochte das wohl gewesen sein. Wie alt war Dark eigentlich? Er sah aus wie achtzehn, aber das konnte gar nicht sein. Er selbst war ja schon ein Jahr älter.
„Jedenfalls haben die Erwachsenen davon erfahren, blöde Sache. Daraufhin haben sie ihren Kindern verboten sich mit mir abzugeben. So hat das damals angefangen und es wäre alles nur halb so schlimm, wenn nicht wenig Zeit später wirklich Monster in Mamoria aufgetaucht wären. Natürlich gaben sie alle mir die Schuld. Mir, einem fünf Jahre alten Kind!“ Bei der Erinnerung verzog sich Darks Gesicht vor Wut und Enttäuschung.
„Es dauerte auch nicht lange, da haben sie mich rausgeworfen. Nicht mal meine eigenen Eltern wollten mich noch haben. Sie alle hatten Angst vor mir und meinen Geschichten. Sie hatten gesagt, ich sei ein Teufel, der die Dämonen aus der Hölle gerufen hat. Tja, sie wussten eben nicht, dass nicht ich der Teufel war und nicht die Hölle, oder meine Geschichten der Ursprung für diese Kreaturen waren.“
Dark lies Luce kurz Zeit das zu verarbeiten was er gerade gehört hatte, dann fuhr er fort.
„Kennst du den Schattenmeister?“
„Ich habe schon mal von ihm gehört. Eine grässliche Person, die sich die Kräfte der Monster und Schatten zu Nutzen macht. Aber soweit ich weiß ist er doch ein Mensch!“
Wieder nickte Dark „Jedenfalls war er das, bevor er mit der Dämonenkönigin einen Handel abgeschlossen hatte. Ich weiß immer noch nicht, was für ein Wesen er geworden ist, keins das ich kenne, aber er sah und sieht aus wie ein Mensch. Das war wahrscheinlich auch der Grund, weshalb ich ihm anfangs vertraut hatte.“ Niedergeschlagen ließ Dark den Kopf hängen „Es war ein verhängnisvoller Fehler sich auf ihn zu einzulassen! Er hat gesagt, er würde sich um mich kümmern, dafür sorgen das ich nicht auf der Straße leben musste! Von wegen, nach Resielle hat er mich mitgenommen! Damals war diese Gegend nicht so gefürchtet wie heute, aber sobald wir dann in seiner Festung angekommen waren, hatte selbst ich meine Zweifel, dass dieser Mann gut war.“
Dark war also mit dem Schattenmeister mitgegangen, als keiner ihn wollte. Das sprach bis jetzt nicht gegen ihn. Wie hätte ein kleines, verirrtes Kind auch anders handeln sollen?
„Meine Befürchtung bestätigte sich auch schon bald.“, fuhr er fort „Ich war nicht der einzige Junge dort. Viele andere, manche jünger, manche älter, waren auch da. Sie haben uns in einen Raum gesperrt, haben gesagt sie machen die Tür erst wieder auf, wenn nur noch einer von uns am Leben war. Kleine Kinder, kannst du dir das vorstellen?!“ Mit einem leicht irren Blick sah Dark Luce an, der jedoch bedrückt schwieg. Vielleicht hatte er doch falsch von Dark gedacht?
„Nichts haben sie uns gegeben! Kein Essen, kein Trinken. Mit bloßen Fäusten mussten wir gegeneinander kämpfen. Ich war anders als die anderen, dass fand ich schnell raus. Die meisten waren in solch einem Wahn wieder nach draußen zu kommen, dass sie brutalst alle anderen, die schwächer waren, tot geschlagen haben. In so einem Gemetzel hatte ich als Schwächling keine Chance. Ich hab mich also versteckt und gewartet, bis auch der Letzte verdurstet oder verhungert war, genau weiß ich das nicht mehr.“
So war das also. Ein Ausloseverfahren. Und nur der Stärkste kam weiter, aber so wie Dark ihm das jetzt erzählt hatte, war er selbst nicht stark gewesen. Bei dem Gedanken wurde Luce wieder missmutig. Dark und Schwach, das passte ebenso schlecht zusammen! Aber so wie es aussah, bestand Darks Stärke nicht aus Körperlicher, sondern mehr aus Ausdauer und Durchhaltevermögen. Er hatte keinen Finger gerührt, einfach nur gewartet. Intelligent und Riskant zugleich.
„Als sie mich dann rausgeholt haben, ging es gleich gnadenlos weiter.“
„Du musstest erneut kämpfen?“, fragte Luce unbeabsichtigt. Eigentlich wollte er Dark ausreden lassen, aber die Frage kam einfach raus.
Zu seiner Verwunderung begann der Schatten zu lachen, ehe sich sein Gesicht grausam verfinsterte.
„Kämpfen wäre ein Luxus gewesen. Schon mal was vom Schattenspiegel gehört?“
Luce nickte und schluckte gleich darauf.
Ein irres Grinsen im Gesicht, zeigte Dark mit einem Finger auf ihn „Falsch! Vergiss alles was du darüber gehört hast wieder! Der Schattenspiegel wird gerne auch als Hölle bezeichnet, als Ursprung des Bösen, doch in Wahrheit ist er das Herz Finsternis!“
Unbeeindruckt hob Luce eine Augenbraue „Ist das nicht dasselbe?“ Er hatte sich irgendwie mehr erhofft.
Wild schüttelte Dark den Kopf „Der Schattenspiegel ist eine materialisierte Form negativer Energie! Und die ist überall! Was glaubst du also, würde passieren wenn ein Menschen dieser Materie ausgesetzt wird?!“
Verunsichert runzelte Luce die Stirn. Das mit dem Schattenspiegel hatte er nicht verstanden, aber er wusste jetzt worauf Dark hinaus wollte. Er war dort gewesen, im Herz der Finsternis! Dark war früher also ein Mensch…
„Normalerweise hält es ein Mensch keine Sekunde in dieser Konzentration aus. Aber wie schon gesagt, ich war noch nie ein normaler Mensch gewesen.“ Er grinste finster und erzählte weiter „Ich hab vergessen wie es sich angefühlt hat, ich hab die ganze Zeit vergessen. Jahre lang war ich dort. In einem endlosen Raum gefüllt mit negativer Energie, die langsam aber sicher Besitz von mir ergreifen wollte. Ich hatte früher noch keine schwarzen Haare, oder rote Augen. Nicht das dunkle Haare und rote Augen was schlechtes sind.“, sagte er und schielte unauffällig zu Luce kupferfarbenen Haar „Es ist nur so, wenn du einen Schatten siehst, dann ist er für dich dein dunkles-Ich. Er folgt dir dein Leben lang, bis zu deinem Tod und selbst in den begleitet er dich. Man könnte also auch meinen, wir Schatten sind treuer als Hunde!“, meinte Dark und lächelte schwach „Mit jeder Geburt von euch Menschen, bringt ihr auch einen Schatten auf die Welt. Aber trotzdem schiebt ihr alle Schuld nur auf uns!“
„Ihr bringt nur Leid und sonst nichts!“, sagte Luce mit fester Stimme und ballte die Hände zu Fäusten. Dark lachte nur „Glaubst du, ja? Dann verrate ich dir jetzt auch mal was! In jedem Mensch findet ein immerwährender Kampf über die Kontrolle des Körpers statt. Da oft die menschliche Seele stärker ist, bemerken es die meisten kaum, doch kennst du dieses Gefühl, wenn du an dir zweifelst, wenn du aufgibst? Du wirst wütend, du fängst an dich zu hassen!“ Darks finsteres Grinsen kehrte zurück „In solchen Momenten, kann es passieren, dass der Mensch die Kontrolle über seinen Körper verliert. Dann übernimmt sein Schatten und wenn der Geist der Person schwach ist, wird er verschlungen. Das sind die wahren Monster, auf die ihr Wut haben solltet. Es sind Menschen, die sich selbst und ihr Umfeld vergessen haben! Ich hab damit nichts zu tun!“, sagte er und sein Blick wurde wieder normal „Dreizehn Jahre war ich im Schattenspiegel gefangen, bis er mich wieder frei gab. Ich erinnre mich noch heute, wie ich damals aus der Finsternis zurück ans Licht gekommen bin. Es hat geschmerzt, tat furchtbar weh, und selbst heute verträgt mein Körper nicht zu viel Licht. Danach aber begannen erst die eigentlichen Qualen. Nicht das meine Zeit im Schattenspiegel nicht qualvoll war, das war sie mit Sicherheit.“
Interessiert setzte sich Luce aufrecht hin. Neri hatte ihm schon mal was erzählt. Von Darks unnatürlicher Selbstheilung.
„Jahrzehnte habe ich härter trainiert, als es mein Körper aushielt. Bis aufs Äußerste haben sie mich getrieben. Niemand hatte Rücksicht darauf genommen, ob er mir ernsthafte Verletzungen zuführte. Die haben mir doch mit Freude ihre Schwerter in die Brust gerammt!“, knurrte Dark und seine Finger zuckten gefährlich.
„Bei Wunden, die ein normaler menschlicher Körper nie überleben würde, wenn ich nicht mehr aufrecht stehen konnte, erst dann haben sie mich genommen und in ein Turmzimmer gesperrt. Weißt du warum ausgerechnet ein Turmzimmer?!“, fragte er herausfordernd.
Luce schüttelte den Kopf, konnte es sich aber denken, nachdem was Neri ihm erzählt hatte…
„Dort oben hat niemand meine Qualensschreie gehört! Tagelang musste ich dort liegen, bis meine Verletzungen von selbst wieder geheilt waren! Es ist ein Fluch weißt du! Wie oft wäre ich doch gerne gestorben. So lang haben mich meine Schmerzen gequält und in den Wahnsinn getrieben. Mehrmals habe ich versucht Selbstmord zu begehen. Hab mich von Klippen gestürzt, verbrannt, oder anders den Tod gesucht. Es war erbärmlich, aber so wollte ich nicht weiterleben. Irgendwann war es soweit, dass ich meine Gegner weitaus überragte. Ich war schnell, geschickt und talentiert, wie sich herausstellte. Ich habe sie alle umgebracht.“
„Waren das keine Schatten?“
„Am Anfang nicht, da waren es nur naive Anhänger des Schattenmeisters, doch als die mir nicht mehr stand halten konnten, haben mich natürlich die Schatten trainiert. Doch auch die waren mit der Zeit keine Herausforderung mehr. Da fing es wieder an, sie haben sich Gerüchte über mich erzählt, haben mich verspottet, weil ich kein richtiger Schatten war. Ich hab gelernt damit umzugehen und irgendwann zeigten ihre Spielchen keine Wirkung mehr, doch das machte sie erst richtig sauer. Ein Schatten kann es absolut nicht leiden, wenn man ihn lächerlich macht!“
Ja das war wohl richtig so. Luce dachte sofort an den Tag zurück wo er die Gaststätte betreten hatte und die Leiche in der Ecke liegen sah. Der Mann hatte Dark provoziert und dafür bezahlt. Dann war er einem Schatten doch ähnlicher als er aussah.
„Letztendlich hatten wir aber eins gemeinsam, wir hatten eine unbändige Wut auf die Menschen und wir haben uns an allen gerächt die so dumm waren uns in Frage zu stellen! Angefangen bei meinem alten Dorf. Ich sehe noch heute, wie sie mit vor Schock geweiteten Augen um Gnade gewinselt haben, aber niemand von uns hatte Mitleid.“ Dark schwieg einen Augenblick „Wir waren wirklich Monster. Ein Menschenleben bedeutete uns gar nichts und es interessierte auch keinen ob unsere Opfer unschuldig waren oder nicht. Viele Dörfer haben wir ausgelöscht. Die Menschenleben, die ich auf dem Gewissen habe sind so viele, dass du mich alleine dafür verachten kannst. Ich würde es dir nicht mal übel nehmen.“
Luce schwieg. Dark war also in der Vergangenheit wie ein echter Schatten, aber er war letztendlich eben doch noch ein Mensch, er bereute seine Taten jetzt. Zumindest glaubte Luce das.
„Damals war es mir noch egal. Es hat sich dann alles geändert, als ich den wahren Grund für meine Erschaffung als Schatten erfuhr. Ich war nichts anderes als ein Experiment. Der Schattenmeister wollte einen perfekten Krieger. Ein echter Schatten taugte dafür nicht, weil er einen menschlichen Körper hatte, der ihm nicht gehört. Im Schattenspiegel bestände dann die Gefahr, dass sich der Schatten endgültig vom Menschen löst. So wären beide gestorben. Ein Mensch kann ohne seinen Schatten nicht leben und umgekehrt ist es genauso.“
Luce verstand. Es war eigentlich ganz simpel. Wenn es war, wie Dark erzählt hatte, dann waren die Menschen, die von ihren Schatten übernommen wurden, nichts anderes als schwache Seelen. Der Aufenthalt im Schattenspiegel aber verlangt vom Geist absolute Stärke, sonst zerbricht er an der negativen Energie. Dark hatte als einziger diese Stärke besessen.
„Es hat dem Schattenmeister allerdings nicht in den Kram gepasst, dass mein Geist stärker war, als er gedacht hatte. Ich konnte mich so nicht nur dem Auswahlspielchen entziehen, sondern auch der negativen Schattenenergie, die meinen Verstand ausschalten sollte. Geplant war ein Schatten mit eigenem Körper, aber ohne eigenem Willen. Das hat bei mir nicht funktioniert. Und als der Schattenmeister das eingesehen hatte, haben mich die anderen auf Befehl hin ausgeliefert. An den König haben sie mich verkauft!“
„Was war der Preis für dich las gefährlichen Schatten? Wenn ich das mal so fragen darf?“ Luce hatte schon gehört das Neri Dark aus dem Schlosskerker befreit hatte, aber weshalb sollte man den Feind unter sich gefangen halten?
„Was wohl? Das Übliche halt, dass die Stadt in Ruhe gelassen wird, dass man dem König nichts antut, und so weiter. Moria war doch schon immer eine Schande von einem König! Er sorgt sich nur um sein eigenes Wohl, sein Volk interessiert ihn nicht! Im Grunde ist er nicht besser als der Schattenmeister!“, verächtlich spuckte Dark aus und verschränkte die Arme „Eins habe ich gelernt, da unten in diesem Drecksloch! Du kannst einem Schatten nicht vertrauen, es geht einfach nicht! Zu tief sitzt in uns der Hass und die Enttäuschung von dieser Welt!“
Jetzt hatte er es! Luce versteckte sein Grinsen. Darks Schwachstelle, oder eher seine Absicht. Er mochte zwar wie ein Schatten aussehen, denken und in Teilen auch handeln, aber letztendlich tat Dark des aus Frust. Wenn er schon als kleines Kind wie ein Monster behandelt wurde, kann man nichts anderes erwarten. Luce wollte gar nicht wissen, wie tief der Hass über die Menschen in Dark saß. Aber Neri hatte etwas in ihm erweckt, etwas das schon lange tot war. Vertrauen und ein Gefühl von Geborgenheit. Alles was Dark in seiner Vergangenheit getan hatte, basierte auf seiner unterdrückten Wut, aber jetzt war er anders. Letztendlich wollte er einfach nur akzeptiert werden. Schon die ganze Zeit fühlte er sich einsam und verlassen. Neri hatte ihn aus seinem dunklen Loch zurück ans Licht geholt.
„Danke Dark, dass du mir das erzählt hast.“, sagte Luce und lächelte matt.
Er winkte ab „Schon okay. Und wenn ich ehrlich bin, tat es eigentlich ganz gut mit jemanden darüber zu reden.“, er grinste leicht und lehnte sich entspannt zurück. Endlich war es raus. Dann plötzlich fuhr Dark hoch „Aber das bleibt unter uns, kapiert?! Wehe wenn jemand davon erfährt, dass ich dir meine Vergangenheit erzählt habe, dann mach ich dich fertig!“ Er drohte mit der Faust und fletschte die Zähne.
Luce lachte „Wieso, ist doch egal.“
„Nein ist es nicht! Aber was versteht schon ein Einauge, wie du, davon!“
„Dann sag mir doch mal, warum du es Neri nicht erzählt hast? Das würde mich jetzt schon interessieren.“, meinte Luce und hob die Augenbrauen.
Dark seufzte genervt „Ich hab ihr so oft gesagt, dass sie mir nicht vertrauen soll und sie tut es trotzdem. Sie hat keine Angst vor mir, wie sonst die Menschen die mir begegnen. Oder Hass und Wut. Wenn sie wüsste, wie ich früher war und aus welchen Gründen ich gehandelt habe, würde sie ein ganz anderes Bild von mir bekommen. Selbst du siehst in mir keine Bedrohung mehr!“, keifte Dark und hob arrogant das Kinn „Ich hab so lange den Bösen gespielt, dass ich gar nicht anders kann als weiter so zu leben! Die Welt hat mir diese Rolle zugeteilt und die spiele ich jetzt auch, ob es dir passt oder nicht!“
„Es ist mir egal, was du von dir hälst.“, sagte Luce und in seiner Stimme klang dabei ein Hauch von Mitgefühl, aber das bemerkte Dark nicht „Ich denke das du dich schon von ganz alleine ändern wirst, aber eine Frage bleibt offen und die würde ich gerne noch beantwortet bekommen.“
Misstrauisch runzelte Dark die Stirn „Ach ja? Und was soll das für eine Frage sein?“
„Wenn du für die Welt den Bösen spielst, den sie braucht um sich gut zu fühlen, kannst du dann auch den Freund spielen, den Neri braucht um glücklich zu sein?“

-xXx-

Missmutig sah sie hin und her. Alia hatte sie doch tatsächlich mit hier her geschleift. Neris Blick wanderte verstohlen über den Tisch. Wenn sie ehrlich war, bei all den Köstlichkeiten bekam sie schon Hunger. Am Tischende saß Lord Enrok. Er hatte die Hände zusammengefaltet und sein Kinn darauf abgestützt, mit einem schmalen Lächeln beobachtete er seine Gäste.
Neri fühlte sich nicht wohl. Das mochte zum einen an dem Kleid liegen, dass sie anhatte, oder aber, und das glaubte sie eher, an Lord Enroks hungrigem Blick. Er sah aus wie ein wildes Tier, das gleich über seine Beute herfiel. Neri schauerte es und sie wandte ihren Blick zurück auf ihren Teller.
Alia aß auch etwas, wenn auch nur aus Höflichkeit. Sie wollte genauso schnell wieder weg wie Neri. Seit sie die Mauern der Festung betreten hatten, hatten beide ein schlechtes Gefühl.
„So, ich hoffe ihr habt unseren ungestümen Empfang verziehen.“, er lächelte, aber es war ein falsches Lächeln.
„Vielen Dank, das Essen war wirklich köstlich.“, sagte Alia mit gespielt freudiger Miene. Der Lord lachte leise „Ja wirklich? Ich gebe das Kompliment gerne an die Küche weiter.“
„Wir müssen dann aber auch gleich wieder weiter!“, warf Neri schnell ein. Sie wollte weg hier und zwar sofort.
Alia warf ihr einen mahnenden Blick zu, doch Neri schien es nicht zu sehen, oder wollte es nicht sehen.
„Unsere Freunde warten sicherlich schon!“
„Ihr wollt uns schon verlassen?“, gespielt beleidigt verzog Enrok die Mundwinkel „Dabei ist es draußen doch bereits dunkel. Ich könnte nicht ohne schlechtes Gewissen, zwei junge Damen alleine gehen lassen. Bitte bleibt noch diese eine Nacht.“
Alia holte tief Luft, dann sagte sie „Machen Sie sich keine Sorgen, wir sind nicht so schutzlos wie wir aussehen!“
„Tatsächlich.“ Enroks Lächeln nahm unheilvolle Züge an „Seid ihr das?“
Neri nickte „Ja, wir sind schließlich auch nicht unbewaffnet.“ Sie wollte an ihren Gürtel greifen und dem Lord ihren Dolch zeigen, doch sie tastete ins Leere. Mist! Sie hatte ihren Gürtel bei ihren Sachen gelassen. Im selben Moment verfluchte sie sich für ihren Leichtsinn.
Enrok grinste „Es ist sicherer für euch heute Nacht hier zu bleiben. Wir haben noch zwei Zimmer frei.“
Alia kaute nervös auf ihrer Unterlippe rum. Auch sie hatte keine ihrer Waffen bei sich. Wieso hatten sie sich auch von den Dienstmädchen umziehen lassen? Weil der Lord es angeordnet hatte? Bestimmt nicht, alles Lügen, allein schon dieses falsche Lächeln.
Ein flaues Gefühl machte sich in Neris Magengegend breit. Sie verzog kurz das Gesicht, dann wurde ihr auf einmal schlecht. Lag das am Essen? Sie sah zu Lord Enrok, der sie mit schmalem Lächeln beobachtete. Plötzlich ging Neri ein Licht auf. Alarmiert fuhr sie zu Alia herum, verlor dabei das Gleichgewicht und musste sich am Tisch abstützen, um nicht hinzufallen.
Sie wollte was sagen, doch ihr versagte die Stimme „Alia, das…!“
Auch die junge Frau schien sich plötzlich nicht mehr wohl zu fühlen. Sie warf Enrok einen vernichteten Blick zu, dann kippte sie vorne über.
Mit einem dumpfen Schlag, knallte auch Neris Kopf auf den Boden. Das Letzte was sie sah waren zwei Fuß Paare, die vor ihr zum stehen kamen, dann wurde ihr schwarz vor Augen.
„Schlaf gut, liebes Mädchen.“ Gelächter, dann Stille.

Benommen tastete sie den Boden ab. Stein, kalter Stein. Sie schrak hoch und hielt sich daraufhin gleich krampfhaft den Bauch. Was war das nur für ein übles Gefühl? Nur mit Mühe konnte sie den Drang unterdrücken sich zu übergeben.
„Neri bist du das?“ Das war Alias Stimme, sie war hier! Aber Neri konnte nichts sehen, es war stockdunkel, nur ein schmales Fenster warf einen kleinen Lichtschein den langen Gang entlang. Mondlicht, es war also noch Nacht. So lange konnte sie dann gar nicht bewusstlos gewesen sein.
Vorsichtig tastete sich Neri in die Richtung, aus der sie Alias Stimme gehört hatte. Kurz darauf bekam sie kaltes Metall zu fassen. Gitterstäbe.
„Alia, bist du hier?“, fragte sie vorsichtig ins Dunkel. Wer wusste schon, wer sonst noch hier rum saß?
„Ja, geht es dir gut?“, fragte die junge Frau besorgt und jetzt konnte Neri auch ihr Gesicht sehen, nah an den Gitterstäben die sie von einander trennten.
„Mir ist nur etwas schlecht, aber wichtiger noch, wo sind wir hier?“
Alia zuckte im Dunkeln mit den Schultern „Keine Ahnung, garantiert in irgendeinem Verließ. Dieser Enrok, der hat uns sicher was ins Essen gemischt!“, fluchte sie und krallte ihre Finger um die Eisenstäbe.
Neri seufzte. Sie waren so leichtsinnig gewesen. Alles war so offensichtlich und sie sind trotzdem drauf reingefallen.
Ein neuer Würgereiz kam in ihr hoch und sie fasste sich schnell über den Mund, um sich nicht zu übergeben. Dabei stieß Neri mit ihren Fingern gegen Metall. Prüfend tastete sie ihren Hals ab. Schockiert fuhr sie zurück. Ein Metallring!
„Alia, die haben uns angekettet.“, flüsterte sie und rasselte etwas mit der Eisenkette um den Ring.
Die junge Frau nickte „Das sind Sklavenhändler, Neri. Was hast du erwartet.“
„Und wie kommen wir jetzt hier raus?“
„Hier kommt keiner mehr raus.“, flüsterte eine fremde Stimme. Ein Mädchen jedenfalls „Der Lord lässt jetzt schon seit Jahren Menschen zu sich bringen, keiner ist je wieder frei gekommen.“
Alia spähte ins Dunkel um besser sehen zu können, ohne Erfolg. Man vernahm nur leises Atmen und das gelegentliche Rasseln einer Kette.
„Entweder wirst du verkauft, oder musst hier dem Lord dienen.“, sagte eine andere, etwas tiefere Stimme. Ein älterer Mann.
„An wen verkauft der Lord denn seine Sklaven?“, fragte Alia interessiert.
„Das ist ganz unterschiedlich. Hauptsache reich müssen sie sein. Aber in letzter Zeit macht der Lord immer wieder Geschäfte mit den Leuten aus Resielle.“
Neri riss die Augen auf. Resielle? Das war doch die Provinz im Westen, wo der Schattenmeister regiert!
„Mit Schatten?!“, fragte sie aufgebracht und schlug die Hände gegen die Gitterstäbe.
„Wer weiß, die die nach Resielle kommen, sieht eh keiner mehr. Da hast du schon richtig Pech.“
Das konnten sie sich nicht leisten. Sie mussten zwar nach Resielle, aber sie konnten nicht riskieren, dass sie dort als Spielzeug für die Schatten endeten. Wütend schlug Neri erneut gegen die Gitter.
„Psst Mädchen, nicht so laut, wenn…“
Im nächsten Moment wurde allerdings schon eine Tür aufgerissen. Schwere Stiefel kamen eine Treppe runtergelaufen. Sofort war Stille in den Zellen. Neri blieb wo sie war, die Hände umklammerten fest das Metall, der Kopf drückte von innen dagegen. Mit zornigem Blick starrte sie dem bulligen Mann entgegen, der vor ihr zum stehen kam.
„Der Lord will dich sprechen!“, sagte er ausdruckslos und zog einen Schlüssel von seinem Bund. Quietschend wurde die Eisentür geöffnet und ein kräftiger Ruck an Neris Hals, beziehungsweise dem Ring und der Kette, zog sie aus ihrer Zelle. Stolpernd kam sie zum stehen und verengte die Augen zu Schlitzen. Sie wusste, dass sie jetzt keine Chance hatte zu entkommen, aber die würde sie vielleicht noch bekommen und solange musste sie brav folgen. Auch wenn ihr das mehr als nur Missfiel.
Wiederwillig trottete sie die Treppe hoch. Ein langer Gang erstreckte sich vor ihr. Eine weitere große Treppe führte an der Seite höher nach oben. Neri versuchte sich den Weg genau einzuprägen, dass falls sie wirklich fliehen konnte, später Alia wider finden würde.
Es ging noch einige Gänge entlang und noch eine weitere Treppe hoch, dann standen sie auch schon vor einer doppelflügligen Tür.
Der bullige Mann klopfte, worauf eine gedämpfte Stimme fragte „Wer da?“
„Ich bringe das Mädchen!“, antwortete er und öffnete.
Im Gegensatz zu den kühlen Fluren, war es hier im Raum angenehm warm. Ein Feuer brannte im Kamin und sofort holte Neri tief Luft, sie spürte wie sich kleine Härchen bei ihr aufstellten und alarmiert schrien. Warum musste es immer ein Feuer sein, das so schön warm war.
„Oh, ich hoffe man hat dich nicht geweckt.“, säuselte Enrok und bot Neri einen Stuhl an, um sich hinzusetzen. Mit einer wedelnden Handbewegung wies er den Mann auf zu gehen.
„Ich hab nicht geschlafen.“
„Nicht? Aber du bist plötzlich umgekippt.“, sagte der Lord und tat als wüsste er von nichts.
Neri schloss für einen Moment die Augen, dann sprang sie auf und packte ihn grob am Kragen „Jetzt spielen Sie mal nicht den Unschuldigen!“, fuhr sie Enrok wütend an „Sie wissen doch genau was hier  vor sich geht! Sie sind dafür verantwortlich!“ Der Zorn brodelte nur so in ihr.
„Na, na, es gibt keinen Grund gleich rum zu schreien. Im Übrigen mag ich keine aufbrausenden Frauen.“ Er entzog sich Neris Griff, die zu verblüfft war und zurück auf ihren Stuhl sank.
„Gut ich gebe zu, meine Art euch willkommen zu heißen war nicht gerade die feinste.“
„Wie bitte?! Sie haben uns betäubt, in einen Keller gesperrt und dann sagen Sie ‚nicht die feine Art’?!“, keifte Neri und ballte die Hände zu Fäusten „Dazu kommt noch, diese lächerliche Metallkette! Wir sind doch keine Tiere!“
Ein Lächeln schlich sich auf Enroks Lippen „Aber es hat doch auch seinen Reiz, findest du nicht?“
Verstört runzelte Neri die Stirn. Der Kerl war widerlich, so viel hatte sie jetzt schon begriffen. Widerlich und irre!
Lord Enrok schmunzelte „Ich muss zugeben, für junge Mädchen hatte ich schon immer eine Schwäche.“, murmelte er gedämpft und kam mit langsamen aber gefährlichen Schritten näher auf sie zu, bis er direkt vor ihr stand. Angewidert drückte sich Neri weiter in die Stuhllehne, um möglichst viel Abstand zwischen sich und den unheimlichen Kerl zu bringen.
„Hören Sie, ich hab nicht vor länger hier zu bleiben! Meine Freundin und ich müssen weiter!“
„Ich wüsste nicht wohin ihr jetzt noch solltet? Ihr gehört beide mir.“, erklärte er und rieb sich nachdenklich das Kinn.
„Entführt haben Sie uns! Das hat nichts mit Besitz zu tun! Davon mal abgesehen, sind wir immer noch Menschen und keine Ware!“, stellte Neri aufgebracht klar und erhob sich. Jetzt war endgültig die Zeit um von hier abzuhauen „So, das wars! Ich gehe jetzt!“ mit diesen Worten drehte sie sich um und ging auf die Tür zu.
Ein Ruck an dem Metallring lies sie stoppen und schmerzvoll das Gesicht verziehen. Der verdammte Ring drückte ihr unverschämt hart gegen die Luftröhre. Sie keuchte kurz, dann fuhr sie herum „Lassen Sie mich sofort los!“, knurrte Neri und ihre Augen funkelten zornig.
„Ich glaube, dich verkauf ich noch nicht gleich. Dir muss man erst noch Manieren beibringen.“, lächelte Enrok kalt und zog Neri an der Kette zu Boden. Sie fluchte und wollte sich gerade aufraffen, als sich ein schwerer Stiefel auf ihren Handrücken stellte. Sie schrie auf und sank wieder zusammen. Der Schmerz lies ihre Hand nach und nach taub werden.
„Wie schon gesagt, ich mag keine aufbrausenden Frauen, aber vielleicht kann man dir noch helfen, Kind!“, lachte Enrok und drehte seinen Absatz kräftig auf Neris Handrücken. Sie schrie erneut und krallte ihre Fingernägel krampfhaft in den Holzboden.
Plötzlich lies der Druck auf ihrer Hand nach und sie wurde grob an der Kette wieder nach oben gezerrt.
Neri starrte dem Lord kalt ins Gesicht. Sie durfte jetzt keine Schwäche zeigen, sie musste versuchen eine Lücke in seiner Aufmerksamkeit zu finden. Es war im Grunde keine andere Situation, als wenn sie im Kampf mit einem Monster war.
Enrok lachte nur „So ein kühler Blick steht dir nicht, Süße!“ mit spöttischem Gelächter warf er sie auf das rote Sofa, das vor dem Karmin stand. Neri hob die Faust und wollte zuschlagen, aber sie hatte nicht genug Kraft. Er fing ihre Hand ab und drückte sie grob in die Polster. Rot! Rot wie Blut und Feuer. Beides mochte sie nicht, welch eine Ironie.
„Lassen Sie mich sofort los!“, schrie Neri fordernd und trat mit ihren Beinen um sich. Dann spürte sie plötzlich Wiederstand und der Griff um ihren Arm lockerte sich. Hatte sie ihn erwischt? Im nächsten Moment packte der Lord ihren Fußknöchel und drückte ungnädig fest zu. Ein höllischer Schmerz durchfuhr Neris Gelenk und sie schnappte erschrocken nach Luft.
„Da muss aber jemand noch einiges lernen.“, flüsterte Enrok. Tatsächlich, sie hatte ihn vorhin getroffen. Ein kleiner Rinnsal Blut lief ihm an der Schläfe entlang. Wenigstens etwas.
Er packte sie erneut an den Armen und hielt diese mit einer Hand zusammen, die andere zog langsam am Stoff des Kleides. Neris Augen weiteten sich entsetzt und sie versuchte sich unter Enrok vor zu kämpfen „Sobald ich hier wegkomme, bring ich Sie um!“, schrie sie panisch und sah schockiert zu, wie der Lord nur schmal lächelte und ihr Kleid weiter hochschob. Sollte jetzt das Feuer im Kamin ausbrechen und diesen Kerl verschlingen, sie würde ihre Furcht vor den grausamen Flammen verlieren. Bitte, nur dieses eine Mal wäre Neri dankbar für einen Brand.
Ein klirrendes Geräusch allerdings lies den Lord innehalten. Auch Neri sah erschrocken auf und nutzte die Gelegenheit um Enrok von sich zu stoßen und die Arme fest um ihren Körper zu schlingen. Ihre Atmung wollte sich nicht beruhigen, so schloss sie die Augen und kniff sie fest zusammen.
„Na, wer wird denn hier mit kleinen Mädchen spielen?“
Neri spitzte die Ohren. Konnte das sein? Hatte ihr Gehör ihr auch keinen Streich gespielt?
„Wie kannst du es wagen, einfach durch mein Fenster zu platzen!“, keifte der Lord zornig und stand vom Sofa auf.
„Die Türen waren zu und die Wachen haben mich nicht reingelassen! Außerdem kann ich es nicht erlauben, dass du meine kleine Freundin zum schreien bringst!“
Neri öffnete die Augen und starrte zum Fenster. Nein, ihre Augen täuschten sie sicher nicht. Zwei rote Kristalle leuchteten ihr grinsend entgegen.
„Hör zu, du Schwachkopf!“, setzte Enrok an „Was genau willst du hier?! Das ist kein Spielplatz!“
Dark lachte nur, dann sagte er „Du bist doch Sklavenhändler, richtig? Lord Enrok wenn ich mich nicht täusche.“
„Woher kennst du mich?“
„Ach, weißt du. In Resielle sind deine Waren sehr beliebt, besonders junge Frauen. Meine Freunde haben mir den Tipp gegeben auch mal herzukommen.“, erklärte Dark unbeirrt.
Enrok schluckte „Was willst du? Ich habe meinen Platz am Markt!“
„Tut mir ja schrecklich leid, aber ich habe leider keine Zeit und gestern war sie da, noch nicht bei euren Waren dabei.“ Er zeigte auf Neri, die erschrocken weiter zurück wich. Was erzählt Dark da bloß? War er am Ende genauso verrückt wie Enrok? Zuzutrauen wäre es ihm.
„Schön wie du willst. Was bietest du für sie?“, ergeben knirschte der Lord mit den Zähnen.
Grinsend zog Dark einen kleinen Lederbeutel aus seiner Hosentasche „Ich denke, dass sollte reichen.“
Zähneknirschend entriss Enrok ihm den Beutel und besah sich prüfend den Inhalt, dann ging er zurück zum Sofa und zog Neri an der Kette zu Dark.
„Hier, sie gehört dir!“, knurrte er und wies Richtung Fenster „Hättest du also jetzt die Güte wieder zu gehen?“
„Sicher. Aber diesmal würde ich gerne die Tür nehmen.“, erklärte Dark und zog Neri mit sich.
Kaum waren die schweren Holzflügel hinter ihnen ins Schloss gefallen, drehte sich Dark zu Neri um und verpasste ihr eine schallende Ohrfeige.
Neri riss erschrocken die Augen auf und fasste sich an die gerötete Wange. Der Schlag war nicht wirklich fest, kam aber so unerwartet, dass sie nicht darauf vorbereitet war. Dann sah Neri entrüstet zu Dark auf „Wieso hast du…?!“
„Wie kann man nur so leichtsinnig sein!? Alleine loszuziehen, von Sklavenhändlern entführt werden! Weißt du eigentlich was der Kerl mit dir gemacht hätte, wenn ich nicht rechtzeitig gekommen wäre?!“, schimpfte Dark laut und packte sie hart an den Schultern.
Verunsichert durch Darks plötzlichen Wutausbruch, stammelte Neri nur „A- aber…“
Er schüttelte den Kopf „Nichts aber! Zu spät ist zu spät! Das nächste mal hast du vielleicht nicht so viel Glück!“
„Ich wollte dich doch nur wiedersehen!“, schrie Neri nun und krallte sich in Darks Ärmel. Verzweifelt drückte sie ihr Gesicht gegen seine Brust „Ich hab dich vermisst.“
Er schluckte. ‚Konnte er für Neri den Freund spielen den sie brauchte um Glücklich zu sein?’ Das hatte Luce ihn zuletzt gefragt. Er hatte nicht geantwortet, aber jetzt wo Neri vor ihm stand, wurde er unsicher. Er wollte sie nicht nochmal so verletzen.
Vorsichtig legte er die Arme um sie und schloss die Augen „Ich- ich dich auch.“, flüsterte er leise.

11. Kapitel

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Kapitel 11

Niedergeschlagen und enttäuscht trottete Neri zu ihren Freunden zurück. Wie es aussah hatten diese sich in der Zwischenzeit nützlich gemacht und alle brauchbaren Überreste des Planwagens und dessen Ladung beisammen geschafft. Jetzt saßen sie an einem kleinen Feuer, wo Batun gemeinsam mit Alia eine Art Suppe kochte, jedenfalls roch es danach.
Yui hob den Kopf, als sie Schritte hörte und wollte ihrer Schwester schon entgegen eilen, doch als sie deren betrübten Blick sah, schluckte sie nur und nahm die Hand runter, mit der sie Neri entgegen winken wollte.
Als sie das kleine Lager erreicht hatte, starrte Neri kalt auf die Gruppe herab „Glückwunsch, ihr habt gewonnen! Dark ist weg!“ fest presste sie die Lippen aufeinander um deren zittern zu verstecken „Ihr habt es geschafft! Ihr habt ihn vertrieben! Seid ihr jetzt zufrieden?!“
Ausdruckslos erhob sich Luce und stellte sich vor sie „Warum hast du ihn dann nicht aufgehalten zu gehen?“
„Ich kann ihn ohnehin nicht zwingen zu bleiben, wenn er nicht will!“
Luce schüttelte langsam den Kopf „Dann kann er dir ja gar nicht so wichtig sein, wie du tust!“
Mit einem lauten Schrei, stürzte sich Neri auf ihn und riss ihn zu Boden. Ihre wutverzerrten Augen funkelten ihn an. Das war zu viel.
„Oho, warum denn gleich so sauer? Ich meine, ist doch wahr. Wenn du nicht wenigstens versucht hast ihn aufzuhalten, dann scheint er dir auch nicht wichtig zu sein, das…“
„Sei still!“, unterbrach Neri ihn mit lauter Stimme und wollte schon die Faust erheben, um ihn mit Gewallt zum Schweigen zu bringen, doch bevor sie ihrem Zorn nachgehen konnte, wurde sie von hinten festgehalten. Wild strampelte sie um sich und hinterließ blutige Kratzer auf der Haut ihrer Freunde, die sie mit Mühe von Luce runterzerrten.
Nachdem Neri eingesehen hatte, dass es keinen Sinn machte sich weiter zu wehren, lies sie sich kraftlos auf die Knie fallen. Wütend schlug sie auf den Boden ein. Die beruhigenden Worte und besorgten Blicke blendete sie komplett aus. Sie hörte nichts, außer das Rauschen ihres Blutes im Ohr. Warum war sie jetzt so wütend? Aber ihr Ärger galt weder Luce noch den Anderen, nicht mal Dark. Sie war alleine auf sich sauer, weil sie ihn einfach hatte gehen lassen. Im Nachhinein war es ein unmögliches Vorhaben, ihre Kameraden davon zu überzeugen, dass Dark bleiben konnte! Sie glaubten ihr oder ihm sowieso nicht! Aber anders betrachtet, was genau hätte sie tun können um Dark davon abzuhalten einfach zu gehen? Nichts, und wenn sie so recht überlegte hätte sie auch nie etwas tun können. Die ganze Zeit in der er da war, hatte er oft genug die Gelegenheit gehabt zu gehen, ohne das sie ihn wirklich daran hindern hätte können. Dark war geblieben, aber kaum waren jetzt die Anderen da, verschwand er einfach. Was war der Grund? Neri konnte sich sein Verhalten nicht erklären. Erst tat er so, als ob es ihm egal wäre, was die anderen über ihn dachten und im nächsten Moment, war er wieder Enttäuscht, dass Neri ihm offenbar doch etwas Misstraute. Er widersprach sich selbst. Was genau war Darks Ziel, was wollte er erreichen?  Continue reading »

Eine Hand legte sich auf ihre Schulter und brachte Neri so zurück in die Gegenwart und fort von ihren Gedanken zu Dark.
„Weißt du Neri“, begann Yui und setzte sich neben sie „ich bin richtig froh darüber, dass du am Leben bist und es dir gut geht, aber ich hab das Gefühl, dass du das alles hier nicht wahrnimmst.“
Irritiert sah Neri auf.
„Ich meine, wir sind alle wieder zusammen.“, erklärte sie „Du, Keiko und ich. Und wir haben Begleiter gefunden, Freunde.“ Sie wies auf die anderen, die besorgt zu ihnen herüber sahen.
„Du machst diesen Moment kaputt, weil du jemanden hinterher trauerst, der es nicht mal Wert ist.“
Wütend fuhr Neri herum „Woher willst du das wissen!?“
„Na hör mal, er ist ein Schatten!“, verteidigte sich Yui und verschränkte die Arme vor der Brust.
„Aber du kanntest ihn doch gar nicht, um so urteilen zu können!“
„Glaub mir, dass brauch ich auch nicht! Diese Monster sind alle gleich!“
„Monster?!“, wiederholte Neri und ihre Hände zuckten wieder. Das ihre Knöchel bluteten und an gestaucht waren, vom Einschlagen auf den harten trockenen Boden, nahm sie gar nicht mehr war.
„Sicher, die Taten eines Schatten sind doch mindestens genauso grausam wie die von Monstern! Die sind alle…“
„Es reicht Yui!“, zischte Keiko warnend und zog seine Schwester von Neri weg „Übertreib nicht, ja?!“
Neri wollte nichts mehr hören. Was die anderen von Dark dachten, dass waren alles nur Vorurteile! Sie kannten ihn nicht, sie wussten nicht, dass er ganz anders war, oder sein konnte. Gut, am Anfang hatte sie auch Zweifel gehabt, aber Dark hatte ihr bewiesen was wirklich in ihm steckten konnte.
„Neri? Kann ich dich kurz sprechen?“
Sie hob den Kopf und sah in die zwei leeren Augen des Magiers „Aber nicht hier, komm doch bitte mal mit.“
Natürlich, Batun wusste wie Dark war, und er wusste auch das die anderen im Unrecht waren. Er konnte ihr sicherlich helfen, sie zu überzeugen.

-xXx-

Ziellos stapfte er über die weiten Felder. In der Nähe war eine Stadt. Das Problem war nur, dass es kaum einen Ort gab, an dem er nicht bereits als Feind galt. Dark seufzte und so lief er an den großen Stadttoren vorbei. Plötzlich aber hielt er inne und besah sich ein Aushängeschild. Flugblätter. Ein Haufen Flugblätter waren hier aufgehängt. Es dauerte nicht lange bis Dark schließlich sein eigenes Gesicht zwischen all den Gaunern und Dieben gefunden hatte.
Amüsiert zogen sich seine Mundwinkel nach oben. Sie hatten ihn gut getroffen, besonders seine gefährlichen Augen stachen hervor, auch wenn das Bild schon ziemlich alt und vergilbt war.
Wenn er sich die anderen Bilder so ansah, stellte er schnell fest, dass er der Jüngste unter ihnen sein musste. Gut, er war sicher älter als die anderen, aber äußerlich sah er aus wie achtzehn, oder so…
Er setzte seinen Weg fort, über die weite Landschaft, bis in ein kleines Wäldchen. Erleichtert lies er sich auf einem Stein nieder. Die Hitze machte ihm schon wieder zu schaffen. Wenigsten schirmten ihn hier die Bäume vor den gnadenlosen Strahlen der Sonne ab. Nicht das sie ihm so gefährlich waren wie den anderen Schatten, aber die Hitze bekam selbst ihm nicht gut. Es wurde wieder dunkel und langsam wurde auch Dark Müde von dem ganzen Laufen. Er fand eine kleine Höhle und als er sicher war, dass sie unbewohnt war, lies er sich auf dem kalten Stein nieder. Er wollte sich ja nicht das Bett mit einem wilden Tier teilen.
Dark hatte es geschafft, er hatte alles was er wollte. Er war frei, hatte seine Ruhe und einen, wenn auch nur provisorischen, Unterschlupf. Die Stille tat gut, aber wenn er ehrlich war, vermisste er Neris Anwesenheit. Und er würde sich selbst belügen, wenn er behauptete, dass er sie nicht mochte. Er hatte eine gewisse Sympathie für das Mädchen entwickelt. Sie hatte ihn akzeptiert wie er war und Dark bezweifelte stark, dass es noch viele Menschen gab, die so über ihn dachten wie sie. Wenn er zurückdachte, war sie es auch gewesen, die ihn, mehr oder weniger, frei gelassen hatte. Vielleicht war es doch keine so gute Idee gewesen, einfach abzuhauen.
Er seufzte. Jetzt war es zu spät.
Alarmiert fuhr Dark plötzlich hoch. Er spürte es ganz genau, diese Kälte. Wie eine eisige Hand legte sie sich um ihn und drückte ihm brutal die Luft aus den Lungen. Er keuchte auf und hatte das Gefühl zu schwindeln. Na großartig, das hatte ihm jetzt gerade noch gefehlt. Dark wusste genau, dass es nicht um seinen Heilungsprozess handelte, es waren die kalten Hände der Schatten die nach ihm griffen. Wenn er diese Kraft schon so intensiv spürte, wollte er sich nicht vorstellen, wie es sich für einen Menschen anfühlen musste.
Angestrengt spähte er in die Nacht hinaus und erkannte schon recht bald drei rote Augenpaare, die ihn mit ihrem gefährlichen Glanz anfunkelten.
„Dark?“, fragte eine weibliche Stimme „Sag bloß, dass bist wirklich du?“ sie lachte „Ich hatte dich anders in Erinnerung, weniger… menschlich.“
Sie trat aus der Finsternis hervor. Dark erkannte sie nicht sofort, er wusste nur, dass die junge Frau mit dem kurzen schwarzen Haar zu der Gruppe gehörte, die ihn damals ausgeliefert hatte.
Ein Knurren drang aus seiner Kehle.
„Hör auf Koa, er ist es nicht wert!“ An diese arrogante Stimme konnte er sich noch am besten erinnern.
„Ritane, du sahst auch mal besser aus!“, bemerkte Dark und grinste spöttisch. Er kannte Koas Liebhaber recht gut und er war sicher, dass dieser die lange schwarze Narbe früher noch nicht im Gesicht hatte.
Grob packte der Schatten Dark am Kragen und riss ihn hoch „Du hast ja keine Ahnung!“, zischte Ritane, doch Darks Grinsen wurde nur breiter „War das Carsson?! Oder bist du als Verlierer aus einem Kampf gegangen?!“, fragte er provozierend. Dark wusste nur zu gut, was für ein schlechter Verlierer Ritane war, dass hatte er ihn auch oft genug spüren lassen, wenn Dark ihn im Schwertkampf besiegt hatte.
Der Schatten wollte gerade etwas erwidern, als eine weitere Stimme in unterbrach „Das letzte Mal das wir dich gesehen haben, da hingst du wie tot in einer Zelle. Wie kommt es das du jetzt wieder frei bist?“
Koa sah interessiert auf und auch Ritane lies ihn wieder los.
Dark verschränkte mürrisch die Arme vor der Brust „Das braucht dich überhaupt nicht zu kümmern!“
„Ich glaube schon.“, entgegnete die dunkle Stimme ruhig.
„Ach ja? Ich wüsste nicht wozu?!“
Die Gestallt trat aus dem Dunkel heraus und baute sich vor Dark auf. Ein massiger Kerl mit breiten Schultern und mindestens einen Kopf größer als er selbst.
„Du weißt aber schon warum wir dich damals ausgeliefert haben?“
Wie konnte er das vergessen. Eine Marionette sollte er sein, eine willenlose Puppe, doch da hatte er nicht mitgespielt.
Dark schnaubte verächtlich „Na und?! Ich bin frei und glaubt mir, noch mal lasse ich mich nicht von euch hintergehen! Dazu bräuchtet ihr erst mal mein Vertrauen und das könnt ihr vergessen!“
Dark war den anderen im fairen Kampf überlegen und das wussten die drei auch. Das Problem war nur, dass Schatten nun mal nicht fair kämpften. Sobald sie ihre wahre Kraft anwenden würden, hätte selbst Dark keine Chance ihnen zu entkommen.
Zum Glück war es einem Schatten nicht erlaubt, ohne Auftrag diese Kräfte freizusetzen. Eigentlich wäre das auch sein eigener Untergang gewesen, als er den Erdkriecher ausgeschaltet hatte, doch Dark war ein Verräter, er stand nicht länger unter dem Schutz von Carsson seinem Meister.
„Hör zu Dark!“, zischte der massige Kerl und drückte ihn grob gegen die kalte Höhlenwand „Noch haben wir nicht den Auftrag dich auszuschalten, doch den kriegen wir schon früh genug! Glaub nicht dem Meister würde deine Freiheit unbemerkt bleiben!“
„Verpfeift mich doch gleich, so wie früher auch!“, erwiderte Dark provozierend, erntete dafür allerdings nur erhöhten Druck gegen den Fels.
„Verlass dich drauf, dass wir das schon längst getan hätten. Zu dumm nur, dass der Meister gerade mit wichtigeren Dingen beschäftigt ist, als mit einem kleinen Wurm wie dir!“
„Minaru, lass uns gehen!“, meinte nun Koa und klammerte sich an Ritanes Ärmel „Dark ist gewarnt und mir meine Zeit zu Schade sie weiter hier in diesem Loch zu verschwenden.“
Noch einmal wurde Dark fest gegen die Wand gedrückt, dass der Fels rissig wurde, bevor Minaru ihn los lies und mit den anderen zwei Schatten in der Finsternis der Nacht verschwand.
Kaum waren sie fort, löste sich auch die kalte Hand um Dark und erlaubte ihm wieder frei zu atmen. Seine Schulter schmerzte, doch das nahm er schon nicht mehr war.
Dark hatte jetzt ganz andere Sorgen.
Zumindest wusste Carsson noch nicht, dass er wieder frei war, doch selbst das war nur eine Frage der Zeit, und die hatte er nicht. Was sollte er jetzt machen? Dark konnte es mit den Schatten nicht aufnehmen, wenn ihr Auftrag darin bestand ihn auszulöschen. Er mochte vielleicht keinen Schaden davonziehen, wenn man ihm eine Klinge durch die Brust jagte, doch soweit man ihm das damals erklärt hatte, waren die Schatten schon in der Lage ihn auszuschalten. Soweit wollte er es allerdings nicht kommen lassen.
Dark musste irgendwie sehen, dass er in den Süden kam, dort wäre er wenigstens Tagsüber vorerst in Sicherheit, aber Nachts, wenn es kühl und dunkel wurde? Musste er sich eben was überlegen.
Gleich morgen würde er aufbrechen. Die Frage war nur, wohin sollte er gehen? Die Menschen würden schnell merken, dass er anders war, wenn sie ihn nicht sogar gleich als Schatten enttarnten. Wenigstens war er im Süden weniger bekannt als im Norden.
Träge schloss Dark die Augen. Vielleicht brauchte er einfach ein wenig Glück.

-xXx-

„Was?! Warum nicht?!“ fassungslos starrte Neri dem alten Magier hinterher.
„Du hast mir wohl vorhin nicht richtig zugehört.“, sagte Batun mit ruhiger Stimme und drehte sich zu ihr um.
Sie waren ein paar Schritte gelaufen und so außer Hörweite der Gruppe, die gemütlich am Feuer beisammensaßen.
„Doch, aber das ist kein Grund, warum du nicht mit den anderen reden kannst!“
„Ich habe meine Regeln und Pflichten, ich kann die anderen nicht überzeugen.“
Mit zusammengepressten Lippen und geballten Fäusten tibbelte sie unruhig hin und her „Aber du weist genau, dass Dark keine Bedrohung ist! Warum erzählst du das den anderen nicht, dir werden sie glauben!“
Batun seufzte „Gut ich gebe zu, vor allem im letzten Kampf, habe ich Dark vertraut, aber es steht nicht in meiner Macht die anderen ebenfalls von diesem Stand zu überzeugen.“
„Aber wenn nicht du, wer dann?!“, fragte Neri verzweifelt „Bitte hilf mir doch!“
„Weder du, ich noch sonst wer wird sie überzeugen können, außer natürlich Dark selbst, aber dazu müssen die anderen bereit sein, ihm eine Chance zu geben, wo ich allerdings bezweifle, dass sie es tun werden.“
Ärgerlich und enttäuscht verzog Neri das Gesicht „Dann überrede sie dazu, du kannst sicher…!“
„Kleine, hör zu!“, unterbrach Batun sie mit etwas schärferem Ton „Es ist wie eine Prüfung, wenn ich helfe, gilt sie als nicht bestanden! Am Ende kannst du so nur verlieren!“
Irritiert runzelte Neri die Stirn. Eine Prüfung? Für wen denn?
„Ich versteh nicht ganz.“
Behutsam legte der Magier ihr eine Hand auf den Kopf „Das ist es, was ich dir die ganze Zeit über versucht habe zu erklären. Du must einfach nur Geduld haben, der Rest klärt sich von alleine.“
Geduld war in Neris Ohren nur ein anderes Wort für lange warten, sehr lange, aber sie vertraute auf Batuns Worte. Der alte Magier würde schon wissen, was er sagte.
Noch etwas betrübt begleitete sie ihn schließlich wieder zurück zum Lager. Es war bereits stockfinster, nur die Flammen des kleinen Lagerfeuers spendeten etwas Licht. Unwohl setzte sich Neri einige Meter abseits der Gruppe auf den staubigen Boden. Sie wollte möglichst viel Abstand zwischen sich und das Feuer bringen.
Yui und Keiko wussten beide um die Angst von Neri, die sie mit Flammen in Verbindung brachte, so versuchten sie sie auch nicht zu überreden, sich zu ihnen zu setzen.
Auch Alia wusste, dank Keikos Erzählung, Bescheid, aber sie wollte das, ohnehin traurige Mädchen, nicht alleine lassen. Also stand die junge Frau auf und setzte sich kurze Zeit später neben Neri, die sie verblüfft ansah.
„Du musst nicht alleine sein.“, sagte sie sanft und reichte ihr eine kleine Schüssel. Der Inhalt roch gut und sie hatte ohnehin mächtig Hunger, so dachte Neri nicht weiter darüber nach, sondern löffelte gierig die Suppe in sich hinein.
Alia schmunzelte, sagte aber nichts. Wenn Neri reden wollte, würde sie von sich aus anfangen.
„Batun meint ich soll einfach warten.“, sagte sie nach kurzer Zeit, was die junge Frau dann doch etwas überraschte. Offenbar brauchte die Kleine wirklich jemanden, dem sie sich anvertrauen konnte.
„Aber weißt du was? Ich finde das ungerecht.“
„Weil wir ihn weggeschickt haben?“
Sie nickte „Ihr habt ihn nicht gekannt, aber genau aus diesem Grund könnt ihr nicht einfach sagen, man könne ihm nicht vertrauen.“
Neris Stimme war seltsam ruhig, was Alia etwas beschämen lies. Sie machte ihnen allen Vorwürfe, und dass, so musste sie sich am Ende selbst eingestehen, zu Recht.
„Hier.“ Neri zog die Kette mit dem Erbkristall hervor „Er hatte die Gelegenheit sie mir abzunehmen, aber er hat es nicht getan. Er ist einfach gegangen.“
Jetzt musste Alia doch schlucken. Ihr wurde kalt und sie spürte ganz deutlich das schlechte Gewissen in sich aufkeimen.
„Ihr habt ihm nicht mal eine Chance gegeben.“
Sanft zog Alia das traurige Mädchen an sich und streichelte ihr beruhigend übers dunkle Haar „Sollte er wieder kommen, ich werde ihm verzeihen, wenn er es mir beweisen kann.“, flüsterte sie, aus Angst die anderen am Feuer könnten es hören.
Neri lag völlig Richtig. Und wenn es sein musste, würde sie eben den ersten Schritt machen und wenigstens versuchen ihn zu akzeptieren.
Ungläubig riss Neri die Augen auf „Wirklich?“
Alia nickte und lies sie wieder los.
Neri konnte es nicht fassen. Sie hatte schon eine ihrer Freunde auf ihrer Seite. Sie hatte es Dark versprochen, sie würde nicht aufgeben und ihn zurück hohlen, dann allerdings lag es an ihm…
Es war als würde sich ein Schalter in ihrem Kopf umlegen. Batun hatte vorhin von einer Prüfung geredet. Aber keine Prüfung für sie oder die anderen. Es war Dark, an dem es lag, ob sie ihn akzeptieren würden oder nicht. Einerseits war sie erleichtert, über die Tatsache es endlich verstanden zu haben, andererseits machte diese Erkenntnis die Sache nicht besser. Soweit sie Dark kannte, war er ein schwieriger Typ, verrückt und unbesorgt. Sicher würde er diese Gelegenheit sich zu Beweisen wieder kaputt machen.
Neri stöhnte entnervt. Dark war ein hoffnungsloser Fall, aber helfen konnte sie ihm nicht, lediglich die anderen davon überzeugen, dass sie ihm eine Chance geben sollten, so wie Alia.
„Bist du müde?“
Die junge Frau schien ihr Stöhnen wohl anders interpretiert zu haben, doch jetzt wo sie es aussprach, überkam Neri doch eine leichte Müdigkeit. Sie nickte benommen und wollte sich schon hinlegen, als Alia zurück zum Lager lief und ein Fell, dass nicht Opfer der Erdkriecherattake geworden war, besorgte und es ausbreitete.
„Du solltest nicht auf dem harten Boden schlafen.“, sagte sie mit einem Augenzwinkern und legte sich demonstrativ auf das weiche Fell. Es war groß genug für sie beide. Seufzend legte sich Neri neben Alia und lies Gedankenverloren die Hände über die braunen Haare wandern. Erschrocken riss sie die Augen auf. Es war das Bärenfell auf dem Dark immer gelegen hatte um sich auszuruhen. Seufzend vergrub sie ihr Gesicht darin und glaubte noch schwach, zwischen Staub und Dreck, seinen Geruch wahrzunehmen.
Neri vermisste ihn und sie wollte ihn sehen. Seine glühend roten Augen, die so gefährlich und gleichzeitig warm auf sie herab gesehen hatten.
„Keine Sorge Dark, ich halte mein Versprechen.“ Mit diesem Gedanke schlief sie schließlich ein.

Ein leichtes Lächeln legte sich auf Luce Lippen. Natürlich hatte er die Unterhaltung zwischen Neri und Alia mitbekommen, wenn auch nur über Gedanken und Emotionen, doch die reichten ihm um den Inhalt zu verstehen.
Es ging also wirklich um diesen Dark. So langsam verstand er echt nicht, was Neri an diesem Typ fand, dass sie ihn so unbedingt zurück wollte. Er war immerhin ein Schatten, ein Lakai des Schattenmeisters, oder auch nicht… Auch ihn hatten ihre Worte zum Nachdenken gebracht und er hatte einen Entschluss gefasst.
Als Luce sicher war, dass alle schliefen, erhob er sich leise von seinem Fell und packte seine Sachen. Er würde Dark suchen gehen und wenn es sein musste, würde er den Mistkerl, denn für den hielt er ihn nach wie vor, mit Gewalt zurück schleifen. Bei dem Gedanken musste Luce leicht schmunzeln.
Auch wenn er wusste, dass er da vielleicht den größten Fehler seines Lebens beging, er wollte Neri nicht so traurig sehen. Ihr betrübter Blick hatte etwas in ihm bewegt, hatte seine Abneigung Dark gegenüber, im wahrsten Sinne des Wortes, in den Schatten gestellt. Er wollte ihr helfen.
„Wo gehst du hin?“, fragte eine bekannte Stimme in seinem Kopf.
Luce anfängliches Lächeln verzog sich zu einem breiten Grinsen. „Wohin wohl?“
Sein Meister antwortete nicht, ein Zeichen dafür, dass er ihn gehen lies. Batun wusste genau wie sich die Dinge entwickeln würden, doch eingreifen durfte er nicht, auch wenn er wollte oder die Möglichkeit dazu hatte, etwas zum bessern zu ändern. Ihm wahren die Hände gebunden, denn würde er diese eine Regel brechen, würde er sich in Luft auflösen. Jeder Magier besaß eine besondere Gabe. Luce eigene war es die Gefühle und Gedanken anderer wahrzunehmen. Und sein Meister sah eben den Verlauf der Dinge voraus, wie ein Zuschauer sah er auf die Welt, ohne sich aber dazu äußern zu dürfen. Soweit Luce wusste, hatte er selbst kaum Einschränkungen, er durfte lediglich nicht gewaltsam in den Kopf eines anderen einsteigen und ihn so kontrollieren. Dies würde die Gefahr mit sich bringen, dass er es nicht mehr schaffen würde, die Kontrolle loszulassen und schließlich mit dem anderen komplett zu verschmelzen. Allein der Gedanke daran, sich den Kopf mit einem anderen teilen zu müssen, lies Luce auf diesen Gebrauch seiner Fähigkeiten verzichten.
Vorsichtig und so leise es ging schlich er sich von dem kleinen Lager weg und in die Richtung in die Dark verschwunden war. Noch ein Grund warum er sich auf die Suche nach dem dreisten Schatten machte, außer ihm konnte ihn eh keiner finden. Jedenfalls nicht so schnell, wie er, der ihn aufspüren konnte. Soweit war er also noch gar nicht gekommen.
Mit schnellen Schritten war Luce bei seinem Pferd angekommen und führte es leise außer Hörweite, wo er sich in den Sattel schwang und davon ritt. Entgegen der Finsternis und dem Schatten, der sich in ihr versteckte.

Spät in der Nacht erwachte Neri aus einem Albtraum. Schwer atmend hielt sie sich die schweißnasse Stirn und versuchte ihr rasendes Herz zu beruhigen. Sie schloss sie Augen und atmete tief durch. Lag es an Darks Abwesenheit, der sonst immer neben ihr, oder zumindest in ihrer Nähe lag, dass sie jetzt schlecht schlief? Gut denkbar, allerdings hatte Neri auch, bevor sie ihn überhaupt getroffen hatte, immer recht friedliche Träume gehabt.
Was genau hatte sie da eigentlich geträumt? Es hatte alles keinen Sinn ergeben.
Sie befand sich in einer weißen Ruine, um sie herum war jedoch alles schwarz gewesen. Nur die roten Augen der Schatten starrten sie schweigend an. Neri war alleine, ihre Freunde und Gefährten sah sie nirgends. Sie wollte nach ihnen rufen, hatte aber keine Stimme. Es war kalt gewesen und noch immer spürte Neri eine kleine Gänsehaut auf ihrer Haut.
Plötzlich war er da, stand vor ihr und hielt sie, für ihn ungewöhnlich, zärtlich im Arm. Wenn Neri zurückdachte, dann hatte er sie noch nie umarmt. Erst ein lautes Knacken lies Dark sich von ihr lösen und erschrocken aufblicken. Aus dem knackenden Geräusch wurde schnell ein summender Ton. Klirrend ergoss sich ein glänzender Regen über sie, doch als er Darks blasse Haut berührte, schmolz sie unter dem hellen Glanz. Mit einem entsetzen Schrei wich Neri von ihm zurück. Vor ihren Augen zerfloss Dark in einer schwarzen dickflüssigen Substanz, die schwer zu Boden lief. Höhnisches Gelächter brachte Neri zum Aufsehen. Die roten Schattenaugen um sie herum zerliefen ähnlich in roten Flüssen, bis die leuchtende Flüssigkeit schließlich den Boden bedeckte und sich mit der schwarzen Substanz, die mal Dark gewesen war, vermischte. Ein Strudel zog Neri hinab in die Tiefe, in der sie nur die Schreie ihrer Freunde hörte.
Wie sie sich aus diesem Albtraum befreien konnte, war Neri nach wie vor ein Rätsel. Eines wusste sie jedoch sicher: noch einmal einschlafen würde sie heute nicht!
Angespannt starrte Neri in die Finsternis. Kalter Wind blies ihr ins Gesicht und ließ sie frösteln. Sie vermisste Dark, wollte ihn wieder sehen, beziehungsweise wieder zurück hohlen. Wenn sie doch nur wüsste wo er war, sie würde ihn mit Sicherheit suchen. Nie hätte sie ihn einfach so gehen lassen dürfen.
„Na los, geh schon.“
Erschrocken fuhr Neri herum. Alia lag wach, seitlich auf dem Fell und sah sie erwartungsvoll an „Du vermisst ihn, ich halte dich nicht auf.“
Konnte sie wirklich einfach so gehen? Das konnte sie Yui und Keiko nicht antun. Sie wusste ja noch nicht mal wo sich Dark aufhielt.
„Wenn du aber willst begleite ich dich.“, schlug Alia leise vor und setzte sich auf.
Etwas unsicher kaute Neri auf ihrer Unterlippe herum „Und die anderen?“
„Sie werden es verstehen. Außerdem brauchen sie sich keine Sorgen zu machen.“ Sie zwinkerte ihr zu „Schließlich bin ich bei dir und pass auf dich auf.“
Nur schwer konnte Neri sich das Lachen verkneifen und so beließ sie es bei einem Schmunzeln. Alia wirkte in ihren Augen nicht unbedingt nach einer besonders vertrauensvollen Person.
Entschlossen und aufgeregt sprang sie auf und sah noch mal zurück ans Lager. Es schliefen noch alle. Das Luce bereits nicht mehr da war, bemerkten die zwei nicht.

-xXx-

Glück? Pah! Nie wieder würde er das Wort Glück leichtfertig in den Mund nehmen, geschweige denn daran denken.
Gestern hatte Dark entschieden in den Süden zu gehen, weil er glaubte dort etwas sicherer zu sein. Heute scheiterte er bereits daran nicht zu wissen in welche Richtung er überhaupt musste. Sein Orientierungssinn war ja schon immer etwas bedürftig gewesen.
Einen Moment! Neri hatte ihm doch mal erklärt, wie man einfach die Himmelsrichtungen erkennen konnte. Irgendwas mit der Sonne… oder so ähnlich. Hätte er mal besser zugehört.
Dark hob den Kopf. Selbst das Kirogebirge war außer Sicht, so konnte Dark nicht einfach in die entgegengesetzte Richtung ziehen.
Schlecht gelaunt stapfte er einfach los. Irgendwann würde er schon am Meer ankommen. So hoffte er zumindest.
Nach einer Gefühlten Ewigkeit hatte sich die Landschaft allerdings nicht großartig geändert. Dark lief nun schon die ganze Zeit auf einem geschotterten Pfad zwischen Feldern und Waldrand. Wohin, wusste er selbst nicht.
Plötzlich hielt er inne. Irrte er sich, oder war das da vorne nicht einer von der Gruppe, die er erst kürzlich verlassen hatte.
Missmutig blieb Dark stehen und starrte angestrengt in die Richtung, aus der sich mit rascher Geschwindigkeit ein Pferd näherte.
Das hatte ihm gerade noch gefehlt. Jetzt war er anscheinend den ganzen Weg, mit dem er sich von den anderen entfernen wollte, wieder zurück gelaufen, ohne das er es gemerkt hatte.
Am liebsten hätte sich Dark einfach umgedreht und wäre im Wald verschwunden, doch seine Füße blieben stehen wo sie waren. Das passte was nicht. Ohne Zweifel ritt da Luce, dass hatte er schnell erkannt, aber wo war der Rest der Gruppe? Nachdenklich stand er da und starrte dem Reiter auf seinem Pferd entgegen.
Als Dark wieder in der Lage war sich zu bewegen, war es bereits zu spät sich zu verziehen. Er hatte sich umgedreht und wollte schon so tun, als ob er Luce nicht gesehen hatte, da rief dieser laut „Ich weiß genau, dass du es bist, also komm gar nicht erst auf die Idee dich zu verstecken!“
Genervt drehte sich der Schatten um und wollte etwas erwidern, als Luce neben ihm vom Pferd sprang und abwartend das Kinn hob. So fragte Dark nur gereizt „Und was willst du hier?!“
„Mit dir reden.“, antworte Luce knapp und brachte mit seinem Anliegen den Schatten dazu irritiert die Augenbrauen zu heben.
Eine, eine einzige Chance würde er ihm geben. Luce schmunzelte.

-xXx-

Am Ende waren sie einfach gegangen, hatten das kleine Lager hinter sich gelassen und waren die Nacht über durch gelaufen. Wohin war egal, Hauptsache vorwärts.
Alia wusste, dass Neri keine Ahnung hatte wohin Dark verschwunden war, aber die junge Frau konnte ihr trauriges Gesicht nicht mehr sehen. Und siehe da, es hatte funktioniert. Neri schien mehr als glücklich zu sein, denn sie strahlte, trotz Übermüdung, über beide Ohren, dass es fast schon unheimlich war. Mit aufgeregten Schritten gab sie die Richtung vor und summte gut gelaunt in den frühen Morgen.
„Sag mal, weißt du überhaupt wo wir hingehen?“, fragte Alia dann aber doch besorgt. Sie waren in ein kleines Wäldchen gekommen und laut dem Sonnenstand liefen sie gerade nach Süden. Alia kannte sich aus, sie wusste um die Himmelsrichtungen und Tageszeiten bescheid, schließlich war sie Seefahrerin.
Mit einem Schmunzeln im Gesicht schüttelte Neri betont langsam den Kopf, dabei schloss sie die Augen und meinte „Aber wir kommen näher.“
Skeptisch runzelte die Alia die Stirn. Sie konnte sich nicht vorstellen, dass ihre kleine Begleiterin, ähnlich wie Luce, den Schatten aufspüren konnte. Allerdings fragte sie auch nicht weiter nach. Langsam kroch dann doch das schlechte Gewissen in ihr hoch. Sie waren einfach gegangen, hatten niemandem Bescheid gesagt. Sicherlich machten sich die anderen jetzt Sorgen. Betrübt seufzte Alia. Sie hatte mal wieder gehandelt ohne nachzudenken. Wie typisch.
„Stimmt was nicht?“, kam die besorgte Frage.
„Alles in Ordnung, ich bin nur etwas müde.“
„Sollen wir eine Pause machen?“ Neri blieb stehen und drehte sich zu ihr um „Wir sind gut vorangekommen, eine kleine Rast können wir uns schon erlauben.“
Alia nickte schwach. Zwar war sie nicht wirklich müde, aber eine kurze Pause würde ihr sicher gut tun. Sie waren wirklich weit gelaufen.
Gähnend streckte sich Neri am Boden aus und blickte verträumt hoch ins grüne Blätterdach. Leicht schienen sanfte Sonnenstrahlen zu ihnen auf den moosbewachsenen Waldboden. Es war alles so friedlich und wäre da nicht dieses schleichende Gefühl beobachtet zu werden, hätte sie es sich am liebsten am weichen Waldboden gemütlich gemacht.
Verstohlen linste Neri zu Alia, die unweit von ihr an einem Baum lehnte und genießerisch die Augen geschlossen hatte. Hell erleuchteten die Sonnenstrahlen ihr Gesicht und für einen Augenblick glaubte sie darauf eine lange dünne Narbe zu erkennen. Wo sie die wohl her hatte? Neri beschloss die junge Frau bei Gelegenheit mal danach zu fragen.
Müdigkeit. Warum war sie nur so verdammt müde? Noch bevor sie es richtig realisierte, verfiel sie in einen traumlosen Schlaf.

Ein holpriger Ruck lies Alia aufschrecken. Erst befürchtete sie den Tag verschlafen zu haben, denn um sie herum war alles dunkel, doch als ein erneuter Ruck durch den hölzernen Boden ging, auf dem sie lag, hatte sie da ihre Zweifel. Im Dunkeln taste sie nach Neri. Ein Glück, sie lag neben ihr. Beide waren sie eingeschlafen, ein fataler Fehler, wie es schien.
„Heute Abend, hab ich gesagt! Hör mir halt mal zu!“ vernahm Alia plötzlich die Stimme eines Mannes.
„Ja, aber ich hab so Hunger!“, beschwerte sich ein anderer mit hoher, piepsiger Stimme.
Gelächter des anderen „Keine Sorge, wenn wir die zwei Weiber gut verscherbeln können wirst du nie wieder Hunger haben!“
Alia öffnete erschrocken den Mund. Hatte sie sich verhört, oder wollten die zwei Männer sie wirklich verkaufen?! Sie presste ein Ohr gegen das Holz, um weiter zu lauschen.
„Hoffentlich hast du recht, die Letzten haben ja nicht so viel eingebracht.“
„Diesmal geben wir einen Preis vor und wenn den niemand bezahlt dann gibt es immer noch genug andere Möglichkeiten mit zwei so hübschen Frauen Geld zu machen!“
Ein höhnisches Lachen ließ Alia angewidert zurückfahren. Sklavenhändler! Schlimmer hätte es sie ja nicht erwischen können.
„Neri, wach auf!“, flüsterte sie leise und rüttelte die Schlafende grob an den Schultern „Neri!“
„Lass mich in Ruhe Dark.“, grummelte sie und drehte sich auf die Seite.
Alia seufzte genervt und hielt entschlossen Neris Nase zu. Mit einem erschrocken, nach Atem schnappenden, Gesicht fuhr Neri hoch und wollte schon alarmiert aufschreien, als sich eine Hand auf ihren Mund legte. Panisch versuchte sie sich loszureißen.
„Hey, beruhig dich mal, ich bin es doch!“, zischte Alia und ließ Neri los, nachdem sie benommen genickt hatte.
Noch etwas verschreckt blieb sie vor Alia hocken und legte sich eine Hand auf ihre Brust, in der ihr Herz wie verrückt raste. Dann schien auch sie zu merken, dass etwas nicht stimmte.
„Alia, wo sind wir hier?“, wisperte sie und tastete den Holzboden ab.
„Ich weiß nicht genau. Wahrscheinlich in einer Kutsche, oder so.“
„Und was machen wir hier?“
Alia seufzte, dann drehte sie Neri zu sich um, damit sie ihr ins Gesicht sehen konnte, was allerdings nicht viel nützte, da es stockfinster war.
„Ich habe zwei Männer belauscht wie sie sich darüber unterhalten haben uns zu verkaufen.“, erklärte sie dann. Es hatte keinen Sinn Neri anzulügen. Früher oder später würde sie es sowieso erfahren.
Entsetzt riss das Mädchen die Augen auf „Was!?“
„Psst, leise. Sie dürfen uns nicht hören.“, mahnte Alia. Sie hatte eine Idee, wie sie vielleicht wieder aus dieser Lage rauskamen.
„Wenn sie denken, dass wir noch schlafen, können wir sie vielleicht überraschen wenn sie uns raushohlen.“, erklärte sie und Neri nickte wissend.
Gut, sie hatte verstanden, jetzt hieß es allerdings warten.

Mit holprigen Rucken fuhr die Kutsche ihren Weg. Durch die zunehmende Hitze glaubte Alia, dass sie in den Süden fuhren. Sie hatte auch mal von einer Stadt dort gehört, in deren Nähe Menschenhändler ihr Lager hatten. Wie war noch gleich der Name? Es war ihr entfallen, zu blöd. Allerdings wusste sie nicht was ihr diese Information im Moment nützte. Neben ihr saß Neri und zitterte. Sie hatte Angst, dass konnte Alia deutlich spüren und sie verübelte es ihr auch nicht. Sie selbst fürchtete sich schließlich auch, vor dem was kommen mochte und davor, dass ihr Plan schief ging. Doch das konnte sie jetzt nicht so offen zeigen, damit würde sie der Kleinen keine Hilfe sein. Neri brauchte jetzt jemanden der ihr Rückendeckung gab.
„Was glaubst du wie lang es noch dauern wird?“, fragte Neri plötzlich und der Ton in ihrer Stimme lies Alia stutzen. Hatte sie sich geirrt? Neris Stimme klang kein bisschen ängstlich, oder zittrig, lediglich ungeduldig.
„Hast du keine Angst?“, fragte die junge Frau vorsichtig.
Neri schwieg, dann schüttelte sie den Kopf. Mittlerweile hatten sich ihre Augen ans Dunkel gewöhnt, sodass sie wenigstens einige Umrisse sahen. Der Verschlag in dem sie saßen war klein und eng, wodurch die Hitze umso stärker angestaut wurde.
„Ich will nur endlich hier raus und den Mistkerlen klar machen, dass sie sich das falsche Opfer gesucht haben!“ Sie lies etwas ihre Knöchel knacken, worauf Alia schmunzeln musste.
Sie hatte Neri falsch eingeschätzt. Das junge Mädchen hatte keines Falls ein ängstliches Gemüht, oder versuchte sie dieses mit Wut zu überspielen?
Plötzlich hielt die Kutsche mit einem Ruck an, sodass sie beide etwas nach vorne kippten. Schnell fingen sie sich aber um kein Geräusch zu verursachen.
Angespannt starrten sie beide auf die Tür ihres Gefängnisses. Stiefel auf dem Boden kamen auf sie zu. Gleich ging es los. Sie mussten schnell sein um Erfolg zu haben.
Die Nervosität machte sich in Neris Gesicht bemerkbar, die Augen zu Schlitzen verengt. Also doch! Angst, aber auch Wut.
Ein Schloss wurde rasselnd von der Tür entfernt. Im nächsten Moment schwang sie auf und noch bevor Alia es verhindern konnte, sprang Neri den Mann an, der das Schloss geöffnet hatte.
Sie war auf ihn gesprungen und hatte ihn zu Boden geworfen. Kraftvoll schlug sie mit ihren Fäusten auf ihn ein, bis er sich nicht mehr rührte.
Eine weitere Hand riss Neri grob an den Haaren von dem, vor Schmerzen stöhnenden, Mann herunter. Wild trat und schlug sie um sich, doch der andere lachte nur „Was sollte das denn werden?! Ein Fluchtversuch?!“
Jetzt war auch Alia aufgesprungen und schlug dem Mann kräftig ins Gesicht. Mit einem lauten Fluch lies er Neri los, die sich sofort auf die Beine schaffte und kampfbereit ihren Dolch zog.
Auch Alia wollte zur Waffe greifen, als sie ein verdächtiges Zischen vernahm.
„Achtung!“ Sie riss Neri mit sich flach auf den Boden, ehe die Pfeilattacke sie erwischen konnte.
Spöttisches Gelächter „Der Trick ist so alt! Langweilt mich nicht und lasst euch etwas besseres einfallen um mir zu entkommen!“
Alia fuhr herum. Um sie ragten hohe Mauern. Ein eisernes Tor bildete den Ausgang, doch es war versperrt. Eine Festung, na prima!
Ein großgewachsener Mann kam auf sie zu. Sein langes schwarzes Haar trug er zu einem lockeren Pferdeschwanz gebunden. Weite bunte Kleidung und eine Menge Schmuck, zeugte von Reichtum. Sein Schnurrbart zuckte, als er amüsiert auf sie zu marschierte.
„Willkommen, verehrte Damen. Mein Name ist Lord Enrok. Ich entschuldige die grobe Art meiner Leute und bitte euch um Vergebung.“, sagte er mit einer solch falschen Freundlichkeit in der Stimme, dass Alia schlecht wurde.
Neri schnaubte verächtlich „Deine Sulzworte kannst du dir sparen!“, spie sie und wollte wieder aufspringen, als ein weiterer Mann sie festhielt.
„Nicht doch.“, sagte Lord Enrok und hob eine Hand, damit Neri wieder losgelassen wurde.
„Mit zwei so hübschen Damen muss man ganz vorsichtig umgehen.“
„Sanft, wie?“, lachte Alia und baute sich vor dem Lord auf „Wie kommt es dann, dass wir auf unverschämteste Weise hier her verschleppt wurden?!“ Herausfordernd hob sie eine Augenbraue und verschränkte die Arme vor der Brust.
„Wie schon gesagt, es tut mir unendlich leid. Aber vielleicht lassen sich die Damen mit einer ausgewogenen Mahlzeit milde stimmen?“, säuselte er und machte eine einladende Geste mit der Hand.
Alia spähte zu Neri, die verstohlen den Kopf schüttelte. Klar wusste Alia, dass sie nicht auf das Angebot eingehen durften, doch sie brauchten mehr Zeit und die hatten sie im Moment nicht.
„Sicher.“, sagte sie deshalb und erntete dafür sofort einen verständnislosen Blick von ihrer Begleiterin.
Sie mussten sich einen neuen Plan überlegen und solange der Lord sie nicht angriff, hatte sie Hoffnung. Da sie nur zu zweit waren, hätten sie in einem Kampf keine Chance bei der Überzahl an Wachen.
„Ich freue mich das Mahl mit zwei solchen Schönheiten genießen zu können. Es wird noch gerichtet, ich bitte also um etwas Geduld.“, erklärte Enrok, bot den beiden aber an mitzukommen.
Fassungslos schüttelte Neri den Kopf, folgte Alia jedoch und hoffte insgeheim, dass die junge Frau wusste was sie tat.
Mit einem flauen Gefühl im Magen betraten sie schließlich die Mauern der Festung von Lord Enrok.

10. Kapitel

Kapitel 10

Erst das Holpern der Wagenreifen, lies Neri aus dem Schlaf fahren.
„Mist!“ Sie war hochgeschreckt und dabei mit einem harten Schädel kollidiert. Ärgerlich rieb sie sich den Kopf und sah verwundert auf. Unweit von ihr entfernt, hockte Dark auf dem Bärenfell und hielt sich ebenfalls die Stirn. Er atmete tief ein und aus, als würde er versuchen seine Aggressionen nicht zu zeigen, doch lange hielt er es nicht aus.
„Was sollte das denn ?!“, fuhr Neri ihn auch schon an und damit waren Darks Selbsbeherrschungsversuche auf einen Schlag dahin.
„Wie bitte?!“, knurrte er „Ich hab mich wohl grad verhört!“
„Nein, hast du nicht! Ich hab gefragt, was das sollte?!“, wiederholte Neri gereizt und verschränkte stur die Arme vor der Brust.
Fassungslos starrte Dark sie an. Die kleine Göre wollte doch tatsächlich Streit anfangen! Na schön, wenn sie es so wollte! Wenn sie Ärger suchte, er würde ihn ihr geben!
„Was hat dein Kopf über meinem verloren?!“ Neris Ton wurde langsam ungeduldig.
„Bitte?! Was musst du auch so plötzlich hochfahren?!“, erwiderte Dark genervt.
„Du hast meine Frage nicht beantwortet!“
Man die war echt anstrengend. Dann aber lachte Dark spöttisch auf „Das braucht dich nicht zu interessieren!“
„Ach nein? Ich glaube schon, dass es das tut!“ Wütend sprang sie Dark an und riss ihn auf den Boden der Ladefläche.
Unbeeindruckt hob Dark eine Augenbraue „Was soll das werden?“, fragte er gelangweilt und als Neri nicht antwortete, schupste er sie kurzerhand mit einem harten Stoß von sich runter.
Ärgerlich fuhr sie herum, die Faust erhoben um ihm ins Gesicht zu schlagen und dieses dämliche Grinsen, welches sich schon wieder auf seine Lippen stahl, auszutreiben. Sie hatte es satt, immer unterdrückt zu werden.
Sie holte aus, doch als sie zuschlagen wollte, drehte Dark nur den Kopf beiseite. Neri schlug ins Leere und wurde vom fehlenden Wiederstand nach vorne gerissen. Geschickt hockte Dark sich auf ihren Rücken und stützte sein Kinn in seine Handfläche „Hast du noch immer nichts dazu gelernt?“, fragte er herablassend und blies sich lässig eine schwarz-blaue Haarsträhne aus dem Gesicht.
Keuchend japste Neri nach Luft. Dark war schwer, wenn er so auf ihr saß und drückte somit ihre Lungen zusammen „Geh runter von mir!“, brachte sie mit zusammengepressten Zähnen hervor und versuchte angestrengt sich unter ihm vorzuziehen.
Darks schallendes und spöttisches Gelächter wurde jedoch gleich von einer genervten Stimme unterbrochen.
„Eure Spielchen gehen mich ja nichts an, aber so kann ich wirklich nicht schlafen.“
Verärgert drehte sich Dark um und musterte Luce abfällig, wie er so auf einem der Felle lag und das Geschehen interessiert beobachtete. Müde oder verschlafen wirkte er keinesfalls.
Wortlos stieg Dark von Neri runter und sie stöhnte erleichtert auf, als sie wieder frei atmen konnte. Luce folgte Darks Bewegungen und erst als sich dieser unmittelbar vor ihn hockte hob er fragend das Kinn.
„Du hast schon recht mit dem was du sagst!“, knurrte er und seine roten Augen glühten gefährlich „Es geht dich nichts an!“
„Mich vielleicht nicht, aber hast du sie schon mal gefragt ob ihr das gefällt, was du da mit ihr machst?“ mit diesen Worten nickte Luce in Neris Richtung und Dark folgte seinem Blick.
Unsicher stand Neri auf und klopfte sich den Staub von den Klamotten, bevor sie auf die beiden Jungs zuschritt und Dark, mit geballter Faust, kräftig ins Gesicht schlug.
Irritiert blinzelte er. Eine solche Kraft hätte er Neri nicht zugetraut, nicht das es ihm sonderlich wehtat. Obwohl es doch ganz schön in seiner Nase zog. Continue reading »

Ohne ein weiteres Wort zu sagen, drehte sie sich um stieg nach vorne unter der Plane durch.
„Siehst du.“, meinte Luce erhaben und setzte sich nun auf „Genau das ist dein Problem, du…“
„Ich hab dich nicht nach deiner Meinung gefragt!“, zischte Dark schlecht gelaunt und wandte sich ab.
Mussten sie diesen Klugscheißer wirklich mitnehmen? Gut, Luce war der Lehrling von diesem alten Opa, aber er konnte diesen Vollidiot nicht leiden und umgekehrt war es sicher nicht anders.
Plötzlich hielt der Planwagen mit einem Ruck an, sodass Dark nach vorne kippte und sich den Kopf hart an einem Stapel alter Holzkisten stieß.
„Warum immer auf die gleiche Stelle!?“, jammerte er und hielt sich die pochende Stirn. Das schämische Gelächter von Luce ignorierte er.
Mit einem erneuten Ruck wurde die Plane beiseite gerissen und der alte Magier starrte die beiden Jungs mit leeren Augen an.
„Raus! Sofort!“, befahl er und zu Darks eigener Überraschung gehorchte er sogar. Seit wann hörte er auf das, was andere ihm sagten?  Das letzte Mal, dass er Befehle befolgt hatte, lag Jahre zurück.
Beleidigt stand Dark nun neben, dem ebenso wenig begeisterten, Luce und wartete darauf, was der Alte zu sagen hatte.
„Wenn ihr zwei euch nicht sofort einkriegt, dann lauft ihr beide, verstanden?!“, mahnte Batun und hob drohend einen Finger.
Dark schnaubte „Wir haben noch nicht mal richtig gestritten!“, stellte er klar und schüttelte, zur Bestärkung seiner Worte den Kopf.
Selbst Luce schnaubte kurz, ehe er entschuldigend aufsah. Er wusste was sein Meister dachte, Neri hatte ihm erzählt das sie schon wieder eine Auseinandersetzung mit Dark hatte und nun befürchtete er doch tatsächlich, dass die zwei sich wieder schlagen würden. Ein lächerlicher Gedanke, wenn man bedachte, dass er und Dark längst wussten wo sie beim anderen lagen.
Wenn es nach ihm ginge und weder sein Meister noch Neri anwesend wären, würde er sich sicher nicht mit einem Schatten wie Dark befassen.
Jetzt trat auch Neri dazu und musterte sie zwei abschätzend. Nach einer Weile des Schweigens sagte sie schließlich „Wir reisen jetzt zusammen und da ist es wohl nicht zu viel verlangt, dass ihr zwei mal eure Prinzipien ablegt und wenigstens versucht miteinander auszukommen!“
Dark lachte abfällig, verkniff sich aber einen passenden Kommentar. Auch Luce war wenig begeistert, zusammen mit einem Schatten zu reisen, zumal er diesem keinen Millimeter weit über den Weg traute. Ergeben seufzte er „Aber wehe er lässt es darauf ankommen!“
„Nur zu, ich mach dich fertig!“, erwiderte Dark provozierend.
Batun schüttelte verständnislos den Kopf. Zwei Sturköpfe, schlimmer hätte es nicht kommen können. Wenigstens wollte er vermeiden, dass sich die zwei wieder bekämpften. Weder sich selbst, noch Neri wollte er das antun. Längst wusste er, dass dieser Schatten der Kleinen mehr bedeutete, als sie selbst vielleicht wusste, oder bereit war zuzugeben.
Als sie ihren Weg fortsetzten, teilten sie sich vorsichtshalber auf. Luce hatte darauf beharrt, so wenig wie möglich in Darks Nähe zu sein, also ritt er auf seinem Pferd dem Planwagen hinterher. Eingeschüchtert von dem hellen Sonnenlicht, hatte Dark beschlossen, hinten auf der Ladefläche zu bleiben. Dort konnte er wenigstens schlafen und hatte seine Ruhe. Neri wollte sich zu keinem der beiden Jungs gesellen. Auf Dark war sie immer noch schlecht zu sprechen, was dieser allerdings nicht nachvollziehen konnte und dank Luce schlechtgelaunter Miene, hielt sie sich auch von ihm fern, obwohl sie ihn gerne etwas näher kennengelernt hätte.
So saß sie nun neben Batun auf dem vorderen Sitz des Wagens und unterhielt sich mit ihm über dessen Lehrling.
Luce schmunzelte. Natürlich bekam er alles mit, was die zwei sich erzählten, doch wirklich interessant war es nicht. Allerdings war er etwas gerührt, dass sich Neri für ihn interessierte. Ein schiefes Grinsen stahl sich auf seine Lippen und er linste vorsichtig zur Ladefläche, wo Dark unbeeindruckt auf seinem Fell lag und geistesabwesend die Decke der Plane anstarrte. Mittlerweile hatte Luce eingesehen, dass er den Schatten in einem fairen Kampf nicht ernsthaft verletzen konnte, aber selbst ein kaltherziges Wesen wie Dark hatte irgendwo seine Schwachpunkte…

Neri schwieg. Was sie über Luce erfahren hatte, lies sie nachdenklich werden. Und ihr war aufgefallen, dass Parallelen zwischen ihm und ihrer Schwester Yui lagen. Luce hatte seine Eltern verloren noch bevor er diese richtig kennengelernt hatte. Bei einem Überfall auf sein Dorf. Natürlich waren es Schatten gewesen, was hatte Neri auch anderes erwartet. Es war ein Dorf voller Magier, dass heute nur noch in Ruinen lag. Die Überlebenden, dazu gehörten nicht nur Luce und Batun sondern auch andere Magier, hatten sich über das ganze Land verteilt und hielten sich so gut es ging im Verborgenen. Batun hatte Luce, der damals noch ein Baby war und niemand wusste, dass auch er, zumindest in Teilen, ein Magier war, bei sich aufgenommen. Als er erkannte, dass Luce linkes Auge ein Magierauge war, hatte er schon frühzeitig damit begonnen ihn auszubilden und das zahlte sich jetzt aus. Luce war weitaus talentierter als mach andere Magier, obwohl er nur ein Lehrling war und nicht die volle Macht der Magie entfesseln konnte. Dennoch, seine Kontrolle über die Teile die er verfügte, übertraf selbst Batuns eigene.
Luce war Batuns ganzer Stolz. Wie ein Sohn war er für ihn und Neri konnte gut nachvollziehen, dass der alte Magier nicht riskieren wollte, dass sein Schüler sein Leben lassen musste, nur weil er sich mit einem, ohnehin unsterblichen, Schatten anlegen musste.
Aber war Dark wirklich unsterblich? Gut, körperliche Verletzungen schienen ihm nicht gefährlich werden zu können. Aber wie sah es mit Hunger, Durst, Luft und vor allem der Zeit aus? Wie lange hatte Dark wohl in der Zelle unter König Morias Schloss verbracht? Soweit sie sich zurück erinnern konnte, glaubte sie nicht, dass man ihm dort etwas zu Essen oder zu Trinken gegeben hatte. Allerdings konnte sie sich noch genau daran erinnern, wie er sie genervt hatte, dass er Hunger hatte. Verwirrt schüttelte sie den Kopf. Es half jetzt nicht, sich darüber Gedanken zu machen, sie würde Dark einfach fragen. Aber erst wenn sie wieder mit ihm reden wollte! Noch hatte sie ihm nicht vergeben! Darks Umgang mit ihr war wirklich nicht gerade sanft, oder zärtlich und je länger sie darüber nachdachte, hatte Neri ihre Zweifel, dass sich das je ändern würde.
Plötzlich blieb der Wagen erneut stehen. Verblüfft sah Neri sich um. Die Landschaft hatte sich um einiges Verändert. Soweit sie das beurteilen konnte, entfernten sie sich wieder vom Norden und reisten südlich zurück ins Landesinnere. Das Kirogebirge wurde kleiner und die Sonne schien mittlerweile um einiges stärker. Ein weites Feld breitete sich vor ihnen aus, allerdings schien hier schon lange keiner mehr gewesen zu sein, denn es war verdorrt und der starke Wind wehte einzelne graue Pflanzenteile durch die stickige Luft. Ein starker Luftzug blies Neri hart ins Gesicht und sie musste die Augen zusammenkneifen, da der kalte Wind in ihnen höllisch brannte.
„Ein Unwetter?“, fragte sie unsicher und musterte besorgt den sich langsam verdunkelnden Himmel. Nachdenklich fuhr sich Batun über den kahlen Schädel.
„Nein, das ist kein Unwetter!“, meldete sich Dark aus der Ladefläche und steckte den Kopf aus der Plane.
Luce Pferd hielt neben dem Wagen und, auch er musterte die tote Landschaft „Das waren Erdkriecher!“, schloss er aus dem Ausmaß der Verwüstung „Wenn sie uns noch nicht bemerkt haben, sollten wir schleunigst abhauen!“, erklärte er und wollte seinem Pferd schon die Sporen geben, als der Boden plötzlich anfing zu vibrieren.
„War ja klar, dass dem nicht so ist!“, schnaubte Dark schlecht gelaunt und sprang auf den trockenen Grund.
Nervös kaute Neri auf ihrer Unterlippe, mit wachem Blick verfolgte sie die Hebungen im Boden, die sich gefährlich schnell auf sie zu bewegten. Im nächsten Moment gab es ein tosendes Geräusch und die Erde riss auf. Aus dem tiefen Spalt der entstanden war, kroch langsam aber sicher ein schmaler länglicher Körper. Die graue Haut schimmerte und kleine Beinchen suchten Halt zwischen den Fugen am Boden. Das Problem bei Erdkrichern war, man wusste nie genau wo sich ihr Kopf befand. Beide Enden wiesen einen gierigen Schlund auf, aus dessen Tiefen drei schwarze lange Zungen schnellten und mit den platten Saugflächen an deren Spitzen alles einfingen was in ihre Reichweite kam. Zusätzliche Fangkiefer rechts und links der beiden Mäuler sorgten für kein Entkommen, falls man in ihre Fänge geriet. Ein zweites und ein drittes Monstrum kämpften sich aus dem Boden, sodass man erst nicht erkennen konnte wem welcher Körper gehörte. Mit einem Ruck verschwand einer der Erdkriecher wieder unter der Erde.
„Achtung!“, schrie Luce und noch im selben Moment, schoss der Kopf der Bestie hervor und umklammerte den Planwagen mit beiden Fangkiefern. Die klebrigen Zungen schnellten los und sicherten die Beute. Alarmiert von Luce Warnruf, sprangen Batun und Neri vom Vordersitz und landeten unsanft am Boden, wo sie sich gleich wieder vor einer weiteren Attacke in Sicherheit bringen mussten. Der Wagen wurde hochgerissen und kräftig durch die Luft geworfen, sodass die ganze Ladung herausfiel und sich am Boden verteilte.
„Wir müssen uns aufteilen!“, rief Batun laut, worauf die anderen ihn irritiert ansahen „Wenn wir alle auf einem Fleck stehen, sind wir nur leichte Beute!“, erklärte er weiter und sie verstanden.
Ohne ein weiteres Wort zu verlieren trieb Luce sein Pferd über das weite Feld, hinter sich spürte er deutlich den Erdkriecher, der seine Verfolgung aufgenommen hatte. Sein Ziel war es das Ungetüm weg von den anderen zu locken, weiter raus ins Sonnenlicht. Erdkriecher waren nachtaktive Wesen, allerdings waren sie auch in der Lage das Wetter zu ihren Gunsten zu verändern. So geschah es zum Beispiel, dass aus einem schönen blauen Himmel plötzlich eine dunkle graue Wolkenlandschaft wurde. Wenn es Luce also gelang seinen Verfolger ins Sonnenlicht zu treiben, würde dieser mit Sicherheit eingehen, soweit hatte er es in den Büchern gelesen. Innständig hoffte er, dass er sich da nicht geirrt hatte.
Auch Batun war auf eine ähnliche Idee wie sein Schüler gekommen, nur versuchte der Magier das Wetter zu ihrem Vorteil wieder zu ändern. Allerdings brauchte er etwas Ruhe und vor allem Zeit, die er nicht hatte.
„Dark!“, rief er also und der Schatten, welcher sich noch nicht allzu weit entfernt hatte, spitzte beim Klang seines Namens die Ohren. Schnell hatte Batun ihm sein Vorhaben erklärt und er nickte zum Einverständnis. Zwar war Dark wenig davon begeistert, dass der Alte die Sonne heraufbeschwören wollte, oder wie auch immer er es genannt hatte, denn das würde auch an seinen Kräften zerren, doch er hatte sich bereit erklärt ihm Rückendeckung zu geben. Was hatte er auch für eine andere Wahl. Denn selbst wenn er von Grund auf eine Kämpfernatur war, mit dieser Art Monster war nicht zu Spaßen.
Wie erwartet schnellte der Erdkriecher auf den Magier zu, der sich außerhalb des Kampfgeschehens auf den Boden gesetzt und die Hände wie zum Gebet ineinander verschenkt hatte. Dark verstand zwar nicht viel vom Bereich der Magie, doch selbst er war intelligent genug, um zu wissen, dass sich der Alte konzentrieren musste und dieses nervige Vieh ihm sicherlich keine Hilfe dabei war.
„Na komm schon!“, lachte Dark herausfordernd, während er sein dunkles Schwert in den Grund rammte, als er die Bestie unter sich glaubte. Dark war zwar kein Magier, aber auch in ihm schlummerten Kräfte die denen der Magie sehr ähnlich waren. Es waren die Kräfte eines Schattens, die nun ein riesiges Loch in den Boden rissen. Grüner Schleim spritzte zu ihm hoch und färbte seine schwarzen Klamotten in einem widerlichen Farbton.
„Na vielen Dank auch!“, knurrte Dark sarkastisch und spuckte etwas der Flüssigkeit aus, die er in den Mund bekommen hatte.
Wenigstens etwas hatte er erreicht; das Biest rührte sich nicht mehr. Aufgespießt hatte er es, mit einer unsichtbaren, aber dennoch wirksamen Kraft.
Triumphierend wedelte er mit dem Schwert in der Luft und wurde auch schon im nächsten Moment von den Füßen gerissen. Einer der Köpfe des Erdkriechers war aus dem Boden hervor geschnellt und hatte Dark an den Beinen hochgezogen. Der Speichel des Monsters verätzte den Stoff seiner Hose am Knöchel und lies ihn laut aufschreien, als die Zunge seine Haut berührte und ihn zu verbrennen drohte.
Vor Schreck hatte er sein Schwert fallen gelassen.
„Gratuliere Dark, du hast erneut bewiesen wie Nachlässig du sein kannst!“, sprach er zu sich selbst in Gedanken und sah ärgerlich zu seinem Schwert hinab. Kopfüber hing er in der Luft, gehalten von dieser widerwertigen Zunge des Erdkriechers. Er schätzte auf gut fünfzehn Meter, oder mehr.
Als eine zweite Zungenspitze auf ihn zu schnellte, streckte er ihr seine Hand entgegen und die Schattenkräfte zerrissen den vorlauten Angreifer in der Luft sofort. Zum Glück brauchte er nicht unbedingt eine Waffe um zu kämpfen, allerdings war er kein Freund der Schattenmagie. Zu oft, hatte er schon am eigenen Leib erfahren wie diese Kräfte an seinem Verstand zerrten. Zu leicht verlor man die Kontrolle über seinen Körper und seinen Geist. Er hatte schon von Fällen gehört, in denen solche Schatten sich einfach aufgelöst hatten. Und er war sicher nicht scharf darauf, zu testen ob dies stimmte.
Mit einem ärgerlichen Knurren, zerriss er auch die Zunge die ihn hielt und schon er war frei. Der Nachteil an dieser Sache war jedoch, dass er nun fiel und das aus einer nicht geringen Höhe. Mit einem harten Schlag kam er am Boden auf, bewegen konnte er sich nicht mehr. Na toll! Bestimmt hatte er sich mehrere Knochen gebrochen, die, so hoffte er, gleich wieder heilen würden.
Regungslos lag er also da, den Blick gelangweilt nach oben gerichtet, wo der Erdkriecher wild seinen Kopf hin und her warf. Der grüne Schleim regnete auf ihn nieder und so langsam verlor Dark die Geduld. Sollte das Drecksvieh doch endlich krepieren und nicht so ein Theater machen.
Schwerfällig hob er eine Hand und fluchte im selben Moment lautlos, da er für diese Aktion sofort mit einem stechenden Schmerz bestraft wurde. Er hielt die ausgestreckte Hand gen Himmel und hinauf zu dem kreischenden Erdkriecher. Schwarzer Rauch entkam seiner Handfläche, welcher mit wabernden Nebelschwaden um seine Hand schwebte, bevor er, mit einer fürs menschliche Auge nicht folg barer Geschwindigkeit, empor verschwand und erst das gurgelnde Kreischen des Erdkriechers lies vermuten, dass sich dort oben etwas tat.
Dark wusste genau was mit dem Monster passieren würde. Der schwarze Nebel würde sich in seinem Körper ablegen und dann von innen heraus zerreißen. Kein schönen Bild, also schloss er die Augen.
Er hatte schon mal miterlebt, wie ein Schatten diese Technik bei einem Mensch angewandt hatte. Seither vermied Dark es, sie einzusetzen, doch bei einer solch sturen Kreatur musste man auch mal zu rabiaten Methoden greifen.
Er spürte die Erde unter sich vibrieren und als er einen warmen Regen auf seiner Haut fühlte, wusste Dark, dass es vorbei war. Er öffnete prüfend ein Auge, nur um sich zu vergewissern das er Recht hatte. Im nächsten Moment aber zuckte er krampfhaft zusammen und kniff die Augen wieder zu um einen gellenden Schrei zu unterdrücken. Der Heilungsprozess hatte begonnen und lies ihn somit seine Unachtsamkeit spüren. Jede Faser, jeder Knochen und jeder Muskel in ihm zog sich zusammen und schien ihn zu erdrücken, dazu kam noch das grauenhafte Gefühl keine Luft mehr zu bekommen. Dafür sorgte die kalte Hand, die seine Lunge zusammendrückte und in ihm ein Gefühl von Schwindel verursachte. Es musste ihn doch schlimmer erwischt haben, als er gedacht hatte. Soweit er zurück denken konnte, waren nicht mal Neris Stiche mit dem Dolch in seine Schulter und durch seine Hand schlimmer. Zwar kam dieser Schmerz nicht annähernd an die, von seiner Zeit im verfluchten Turmzimmer und in der Zelle unter diesem verdammten Schloss, an, doch er war schlimm genug um ihn aus der Reserve zu locken. Dark schrie laut auf und krallte die Finger haltsuchend in den trockenen Boden. Er hätte nicht gedacht, dass der Sturz ihn wirklich so mitnehmen würde.
Angelockt von seinem Schrei, sah er nun Neri auf sich zueilen. Na toll, die hatte ihm gerade noch gefehlt.
„Dark!“, schrie sie „Was ist passiert?!“ kaum hatte Neri ihn erreicht, ging sie in die Hocke und wollte ihm aufhelfen, doch er fuhr sie nur gereizt an „Fass mich nicht an!“
Durch seinen Körper strömten die Wellen des Schattenspiegels, er war nicht sicher ob ein Mensch wie Neri solch eine starke Kraft aushielt.
Er biss sich fest auf die Lippen um einen weiteren Schrei zu unterdrücken, besorgt musterte Neri ihn.
„Dark, dein Bein…!“, presste sie mit erstickter Stimme hervor und schluckte heftig.
Sein Blick glitt an ihm entlang nach unten, bis er entnervt aufstöhnte. Das erklärte alles. Er hatte sich schon gewundert das der Sturz ihm so übel zugespielt hatte, aber es waren nicht seine gebrochenen Knochen, deren Heilung in ihm ein Feuer des Schmerzes verursachten. Nein, denn die konnte er mittlerweile wieder normal bewegen. Der Grund war sein Fußknöchel, wo ihn die Zunge des Erdkriechers berührt hatte. Ihr Speichel hatte ihm die komplette Haut verätzt. Sein Fleisch hatte eine ungesunde gelbliche Farbe angenommen und aus der roten Brandwunde schlugen schwefelartige Blasen.
Angewidert drehte er den Kopf weg. Kein Wunder wenn er solche Schmerzen hatte und da die Heilung schon seit einer Weile anhielt, wollte er gar nicht wissen wie die Wunde zuvor ausgesehen hatte…
Erneut begann der Boden zu vibrieren und Dark richtete seinen Oberkörper gehetzt auf. Auch Neri sah sich nervös um. Zwei der Erdkriecher waren noch am Leben und weder sie noch er konnten sagen wo diese sich gerade aufhielten.
Angespannt kaute Neri auf ihrer Unterlippe herum. Dark war für eine ungewisse Zeit außer Gefecht gesetzt, mit dem Fuß konnte er unmöglich weiterkämpfen. Den alten Magier sah sie nirgends und auch Luce war verschwunden. Sie war alleine, alleine mit einem kampfunfähigen Schatten, der mit zusammengekniffenen Augen über das weite Feld starrte, auf der Suche nach den verdächtigen Wölbungen im Boden.
Erschrocken sprang Neri einen Satz zurück, als ein Fangkiefer aus dem Boden schoss und in der Luft gefährlich auf und zu klapperte. Die drei langen Zungen ließen nicht lange auf sich warten und fegten auch sogleich über den Boden.
Neris Blick wanderte zu Dark. Irgendwie musste sie ihn außer Reichweite schaffen.
„Konzentrier dich gefälligst auf deinen Gegner!“, fuhr der Schatten sie an, als er ihren besorgten Blick bemerkte.
„Und was ist mit dir?! Er wird dich kriegen, wenn du so nah an ihm dran bist!“
Dark lachte nur „Lass das mal meine Sorge sein und guck du nach vorne!“
Seine Warnung hätte keine Sekunde zu spät kommen dürfen, denn in dem Moment, in dem Neri sich umdrehte, flog auch schon die erste Zunge auf sie zu.
Panisch machte sie einen Schritt zurück und war zum ersten Mal froh, ein wenig tollpatschig zu sein. Sie rutschte auf dem grünen Schleim aus und entkam so dem tödlichen Schlag.

-xXx-

Plötzlich schreckte Taro hoch „Was ist das?“, fragte er vorsichtig.
„Was ist was?“ Yui hob fragend den Kopf und folgte Taros ängstlichem Blick.
„Die Erde bebt.“, wisperte er leise ohne den Blick von der Ferne abzuwenden.
Keiko lachte kurz auf „Das ist der Zug, der holpert hier halt ein bisschen mehr.“ Sein Lachen wurde allerdings von Taros energischem Kopfschütteln unterbrochen „Ich werd doch wohl wissen was ich spüre, oder?!“, entgegnete er etwas gereizt.
Alia seufzte und starrte angestrengt in die Richtung in die zuvor Taro gespäht hatte, bevor der sich jetzt mit Keiko rumschlug.
„Das ist doch…“, fing sie an und sofort hob auch Keiko den Blick „Das ist Luce!“, rief er freudig aus.
Yui runzelte skeptisch die Stirn „Und was ist da das hinten?“, fragte sie und nun sahen es auch die anderen. Gut, da war Luce, der auf einem Pferd auf sie zuritt und hinter ihm eine riesige Staubwolke und die Erde, die aufgewühlt wurde.
„Was zur Hölle ist das?“, murmelte Alia und kniff die Augen ein Stück enger zusammen, um erkennen zu können, was da hinter Luce her war. Erschrocken taumelte sie zurück.
„Alia, alles okay?!“, fragte Yui besorgt und kniete sich neben die junge Frau, die die Augen weit aufgerissen hatte.
Sie nickte benommen „Er braucht unsere Hilfe!“, rief sie und stieg sofort an den Rand des Zugdaches.
„Bist du verrückt geworden?!“, schrie Keiko entgeistert „Du kannst doch jetzt nicht einfach abspringen!“
Yuis erschrockener Schrei, lies alle aufsehen und nun sahen sie wirklich, was da hinter Luce her war.
Ein riesiger Wurm mit kleinen Beinchen und zwei Köpfen, einer jeweils an einem Ende des langen Körpers. Und dann erst der tiefe Schlund mit den drei Zungen und den großen Fangkiefern.
Keiko schluckte, dann nickte er Alia zu „Okay, alle Mann runter vom Zug!“, wies er an und die anderen nickten folgend. Taro war als erster unten, die anderen folgten mehr schlecht, als recht. Yui sprang zwar geschickt ab, verlor aber am Boden ihr Gleichgewicht und landete unsanft mit dem Gesicht am Kiesboden. Alia stolperte und flog zurück auf ihren Hintern. Auch Keiko war den, plötzlich geraden, wenig holprigen Untergrund nicht gewohnt, von der langen Fahrt auf dem Dach des Zuges, und fiel ebenfalls zu Boden.
Schnell hatten sich alle wieder aufgerappelt und standen nun sicher auf ihren Füßen.
Luce schien sie bereits gesehen zu haben, denn er hielt direkt auf die vier zu.
Kaum war er aus dem Schatten heraus geritten, vernahm man ein lautes Fauchen. Das Monster klapperte wütend mit den Fangkiefern und zog sich wieder in der Erde zurück. Luce drehte sich um und sah über die Schulter „Scheiße!“, fluchte er laut. Er hatte den Erdkriecher wohl unterschätzt.
„Hey, Luce!“, rief Keiko und rannte wild mit den Armen wedelnd auf ihn zu. Ein Lächeln stahl sich auf sein Gesicht. Keiko hatte es also wirklich geschafft seine Schwester zu finden und wie es aussah noch einen zusätzlichen Träger. Sein Blick ging freundlich durch die Runde und begrüßte die Neuzugänglinge erst mal.
„Wir müssen sofort zurück! Die anderen sind allein mit den Biestern!“
„Welche anderen?! Hast du Neri gefunden?!“, hakte Yui gleich nach und packte Luce grob am Kragen. Er nickte und befreite sich aus Yuis Griff, worauf sie sich entschuldigte und erleichtert aufatmete.
„Und der Schatten?“, fragte Keiko leise. Luce lachte nur verächtlich und schüttelte den Kopf „Egal jetzt, die anderen brauchen unsere Hilfe!“
„Welche anderen denn?“, wollte jetzt auch Alia wissen.
„Ich hab meinen Meister getroffen. Er hat Neri aufgegabelt, aber jetzt sind sie in Schwierigkeiten und wenn wir uns nicht beeilen war die ganze Mühe umsonst!“ Sein Ton wurde ungeduldig und er stieg wieder auf sein Pferd, worauf die anderen ihm zu Fuß folgten.
Es dauerte zwar eine Weile, aber als sie das Schlachtfeld endlich erreicht hatten, stieg den fünf sofort ein strenger Geruch in die Nase. Stickige Luft, staubiger Boden und jede Menge Blut. Der Boden des verwüsteten Feldes war übersäht mit grünem Schleim und zerfetzten Körperteilen eines der Monster. Schwefelartiger Dampf stieg von der Leiche auf und vermischte sich mit der ohnehin schon schlechten Luft.
Yui stieß einen spitzen Schrei aus, als sie ihre Schwester zurückgedrängt an einen toten Baum stehen sah, vor ihr, in gewaltiger Höhe, ragte der Erdkriecher bedrohlich aus einem Loch im Boden und klapperte gefährlich nah bei ihr mit seinen Fangkiefern.
Ohne zu zögern, spannte Yui den ersten Pfeil in ihren Bogen und schoss. Zielsicher flog das Geschoss auf sein Opfer zu und traf eine der drei Zungen, die aus dem tiefen Schlund gekrochen waren.
Neri hob überrascht den Kopf. Sie kannte niemanden mit einer solchen Treffsicherheit, außer ihrer geliebten Schwester, und tatsächlich, sie war es. Flink setzte sie unter dem Erdkriecher weg und rannte auf Yui zu, die ihr sogleich entgegen lief. Die zwei fielen sich in die Arme und Neri kämpfte ernsthaft mit den Tränen. Sie hätte nicht gedacht, ihre Schwester jemals wieder zu sehen, besonders nachdem Luce ihr erzählt hatte, dass sie in Ligon wäre, worauf Dark nur gesagt hatte, dass dieses Dorf schon lange unter Kontrolle eines Dämons stand.
Auch Yui war überglücklich, Neri endlich wiedergefunden zu haben. Sie vergaß alles um sich herum. Die anderen, die Monster. Im Moment galten nur sie zwei. Letzten Endes wurden sie aber auseinander gerissen, als Keiko sich räusperte und Neri auch ihm glücklich um den Hals fiel.
Alia schmunzelte. Keiko hatte nicht übertrieben, seine Schwestern und er verstanden sich außerordentlich gut. Sie musste an ihre eigene Familie zurückdenken, die sie nie wirklich gehabt hatte. Traurig wandte sie den Blick ab.
„Ich will ja nicht stören, aber ich glaub, dass das Vieh von euren Kuscheleinheiten nicht sehr begeistert scheint!“, warnte Taro und sprang erschrocken zur Seite, als eine der Zungen neben ihn auf den Boden einschlug und Staub aufwirbelte. Hustend kam der Kleine wieder zum stehen und alarmiert durch den Angriff lösten sich die drei Geschwister voneinander.
Mit einem Satz flog Taro nach oben und landete leichtfüßig auf dem Kopf der Kreatur. Er schlang die Beine, so gut es ging, um den breiten Körper um sicheren Halt zu haben, dann hob er die Fäuste und lies die spitzen Nieten seiner Handschuhe in die graue Haut fahren. Der Erdkriecher heulte auf und warf den Kopf zur Seite, sodass Taro nach einigem hin und her den Halt verlor und zu Boden stürzte. Zu blöd, er konnte nur fliegen wenn er darauf vorbereitet war. Im freien Fall war er nicht in der Lage seine Flugmuskeln zu bewegen.
Er schrie während er fiel und landete am Ende sicher in zwei starken Armen. Verblüfft sah der kleine Feenjunge auf. Er hätte einen seiner neuen Freunde erwartet, doch stattdessen sah er in ein Paar blutroter Augen, die ihn kalt anfunkelten.
Aufgeregt eilte Neri zu ihnen und als sie sie erreicht hatte japste sie „Dark, dein Fuß…!“ doch der Junge mit den roten Augen schüttelte nur den Kopf „Schon verheilt, also vergiss das wieder!“
Verwirrt starrte Taro den Fremden an, bis bei ihm plötzlich die Alarmglocken angingen. Fluchtartig sprang er aus Darks Armen und hielt sich schützend die Fäuste vors Gesicht.
Dark wollte gerade eine spöttische Bemerkung machen, doch in dem Moment riss der Himmel auf und erste Sonnenstrahlen versenkten den Erdkriechern die graue Haut. Mit Fauchen und Kreischen fingen sie an einzutrocknen und zu verschrumpeln, bis sie endgültig zerfielen.
Erleichtert atmete Luce auf, sein Meister hatte es geschafft. Die dunkle Wolkendecke verschwand und machte einem strahlenden Blau Platz.
Von der plötzlichen Helligkeit geblendet knurrte Dark und legte sich einen Arm vor die Augen. Wenigstens war das Ungeziefer jetzt krepiert.
„Du…du bist ein Schatten!“, rief Taro entsetzt und erntete für diese überflüssige Erkenntnis nur ein halbherziges Lächeln von Dark. „Ach was, bist ja ein ganz Schlauer, wie?!“, erwiderte er amüsiert und hob arrogant das Kinn „Der Schatten hat dir gerade deinen kleinen Hintern gerettet!“, stellte er noch klar und verschränkte selbstgefällig die Arme vor der Brust.
Luce sah jetzt schon worauf das hinauslief und hielt sich deshalb lieber im Hintergrund. Er wollte sich nicht an einer Prügelei beteiligen, dass würde seinem Meister nur missfallen.
Auch Yui schritt nun mit energischen Schritten auf Dark zu und zückte ohne zu zögern ihren Bogen, in dem bereits der nächste Pfeil gespannt war.
„Du dreckiger Mistkerl!“, schrie sie aufgebracht während sie die Sehne los lies. Mit einem schmatzenden Geräusch bohrte sich die Pfeilspitze durch Darks Handfläche, die er vor sich hielt um das Geschoss abzufangen.
„Bitte, als ob ihr mir irgendwas anhaben könntet!“, lachte er spöttisch und zog unbeeindruckt den Pfeil aus seiner Hand. Rot tropfte sein Blut auf den grauen Boden.
„Ich bring dich um!“, schrie Yui zornig und zog ein Messer aus ihrem Gürtel, welches sie Dark fest in die Brust rammte. Abwartend hob er eine Augenbraue.
Verzweifelt sah Yui auf, starrte ihm in seine verdammten Augen. Wie sie die Schatten und alle Monster doch hasste!
„Ich bring dich um!“, schrie sie erneut, diesmal etwas leiser und taumelte zurück. Tränen liefen an ihrer Wange entlang. Keiko nahm sie in den Arm und wiegte sie hin und her. Erbost sah er zu Dark auf, wie er sich die Klinge aus der Brust zog und sie achtlos neben dem Pfeil zu Boden fallen lies.
„Du Teufel hast meine Schwester entführt!“, zischte Keiko und starrte Dark dabei weiter vernichtend an.
Doch Dark lachte nur „Ach, hab ich das?! Dann frag doch mal die Kleine, wie das für sie war?!“
Verlegen starrte Neri zu Boden. Alle starrten sie an und alle wollten sie Dark nicht hier haben. Wenn sie ihn also nicht verlieren wollte, musste sie sich jetzt was überlegen.
„Okay, er hat mich vielleicht entführt“, fing sie leise an „aber er hat nie versucht mir Gewalt anzutun!“
„Oh doch, ich glaube schon!“, bemerkte Dark und rieb sich nachdenklich das Kinn.
Keikos Miene wurde keines Falls sanfter „Pass bloß auf!“, fauchte er und erhob sich langsam.
„Nein, warte!“, forderte Neri „Er ist auf unserer Seite, er hat mich begleitet und mich verteidigt!“, erzählte sie schnell weiter.
Skeptisch verzog Alia das Gesicht „Aber er ist ein Schatten, man kann ihm nicht trauen.“
Dark nickte fest „Deine Freunde sind weitaus intelligenter als du!“, sagte er „Du kannst keinem Schatten trauen!“
Die anderen nickten zustimmend. Wieso sagte Dark so was? Wieso stellt er sich selbst in Frage? Das gab doch keinen Sinn!
Hilfesuchend sah sich Neri nach Batun um, doch der alte Magier schwieg und wandte den Blick ab. Wenn ihr Dark wirklich etwas bedeutete, musste sie da alleine durch.
„Du begleitest Neri doch nur weil sie einen Erbkristall trägt!“, schrie Yui unachtsam und Dark spitzte die Ohren. Hatte er da gerade Richtig gehört?
Sofort warf Keiko seiner Schwester einen wütenden Blick zu „Warum hast du das gesagt!?“, fuhr er sie an, doch Yui hörte nicht auf ihn, sie hatte ihre Aufmerksamkeit wieder dem Schatten zugewandt, der ihre Schwester nun fassungslos anstarrte.
„Du bist ein Träger?“, fragte er ungewohnt leise. Er wusste nicht warum, aber irgendwas in ihm zog sich plötzlich krampfhaft zusammen und das war nicht der Selbstheilungsprozess seiner Verletzungen, der war schon längst abgelaufen, was allerdings niemandem aufgefallen war.
Neri presste fest ihre Lippen aufeinander und wandte den Blick ab.
„Hey, ich rede mit dir!“, rief Dark und packte ihr Kinn um ihren Kopf wieder zu sich zu drehen.
„Du trägst wirklich einen Erbkristall mit dir?!“, wiederholte er seine Frage, diesmal mit mehr Nachdruck, doch als Neri immer noch nicht antwortete, griff er mit einer Hand an ihren Hals und zog die Kette mit dem Kristall daran hervor.
Yui wollte schon zu ihnen eilen und diesem Schatten seine dreckigen Hände abschneiden, doch Alia hielt sie zurück „Jetzt nicht!“, zischte sie warnend und richtete den Blick wieder nach vorne.
Murrend gab Yui nach, jedoch lies ihre Anspannung nicht locker. Sie war fest entschlossen, diesem Kerl das Licht auszublasen, wenn er ihrer Schwester etwas antuen würde. Keinesfalls war sie eingeschüchtert davon, dass sie vorhin nichts erreicht hatte, denn sie würde schon noch einen Weg finden diesen Dreckskerl zu vernichten.
Luce schmunzelte. Yuis Mordgedanken riefen auch in ihm seinen alten Hass zurück. Am Ende würden sie sich einfach zusammenschließen und ihn durchs ganze Land jagen, wenn es sein musste auch bis nach Resielle.

„Warum hast du mir nie was davon erzählt?“, fragte Dark und lies den Anhänger durch seine Finger gleiten.
Neri schluckte „Weil ich nicht wusste, was du dann tun würdest.“, gestand sie leise.
Ein trauriges Lächeln legte sich auf Darks Lippen „Gut, Unsicherheit ist der beste Weg zum Misstrauen!“ mit diesen Worten lies er die Kette los.
Erschrocken sah Neri auf „Nein, warte, du verstehst das nicht! Ich will dir doch vertrauen, ich hab keine Angst!“
Dark lachte abfällig „Sicher hast du die nicht! Mach dir nichts vor! Ich hab oft genug dein Zittern gesehen, deine vor Schreck geweiteten Augen und ich hab dich gehört, wie du verzweifelt geweint hast!“
Neri schüttelte wild den Kopf „Nein, du verstehst echt nicht! Ich hab keine Angst vor dir, nur vor dem was du tust! Du machst Dinge, die…“, sie hielt kurz inne um einmal Luft zu holen, dann sah sie wieder zu ihm auf „Dark, du hast einen Mann umgebracht, du hast die Wachen im Schloss getötet, aber das ist es nicht was du willst!“
Zornig riss er sich von Neri los und baute sich bedrohlich vor ihr auf „Hör zu, ich glaub ich hab dir das jetzt schon oft genug gesagt, aber ich sags dir gerne noch ein weiteres Mal! Ich bin kein guter Mensch! Ich bin ein verdammter Schatten und alles, wirklich alles an mir ist bereits verdorben! Was hast du erwartet?!“
Eine Weile starrte sie ihn nur mit flackernden Augen an.
„Dark, ich will nicht das du gehst.“, sagte sie leise und klammerte sich in den Stoff seines schwarzen Oberteils.
Sie wollte ihm vertrauen, doch konnte sie das wirklich? Woher konnte sie Gewissheit haben, dass er sie nicht doch hintergehen würde? Das war der Grund für ihre Angst. Sie fürchtete sich nicht vor ihm selbst, sondern vor dem Schatten in ihm. Dem Schatten der so unberechenbar war, den sie nicht einschätzen konnte. Aber das hatte sie ihm nicht direkt gesagt. Dark wollte es nicht hören, dass er in Teilen vielleicht doch ein Mensch war, auch wenn er sich dessen selbst bewusst ist.
„Na los, verschwinde endlich!“, schrie Yui nun und spuckte verächtlich neben sich auf den Boden. Taro nickte und schwang drohend die Fäuste „Wird’s bald?!“
Auch Keiko erhob sich jetzt und schritt auf den Schatten zu. Mit einem Ruck riss er Neri von ihm und flüsterte ein nur mahnendes „Hau ab!“
Dark lächelte kalt und drehte sich um „Na schön, ihr habt gewonnen!“
„Nein, warte!“, schrie Neri und versuchte sich verzweifelt aus Keikos Armen zu befreien.
„Neri, lass ihn gehen! Es ist am besten so!“, versuchte er sie zu beruhigen „Glaub mir, so ist es am besten!“
Fassungslos warf sie den Kopf hin und her und schrie immer und immer wieder „Nein! Nein ich glaub das nicht! Ihr habt alle keine Ahnung! Lass mich los!“
Erst als Dark außer Sichtweite war, lies Keiko Neri los. Kraftlos sank sie auf die Knie. Er war fort. Unter tränenverschleiertem Blick stand sie auf und ohne das sie jemand aufhalten konnte, rannte sie auch schon los. Yui und Keiko waren sicherlich schlau genug ihr nicht zu folgen. Sie war um einiges schneller als ihre Geschwister und das wussten die zwei auch.
Ihre Beine trugen sie kräftig über den verwüsteten Grund und ihre Verzweiflung und Angst darüber Dark nie wieder zu sehen trieb sie an. Er hatte recht gehabt, wenn sie die nötige Motivation hatte, konnte sie einiges erreichen. So falsch lag der Schatten mit seiner Theorie also gar nicht. Das hätte sie ihm damals im Wald sagen sollen, jetzt war es zu spät.
„Dark, warte bitte!“, rief sie leise und mehr zu sich selbst, doch als Neri den nächsten Hügel hinauflief, sah sie ihn. Dark stand regungslos am unteren Ende und hatte den Kopf zu ihr gedreht. Hatte er sie etwa gehört?
Eilig sprintete Neri den Abhang hinunter und blieb keuchend vor Dark stehen.
„Was willst du noch? Ich hab gedacht, wir hätten das jetzt geklärt?“, fragend hob er eine Augenbraue und als er Neris Tränen sah seufzte er „Gut, vielleicht hätte ich nicht gleich abhauen sollen, aber sind wir mal ehrlich, keiner außer dir will mich wirklich in der Gruppe dabei haben, was also soll ich noch bei euch? Du hast deine Familie, deine Freunde, wofür brauchst du dann mich?“ abwartend sah er sie an.
„Weißt du was Dark?“, fing sie an und wischte die Tränen aus ihren Augen „Du redest dich selbst immer nur schlecht, du sagst du bist der Böse, doch dann handelst du genau anders. Du sagst dir kann man nicht vertrauen, aber dann bist du geknickt wenn dies wirklich der Fall ist. Ich versteh dich nicht!“
Dark seufzte und fuhr sich nachdenklich durchs Haar „Ja, ich gebe zu ich war etwas verletzt als ich ehrfahren habe, dass du ein Träger bist und es mir nicht schon vorher gesagt hast. Ist dir aufgefallen das ich den Erbkristall nicht an mich genommen habe? Glaub mir, wäre das mein Ziel, hätte ich es auch erreicht!“
Neri schwieg. Seine Worte machten Sinn. Er hatte sich den Stein lediglich angesehen, aber nicht mit Gewalt an sich gerissen, was ihm mit Sicherheit gelungen wäre.
„Auch die Teile der anderen! Mir ist klar, dass du nicht die einzige bist mit einem Stück Edelstein an einer Kette, aber weißt du auch warum ich einfach gegangen bin?!“
Als Neri schwieg setzte er fort „Weil es mich nicht die Bohne interessiert! Es ist mir scheißegal, was ihr vorhabt, es ist mir auch egal das ihr eigentlich meine Feinde seid!“, erklärte er und hielt sich eine Hand vor die Brust „Du hast es selbst gesagt, dass in mir eine gute Seite steckt!“
„Ja, aber die anderen trauen dir nicht, wo ist da…“, weiter kam Neri nicht denn Dark packte sie hart an den Handgelenken „Soll ich dir mal was sagen?! Das was deine Freunde, oder sonst irgendwer denkt, juckt mich überhaupt nicht! Ob du mir nun vertraust oder nicht, ist mir völlig egal, denn letztendlich ist es deine Entscheidung!“
Etwas verletzt von seinen Worten drehte Neri den Kopf zur Seite. Sie hatte gedacht, es würde Dark interessieren was sie von ihm hielt, aber das tat es anscheinend nicht. Es hatte ihn nie interessiert. Niedergeschlagen riss sie sich von ihm los „Wo wirst du hingehen?“, fragte sie leise, nur um sich von ihrer eigenen Trauer abzulenken.
Schulterzucken „Ich weiß nicht!“, meinte er knapp und flüsterte noch ein leises „Keine Ahnung.“
„In Ordnung, dich aufzuhalten gelingt mir eh nicht.“, sagte Neri schließlich und drehte sich wieder um „Aber eins kann ich dir sagen, ich werde sicher nicht Aufgeben!“
Sie rannte davon, ohne sich noch einmal umzudrehen „Verlass dich darauf Dark, ich werde dich finden und zurückholen!“, schrie sie noch ehe ihre Stimme im Rauschen des Windes unterging. Wenn Dark nicht blieb, weil die anderen ihn als das sahen was er wirklich war, dann musste sie sie eben vom Gegenteil überzeugen. Solange musste sie ihn gehen lassen. Egal wie weh es tat. Aber jetzt war nicht der richtige Augenblick.
Dark wandte sich ab. Ein breites Grinsen legte sich auf seine Lippen „Versprochen ist versprochen, also vergiss mich bloß nicht!“, lachte er und setzte seinen Weg fort.
„Ich freu mich schon auf unser Wiedersehen.“

9.Kapitel

Kapitel 9

Träge schleppten sie sich über die endlos wirkende Steppe.
„Ich kann nicht mehr!“, schnaufte Alia und lies sich fallen, landete aber ungewollt hart am Boden. Auch Taro rieb sich müde die Augen und bemerkte die am Boden liegende Frau erst, nachdem er über sie stolperte.
„Aua.“, beschwerte er sich und fast sich an seine Nase, die er angeschlagen hatte. Weder er noch Alia machten die Anstalt wieder aufzustehen.
Keiko drehte sich um und seufzte „Leute so kommen wir nie weiter!“, versuchte er zu erklären, bekam als Antwort allerdings nur genervtes Murren.
Nun blieb auch Yui stehen „Ich glaub da vorne ist eine Stadt.“, meinte sie und spähte angestrengt in die Richtung in der sie die Stadtmauer vermutete.
Alia sprang hoch und stieß Taro dabei versehentlich von sich runter. Sie hatte Luce ganz vergessen. Auch Keiko schien langsam den Ort zu erkennen wo sie sich befanden. Er und Alia tauschten unsichere Blicke aus.
„Ich werde Kontakt zu ihm aufnehmen.“, seufzte sie und holte die Wallhornmuschel hervor. Missmutig begutachtete Alia sie, bevor sie sich die Spitze an den Mund hielt und sanft hineinblies. Es entstand kein Ton.
Gerade wollte Yui sagen, dass das Teil kaputt war, als plötzlich ein kleiner Wasserstrahl aus dem größeren Ende der Muschel floss. Vorsichtshalber sprang Taro ein paar Schritte zurück und lugte hinter Keikos Rücken, wo er sich versteckt hatte, hervor.
Vor ihren Augen erhob sich aus der Pfütze eines der Halbfischmädchen. Mit ausdrucksloser Miene wartete sie auf einen Befehl.
„Ich würde gerne mit Luce Kontakt aufnehmen.“, erklärte Alia ihr Anliegen und das Mädchen nickte, bevor sie wieder in der Pfütze verschwand.
Eine Zeit lang tat sich nichts. Alle starrten sie schweigend und gespannt auf die Wasseroberfläche, bis diese plötzlich zu wabern begann.
Taros Augen weiteten sich „Oh, es geht los!“
Auf der welligen Oberfläche spiegelte sich plötzlich ein Bild. Allerdings weder von Alia, Taro, Yui oder Keiko. Es war Luce Gesicht, das etwas verstört dreinblickte.
„Alia? Bist du das?“, fragte seine Stimme unsicher.
„Ja, bin ich.“, bestätigte sie, überrascht über Luce Stimme, die klang als wäre sie weit entfernt.
„Okay, tschuldigung, ich war gerade nur etwas überfordert, als dieses Mädel hier plötzlich aus dem Nichts aufgetaucht ist.“, erklärte er verlegen, dann stutzte er „Also irgendwie habt ihr euch vermehrt.“
Alia lachte „Ja, Keiko und ich haben Yui und einen weiteren Träger gefunden.“
Nun beugte sich Taro über die Pfütze und grinste breit „Hallo, wir haben schon einiges von dir gehört, du bist Luce stimmt´s?“
„Der bin ich. Ich hoffe doch nur gutes.“
Keiko schmunzelte „Wer weiß.“
„Also ich muss eigentlich gleich wieder los, hab´s ziemlich eilig!“, sagte Luce und kratzte sich am Hinterkopf.
„Wieso?“, wollte Alia wissen.
Er seufzte „Ich hab ihn gefunden.“
Stille trat ein, dann rief Keiko überrascht „Den Schatten?“
„Naja nicht wirklich gefunden, aber ich bin ihm auf der Spur.“
„Und Neri?!“, rief Yui aufgeregt und packte ihren Bruder am Arm. Sie war auf alles gefasst.
Wieder nickte Luce „Sie lebt, ein Wirt aus einem Gasthaus hat sie zusammen mit dem Schatten gesehen.“
Ein Stein fiel Yui vom Herz, ebenso wie Keiko.
„Gesehen, zusammen?“, fragte er ungläubig.
„Ja, ich war auch überrascht.“, erzählte Luce „So wie der Wirt mir das erzählt hat, hat der Schatten deine Schwester verteidigt.“
Verstört runzelte Keiko die Stirn. Verteidigt? Hatte er richtig gehört?
Luce zuckte mit den Achseln „Ich sollte jetzt echt los, geht ihr schon mal zum Treffpunkt und wartet dort, ich komme nach und bring Neri mit. Versprochen.“, damit verabschiedete er sich und die Wasseroberfläche beruhigte sich wieder, bevor die Pfütze langsam versickerte.
„Sie lebt, sie lebt.“, wiederholte Yui leise zu sich selbst und schloss dabei die Augen. Sie war mehr als nur erleichtert, dass Neri am Leben war und sie schien da nicht die einzige zu sein. Auch Keiko war froh über die Nachricht, dass seine Schwester unversehrt war. Selbst Alia und Taro, die Neri beide nicht kannten, wirkten erleichtert.
„Lasst uns zum Treffpunkt gehen.“, meinte Keiko dann und erhob sich vom Boden, doch Yui schüttelte den Kopf „Ich kann jetzt nicht einfach warten, nicht jetzt wo ich weiß das sie noch am Leben ist.“, murmelte sie bedrückt und zog die Knie an die Brust.
Alia verstand worauf sie hinauswollte. Sie setzte sich neben sie und legte ihr einen Arm um die Schulter „Ich denke, wir können herausfinden wo Luce gerade ist.
„Wirklich?!“, rief Yui aufgeregt und ihre Augen glänzten.
Die junge Frau nickte „Ja, wenn wir wissen in welche Richtung er wollte, können wir ihn dort vielleicht abfangen.“
„Geht so was?“, fragte Keiko nun skeptisch und runzelte die Stirn.
Alia zuckte mit den Schultern „Vielleicht, aber es ist, wie Yui bereits gesagt hat, besser als nur rumzusitzen .“
Auch Taro nickte jetzt so als ob er verstand wovon die Größeren sprachen, was er allerdings nicht tat. Das Einzige was er kapiert hatte, war, dass sie diesem Luce folgen wollten, oder so ähnlich.
Nachdem sie eine Weile hin und her diskutiert hatten, beschlossen sie, dass sie sich auf die Suche nach Luce, beziehungsweise dem Schatten und Neri machten.
Erneut beschwor Alia einen der Halbfische und fragte nach Luce Aufenthalts Ort.
„Das ist ziemlich weit im Westen.“, murmelte Taro und verzog das Gesicht. Im hintersten Winkel Momarias, lag im Westen die Provinz Resielle, das Reich des Schattenmeisters. Bedrückendes Schweigen kehrte ein, bis Yui sich erhob „Und? Ist doch egal ob Luce weit im Westen ist oder nicht! Tatsache ist doch, dass Neri auch dort ist!“
Alia nickte „Sie hat Recht.“
„Gut, wir stimmen ab.“, entschied Keiko „Wer will hier bleiben?“ Keine Hände. Er lachte „Dacht ich mir, also, worauf warten wir noch?“
Damit war es beschlossene Sache und sie machten sich sofort auf den Weg. Ihre Müdigkeit hatten sie bereits vergessen.
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-xXx-

„Scheiße!“, fluchte Luce „Verdammte Scheiße!“
Das Gespräch mit Alia und den anderen hatte ihn zu viel Zeit gekostet. Viel zu viel! Er verlor die Spur, ausgerechnet jetzt, wo er so nah am Ziel war.
Er gab dem Pferd die Sporen und trieb es weiter an. Er durfte jetzt auf keinen Fall zurückfallen, wenn er die Aura des Schattens nicht komplett verlieren wollte. Auf keinen Fall! Er hatte den anderen doch versprochen, Neri zurück zubringen. Er musste sich echt beeilen!

-xXx-

Schlaftrunken öffnete Neri die Augen. Sie war wohl eingeschlafen. Neben ihr lag Dark und starrte aus abwesenden Augen die Decke der Plane an. Als Neri aber aufwachte, drehte er den Kopf zu ihr „Wach?“, fragte er und setzte sich auf.
Sie nickte. War er etwa die ganze Zeit bei ihr geblieben?
Plötzlich hielt der Wagen mit einem Ruck an. Sie hörten Batun vom Sitz springen, dann wurde die Plane auch schon aufgezogen „Wir machen eine Pause, das Pferd muss sich ausruhen.“, erklärte Batun und nahm einen Schluck Wasser aus einer kleinen Flasche.
„Endlich, dann kann ich mir ja mal die Beine vertreten!“, freute sich Dark und sprang sofort von der Ladefläche auf den Boden.
Die Landschaft hatte sich deutlich verändert, und das sogar zum besseren. Die trockene Einöde wurde ersetzt von einem weiten Feld und einem Waldrand, an dem sie gehalten hatten. Ein Pfad führte über die Wiese und dann zwischen hohen Bäumen hindurch.
Neri folgte Dark und streckte sich etwas. Die ganze Zeit war sie entweder gesessen oder gelegen. Die Beine konnte sie wieder normal bewegen und auch sonst schienen alle einst vorhandenen Verletzungen gut verheilt zu sein.
Genießerisch sog sie frische Luft ein „Wo genau sind wir hier?“, fragte sie neugierig und sah sich um.
Batun zog eine Karte aus den Beutegegenständen und deutete schließlich mit dem Finger auf eine Stelle weiter im Landesinneren.
„Vorher waren wir hier im Südwesten und jetzt sind wir etwas weiter im Norden.“, sagte er und sah dann wieder über die Landschaft „Dort vorne ist das Kirogebirge.“
Tatsächlich, am Horizont sah man die Spitzen hoher Berge, bedeckt von einer dünnen Schicht Schnee.
„Ist doch egal!“, meinte Dark desinteressiert und lief etwas im Kreis „Hauptsache weg aus diesem Trockenland!“
Missmutig runzelte Batun die Stirn, und ignorierte Darks Worte „Wir werden eine Zeit lang rasten, also nutzt die Gelegenheit euch ein bisschen zu Bewegen.“
Das lies sich der Schatten nicht zweimal sagen „Alles klar, ich bin dann mal weg!“, rief er noch, bevor er auch schon Richtung Wald stiefelte.
Unschlüssig stand Neri da, sah zwischen Dark und Batun hin und her. Doch als der Magier ihr aufmunternd zunickte, lächelte sie erleichtert und eilte Dark hinterher.
„Was?“, fragte er und spähte zu ihr rüber, nachdem sie ihn eingeholt hatte.
„Darf ich dich begleiten?“
Er seufzte „Mach was du willst.“
Beleidigt folgte sie ihm, doch als er nicht die Anstalt machte etwas zu sagen, stellte sie sich vor ihn und versperrte so den Weg.
Verblüfft starrte Dark Neri an, dann seufzte er genervt und stemmte eine Hand in die Hüfte „Also gut, was willst du?“
„Zeig´s mir!“, forderte sie, doch er schien sie nicht zu verstehen, denn er zog nur verständnislos die Augenbrauen hoch.
„Zeig mir, wie man richtig kämpft!“, wiederholte Neri und legte eine Hand an den Griff von Darks Schwert „Ich will es lernen, mich auch alleine zu verteidigen!“
Eine Zeit lang blinzelte Dark irritiert, dann fing er an zu lachen.
Neri verstand es nicht, was war daran so lustig? Beleidigt verschränkte sie die Arme vor der Brust.
„Du willst lernen wie man kämpft?!“, wiederholte Dark skeptisch „Du kannst ja noch nicht mal mein Schwert halten!“
Ertappt biss sich Neri auf die Unterlippe. Da hatte er leider Recht. Damals beim Angriff der Jagdvögel, hatte sie Darks Schwert nur mit Mühe hochbekommen, schwingen konnte sie es erst recht nicht, aber damals war sie auch körperlich geschwächt gewesen.
„Egal, ich will das du´s mir zeigst! Und wenn es nur ein paar Handgriffe, Ausweichtechniken, oder sonst was sind, ich will das du sie mir beibringst!“, sagte sie nun etwas lauter und Dark schmunzelte. Eins musste er ihr lassen. Sie war wirklich interessiert daran etwas zu lernen und das sprach doch für sie.
„Na schön, wenn du unbedingt willst.“, willigte Dark ein und grinste etwas.
Mittlerweile sollte Neri wissen, dass sein Grinsen nichts gutes hieß, aber im Moment hatte sie andere Interessen.
„Du hast ein Messer, richtig?“, fragte Dark schließlich, worauf Neri nickte und die Klinge hervorholte.
Doch Dark schmunzelte nur „Gut, aber das brauchst du am Anfang nicht.“
Verwundert aber gehorsam steckte sie ihn wieder in ihren Gürtel.
„Wenn du wirklich was lernen willst, musst du erst mal an Ausdauer und Kraft gewinnen, sonst hast du im Kampf nicht die geringste Chance.“, erklärte Dark mit ernster Miene.
Neri seufzte „Ich bin kein Schwächling!“
„Wie wär´s mit einem Spiel?“, fragte Dark nun und grinste wieder.
Misstrauisch musterte sie ihn. Was hatte der Kerl denn jetzt schon wieder vor? Dann aber stieß sie ergeben Luft aus.
„Also, hör zu.“, fing Dark an „Du rennst davon und ich werde dich wieder einfangen, klar soweit?“
Nervös schüttelte Neri den Kopf „Lieber nicht.“
„Ach, komm schon, man soll doch auch Spaß am Training haben. Außerdem warst du es, die so versessen darauf war was zu lernen. Glaub mir, später wirst du garantiert mehr als nur einmal wegrennen müssen um vom Feind nicht entdeckt zu werden.“
Neri seufzte und verkniff sich ein „Ich dachte du machst keinen Spaß“ und wollte noch was sagen, als Dark plötzlich auf sie zustürmte. Erschrocken sprang sie zur Seite, drehte sich um und rannte auch schon davon. Dieser…, er ließ ihr keine Wahl, als weg zu laufen. Wütend presste sie die Lippen aufeinander und rannte so schnell sie ihre Beine trugen. Wenigstens etwas das sie konnte. Rennen war schon immer ihre Stärke gewesen. Bereits als kleines Kind übertraf sie die anderen in ihrem Dorf an Geschwindigkeit. Das einzige Problem war, dass es ihr an Kondition mangelte. Schnell war sie aus der Puste und warf einen flüchtigen Blick über die Schulter. Gut, sie hatte Dark abgehängt. So verlangsamte sie ihr Tempo, doch das stellte sich auch gleich als fataler Fehler heraus.
Von wo auch immer, sprang Dark sie an und landete gezielt auf ihren Schultern, wo er die Beine um ihren Hals schlang. Durch das plötzliche Gewicht wurde Neri unsanft zu Boden gerissen. Von ihrem Rücken aus lachte Dark triumphierend, er beugte sich zu ihr runter und raunte dicht an ihrem Ohr „Dir fehlt der nötige Ansporn! Vielleicht sollte ich ein bisschen Nachhelfen, hm?!“
Aus seinem Gürtel zog er einen länglichen Metallgegenstand. Er war länglich, sehr schmal und lief vorne spitz zu, das hintere Ende war umwickelt mit einem roten Band.
Neri krallte die Finger in den weichen Waldboden und versuchte sich unter Dark her vorzukämpfen, doch als er ihre Arme an ihren Körper drückte und dort mit den Knien fixierte, konnte sie sich nicht mehr bewegen.
„Na, was ist los?! Wieso stehst du nicht auf?!“
„Du bist zu schwer!“, knurrte Neri gepresst und versuchte ihre Hände frei zu bekommen, jedoch ohne Erfolg.
„Nein!“, meinte Dark überzeugt „Du bist einfach nicht stark genug dich mir zu widersetzen, sieh es endlich ein!“
„Ich will´s aber lernen!“
„Bist du sicher?“, hauchte er und grinste finster.
Neri schluckte. Auf einmal wollte sie nur weg von hier, weg von ihm.
„Wenn du wirklich was von mir lernen willst, musst du bereit sein bis aufs Äußerste zu gehen! Es wird vielleicht wehtun und ganz sicher nicht einfach werden, ist dir das klar?!“
Wenn Neri jetzt nachgeben würde, würde sie zeigen, dass sie schwach war und Angst hatte, dass wollte sie auf keinen Fall, deshalb nickte sie.
„Gut, na dann hoch mit dir!“, lachte Dark und schmunzelte fies. Himmel, wie ihm das gefiel, sie so hilflos und verzweifelt zu sehen.
Nach einigem Rucken keuchte Neri erschöpft „Es geht nicht, du…“, weiter sprach Neri nicht, als sie plötzlich Darks kalten Atem im Nacken fühlte.
„Dann helfe ich mal nach!“, raunte er und legte den kalten Stahl an ihre Wange. Panisch riss Neri die Augen auf und schielte auf das bedrohlich nahe Metall in ihrem Gesicht.
Leicht lies der Schatten die Klinge über ihre Haut streichen, doch das reichte schon um sie sanft anzuritzen. Warmes Blut, wenn auch nicht viel, lief daran herab.
Dark zog die Klinge zurück und leckte darüber, dann grinste er verschwörerisch „Wie ich´s mir dachte. Dein Blut schmeckt köstlich, man bekommt glatt Hunger auf mehr.“
Panik kam in Neri hoch. Dark wurde wahnsinnig! Das er etwas seltsam war, hatte sie schon vorher gewusst, doch allmählich wurde er ihr wirklich unheimlich.
„Dark! Neri!“ Batuns Stimme hallte durch den Wald und lies den Schatten innehalten, der sich schon wieder zu Neri herunter gebeugt hatte.
„Kommt zurück, es geht weiter!“, rief er nochmal, dann kehrte wieder Stille ein.
Seufzend erhob sich Dark und steckte das Metall zurück „Nochmal Glück gehabt, aber das nächste Mal kommst du mir nicht so einfach davon! Verlass dich drauf!“
Schwerfällig schaffte sich Neri auf die Beine. Verstohlen spähte sie zu Dark, der sie abwartend ansah, dann drehte sie sich um und rannte in die entgegengesetzte Richtung.
Dark blieb zurück. Er schmunzelte.
„Na also, geht doch.“, sagte er zufrieden zu sich selbst.
Auf die Geschwindigkeit, mit der Neri soeben davongerannt war, konnte man gut aufbauen. Das Einzige was sie brauchte, war die nötige Motivation, aber für die würde er schon noch sorgen…

Neri rannte und rannte, ohne sich umzudrehen. Ihre wahnsinnige Panik vor Dark trieb sie weiter an und lies sie die Schmerzen ihren Füßen und Beinen vergessen.
Hatte sie anfangs noch geglaubt, Dark wäre weitaus nicht so gefährlich wie er aussah, so musste sie jetzt einsehen, dass sie total im Unrecht lag. Nach wie vor war Dark zwar ein Schatten, eine der bösartigsten Kreaturen die hier in Mamoria ihr Unwesen trieben, doch er hatte schon mehr als einmal bewiesen, dass er auch zu guten Taten bereit war. Er hatte ihr Leben verschont, obwohl er ihr anfangs noch den sicheren Tot gewünscht hatte. Er begleitete sie, obwohl er eigentlich seine Ruhe wollte, jedenfalls glaubte Neri das dem so war, anders konnte sie sich sein abweisendes Verhalten nicht erklären. Und er hatte sie neulich vor den zwielichtigen Gestallten in der Gaststätte beschützt und verteidigt.
Ihre Gedanken wurden unterbrochen, als sie plötzlich gegen etwas knallte, unsanft zurück taumelte und hart am Boden landete.
„Verdammt!“, fluchte sie leise, als sie sich den Kopf rieb. Sie musste wohl einen Baum übersehen haben.
„Oh, Verzeihung!“
Seit wann konnten Bäume allerdings sprechen? Jetzt hob Neri doch den Kopf und sah in ein fremdes Gesicht, das sich nun zu ihr runter beugte und ihr eine Hand hin hielt.
„Tut mir wirklich leid, ich hab gerade nicht aufgepasst.“, entschuldigte sich der Fremde erneut und zog Neri, die ihm die Hand reichte, wieder auf die Beine. Sie schüttelte den Kopf „Nein, ich muss mich entschuldigen, ich hab nicht gesehen wo ich hin laufe.“
„Streit gehabt?“, fragte er und lächelte.
Verblüfft starrte Neri ihn an „So in der Art, woher weißt du das?“
Keine Antwort, der Junge lächelte einfach nur, dann blitzte sein Auge kurz.
„Sag wie ist dein Name!?“, fragte er plötzlich aufgeregt und packte sie an den Schultern.
„Neri.“, antwortete sie perplex und überrascht.
Der Junge lies sie los und atmete erleichtert aus. Auf Neris fragenden Blick antwortete er „Du musst wissen, ich habe deinen Bruder getroffen.“
„Keiko?!“ ihre Augen weiteten sich und der Fremde nickte.
„Ja. Er macht sich wahnsinnige Sorgen um dich, also hab ich gesagt, dass ich dich suchen werde.“
„Wo ist er? Geht es ihm gut?!“
„Er sucht nach eurer Schwester, Yui glaub ich.“, er kratzte sich nachdenklich am Hinterkopf, dann lächelte er wieder „Mein Name ist übrigens Luce.“
Erleichtert schloss Neri die Augen. Keiko war also in Sicherheit und er suchte nach Yui. War sie etwa schon weiter gezogen? Hätte Neri vorher gewusst wie das enden würde, hätte sie vielleicht doch bei ihr bleiben sollen als sie sich damals im Schloss voneinander getrennt hatten. Dieser kurze Moment hatte ihr Schicksal besiegelt. Alle wurden sie getrennt und jetzt war endlich die Zeit gekommen sich wieder zusammen zu finden. Allerdings hatte sie eine entscheidende Sache vergessen.
Sie drehte sich um. In dem Moment, schritt Dark aus dem Gestrüpp und blieb erstaunt stehen. Wer war dieser fremde Junge, der da bei Neri stand und ihn nun eindringlich musterte. Sein Blick gefiel Dark gar nicht. Entschlossen ging er auf ihn zu und blieb kurz hinter Neri stehen.
„Und wer zum Teufel bist du jetzt?!“, fragte er schlecht gelaunt und funkelte seinen gegenüber warnend an.
Der Junge schmunzelte „Wer ich bin braucht dich nicht zu interessieren, Schatten Dark.“
Irritiert zog Dark eine Augenbraue hoch „Woher kennst du meinen Namen?!“
Abschätzendes Kopfschütteln „Auch das braucht dich nicht zu interessieren, aber mal davon abgesehen, Dark, das ist doch kein Name.“
„Ach nein?!“, knurrte der Schatten drohend und seine Hand zuckte zum Griff seines Schwertes, welches er am Rücken trug.
„Wenn du ein Problem mit meinem Namen hast, dann verschwinde bevor ich dich einen Kopf kürzer mache!“, zischte er und zog provozierend die dunkle Klinge.
Luce runzelte die Stirn „Gerne, aber nicht ohne das Mädchen.“
Verwirrt drehte Neri den Kopf zu ihm, sagte aber nichts.
Dark blinzelte erst verblüfft, dann lachte er abfällig „Jetzt hör mir mal zu, Einauge! Die Kleine gehört mir, also nimm deine verfluchten Griffel von ihr!“, zischte er hob abwartend das  Kinn etwas an.
Luce knirschte mit den Zähnen „Einauge?! Ich heiße Luce kapiert?!“
Gespielt verzog Dark das Gesicht zu einem mitleidigen Ausdruck „Ach nein, ich hatte gedacht, dein Name braucht mich nicht zu interessieren?!“
Fassungslos stand Neri wie angewurzelt da. Was sollte sie tun? Wenn ihr nicht schnell etwas einfiel, würde Dark nicht zögern Luce tatsächlich umzubringen!
Sie lief zu ihm und legte eine Hand auf seine, welche das Schwert umgriffen hielt „Hör mal Dark. Du willst ihn doch nicht wirklich mit ihm kämpfen?“
Er sah sie nicht an „Oh, ich glaube schon das ich dass will!“ Mit einem Ruck schlug er Neris Hand beiseite und grinste Luce auffordernd an.
Verzweifelt starrte Neri auf das Schauspiel, welches sich ihr bot, bis ihr eine Erkenntnis kam. Die zwei kämpften doch jetzt nur wegen ihr, oder? Luce wollte sie mit zu Keiko nehmen und Dark wollte sie hierbehalten. Zum ersten Mal hatte sie das Gefühl, dass Dark wirklich etwas an ihr lag, wenn er sie so unbedingt bei sich behalten wollte. Doch ein Kampf war keine Lösung. Schon gar nicht wenn einer der beiden praktisch unsterblich war.
Ihr Blick wanderte zu dem Schatten, der nun mit erhobenen Schwert auf Luce zustürmte. Ängstlich biss sich Neri auf die Unterlippe.
Als Luce jedoch im selben Moment die Augenklappe abnahm, die sein linkes Auge verdeckte, stockte Neri der Atem. Ein Magierauge! Und dann fiel es ihr ein. Sie musste zurück, zurück zu Batun. Er wusste sicher was zu tun war.
Wiederwillig lies sich die zwei zurück, welche ihr im ersten Moment verwirrt nachsahen, sie dann aber nicht weiter beachteten. Neri rannte weiter und blieb erst völlig außer Atem stehen, als sie Batuns besorgte Stimme hörte. Er musste sich in der Zwischenzeit auf die Suche nach ihr und Dark gemacht haben.
Mit eiligen Schritten kam er auf sie zu „Was ist passiert?!“, fragte er mit besorgter Miene und musterte Neri eindringlich.
Wortlos zeigte sie hinter sich in den Wald und als Batun den Blick hob, verfinsterte sich seine Miene.
„Ich weiß nicht genau was da vor sich geht, aber Dark hat es schon wieder geschafft, in einen Kampf zu geraten!“, brachte Neri nun verzweifelt hervor.
Batun nickte stumm und eilte in die Richtung, in die Neri gezeigt hatte und aus der man nun das scheppernde Klingen von Metall vernahm.
Sie eilte dem Magier hinterher und holte ihn erst ein als er plötzlich stehen blieb und sich das ihm bietende Schauspiel beobachtete.
Auch Neri sah besorgt zu den zwei Kämpfern. Inzwischen hatte Luce auch zur Waffe gegriffen. Einen längeren Stab aus Stahl, dessen Enden scharf zu liefen. Ein Griff in der Mitte diente einer doppelseitigen Nutzung. Wo er den her hatte, war ihr allerdings ein Rätsel.
Beide wiesen sie mehrere Schnittwunden auf, dabei schienen die von Dark aber bereits wieder zu heilen, was ihm in diesem Fall jedoch keinen Vorteil gab. Neri sah, dass der Heilungsprozess stark an Darks Kräften zerrte. Seine Bewegungen waren langsamer als sonst und auch die Wucht seiner Schläge schien mit jedem Angriff nach zu lassen.
Doch auch Luce hatte seine Probleme. Eine heftig blutende Schnittwunde am linken Arm hinderte ihn daran seine Waffe richtig zu führen und lies seine Bewegungen schwerfällig wirken. Auch an seinem rechten Bein klaffte eine blutende Wunde und sorgte für humpelnde, langsame Schritte.
Als Luce jedoch den alten Magier erblickte, erstarrte er. Zu Darks und Neris Überraschung lies er den Stahlstab fallen und fiel vor Batun auf die Knie. Dark hielt inne.
„Es tut mir ja so schrecklich leid Meister! Bitte vergebt mir!“, rief er flehend und senkte beschämt den Blick.
Batun räusperte sich „Luce, du hast meine Anweisungen missachtet, glaubst du wirklich, dass ich dir einfach so vergeben werde?!“, fragte er schließlich aufgebracht und verschränkte kühl die Arme vor der Brust.
Luce schüttelte niedergeschlagen den Kopf „Natürlich nicht Meister.“
„Dazu kommt noch, dass du dich hier mit unserem Begleiter rumschlägst!“
Jetzt war auch Dark verwirrt. Nie hätte er gedacht, dass der alte Opa ihn mal in Schutz nehmen würde.
Zähne knirschend drehte Luce den Kopf erst zu Dark, dann zu Neri und schließlich zurück zu seinem Meister „Begleiter?!“, stieß er fassungslos aus und erhob sich „Habt Ihr den Verstand verloren Meister?! Das dort,“ er deutete auf Dark, der abwartend die Augenbrauen hob „Er ist ein Schatten, verdammt!“, rief er aufgebracht „Ein verfluchter Schatten!“
Batun seufzte „Ich weiß.“, sagte er leise.
„Sie wissen das und reisen dennoch mit ihm?!“ Luce schien nicht zu begreifen, warum sein Meister einen Schatten, ihrem größten Feind, Schutz gewährte?
„Und um das mal richtig zu stellen, reisen die zwei mit mir.“, erklärte Batun.
Fassungslos schüttelte Luce den Kopf „Das spielt doch keine Rolle! Bis jetzt hatte ich immer Respekt vor Ihnen, aber das was Sie hier gerade abziehen ist unter aller Würde eines Magiers! Es tut mir leid, aber ich bin enttäuscht von Ihnen Meister.“ Traurig lies Luce den Kopf hängen.
„Du bist enttäuscht von mir, weil ich jemanden, der bereut, vergebe?“, fragte Batun, worauf Dark verwundert das Gesicht verzog.
„Ähm, einen Moment mal!“, meldete er sich zu Wort „Nur um das mal klar zu stellen, ich bereue absolut gar nichts!“
„Dich hat keiner gefragt, Schatten!“, zischte Luce verärgert und funkelte ihn an, dabei benutzte er die Bezeichnung ‚Schatten’ wie ein Schimpfwort.
Gereizt, aber dennoch genügend Selbstbeherrschung besitzend, steckte Dark sein Schwert zurück. Er hatte keine Lust mehr auf diesen sinnlosen Kampf.
Erleichtert atmete Neri auf. Nochmal Glück gehabt. Wer wusste schon was passiert wäre, wenn Batun sie nicht rechtzeitig aufgehalten hätte? Sie wollte es gar nicht wissen.

Schlecht gelaunt saß Luce nun neben seinem Meister und lies sich, mehr oder weniger freiwillig, von ihm seine Verletzungen versorgen.
Zwar hatte Dark auch einiges abgekriegt, weigerte sich aber stur irgendeine Behandlung über sich ergehen zu lassen. Er verließ sich völlig auf seine Selbstheilung, auch wenn diese eher ein Fluch als ein Segen war. Egal wie klein oder unwirklich eine Verletzung war, änderte dies nichts am Ausmaß der Schmerzen, die von dem Heilungsprozess ausgingen. Als Beispiel; eine einfache Schürfwunde, die unter normalen Umständen höchstens etwas brannte, sorgte bei ihm schon für einen Schmerz, den er als Mensch nicht mal wahrnehmen würde.
Es war wirklich ein Fluch, der Fluch eines Schatten, wenn sich die dunklen Wellen des Schattenspiegels, welcher für seine Selbstheilung verantwortlich war, über ihn legten.
Nur seinem Jahre langen Training hatte es Dark zu verdanken, dass er mit diesem Schmerz umgehen konnte, ihn soweit er sich nur auf Kratzer oder einfache Schnittwunden wie diese bezog, verdrängen konnte und nicht weiter wahrnahm
Er konnte sich noch gut erinnern. Am Anfang war es unerträglich gewesen. Als würde er ersticken, innerlich verbrennen und langsam wahnsinnig werden. Jedes mal wenn er sich eine, für Menschen tödliche Verletzung zugetragen hatte, hatte man ihn in ein Zimmer gebracht. Weit oben in einem Turm, sodass niemand seine Qualensschreie gehört hatte, wenn sein Körper sich von selbst heilte. Manchmal hatte er Tage lang dort oben auf einem harten Bett verbracht und nur geschrien, bis dann doch Irgendwer kam und ihn mit harten Schlägen und Tritten bewusstlos geprügelt hatte, damit er endlich aufhörte so einen Lärm zu machen.
Gnade? Das war in Darks Ohren ein Fremdwort. Vielleicht war das auch der Grund warum er so war wie er jetzt ist. So kühl und kaltherzig. Aber Neri schien mehr in ihm zu sehen…
Alleine wenn Dark an diese Tage früher zurückdachte, fühlte er die Wut in sich aufkochen. Hatte er Anfangs noch geglaubt, Neri nur zu begleiten weil er nicht zu seinem Herr und Meister zurück konnte, weil er versagt hatte, so fing er nun ernsthaft an zu Zweifeln.
Wenn er recht überlegte, wollte er einfach nur Rache! Aber nicht an seinen Leuten, sondern an der Person die ihm das angetan hatte.
Sie hatten ihn doch schon immer nur verlacht, verspottet und wie Ungeziefer behandelt. Von Anfang an war er nichts weiter als ein Experiment gewesen. Gewaltsam hatte man ihn von seiner Familie fort gerissen, obwohl, wenn er ehrlich war, selbst in seinem Dorf hatte er nie Freunde gehabt. Niemand wollte ihn wirklich. Alle hatten sie Angst vor ihm. Nicht weil er ein Schatten war, nein, sie fürchteten seine Worte, seine Geschichten und die Tatsache das er verdammt nochmal Recht hatte. Damals war er ganz anders als heute, er hatte den Kindern von Dämonen und Geistern erzählt. Die Erwachsenen waren allerdings nicht begeistert das er ihren Kindern Angst machte. Er wurde gemieden und ausgegrenzt.
Weiter ging seine Wut über die anderen Schatten. Im Gegensatz zu ihm waren sie richtige Schatten, gehässig, gnadenlos und abgrundtief böse. Verlacht hatten sie ihn, da er kein echter Schatten war. Dark hatte gelernt damit umzugehen, doch als sie ihn schließlich kaltblütig ausgeliefert hatten, war es vorbei mit der unterdrückten Wut. Alles kam wieder in ihm hoch und er schwor sich damals, in seiner Zelle, sich an allen zu rächen die ihn verspottet hatten, oder es noch tun würden. Dann aber hatte er Neri getroffen, die wieder ganz anders zu ihm war, als er es von ihr erwartet hatte. Sie hatte ihn nicht verspottet, hatte sich nicht vor ihm gefürchtet. Sie glaubte doch tatsächlich, dass in seiner verdorbenen Seele noch etwas gutes lag. Nach wie vor wollte er das zwar nicht wahrhaben, aber ihre Meinung ändern konnte er auch nicht.
Mittlerweile hatte er sein Ziel erreicht. Neri hatte Angst vor ihm, jedenfalls glaubte er das und das war auch gut so, schließlich war er immer noch ein gefährlicher Schatten und sollte sie es auch nur wagen ihn zu unterschätzen, würde er sie das auch ohne Umschweife spüren lassen.
Ein böses Lächeln kehrte in sein Gesicht zurück und fing einen fragenden Blick von Neri ein.
Sie saß ihm gegenüber und musterte ihn besorgt.
„Dark? Alles in Ordnung?“, fragte sie vorsichtig.
Sein Lächeln wandelte sich zu einem breiten Grinsen. Nervös rutschte Neri weiter zu ihm, dann flüsterte sie ihm ins Ohr „Weißt du was Dark? Ich will nicht das du gehst.“ Sie setzte sich wieder richtig hin und lies traurig den Kopf hängen.
„Warum sollte ich gehen?“, fragte Dark gelangweilt und sah sie skeptisch an. Neri zuckte mit den Schultern „Ich weiß nicht, ich habe nur so ein ungutes Gefühl. Ich hab Angst davor was uns noch erwarten wird.“
Verärgert packte er sie am Kinn und zwang Neri so ihn anzusehen „Jetzt hör auf so rum zu quengeln und hör mir mal zu! Du hast dich gefälligst vor nichts zu fürchten! Der Einzige, der dir Angst machen darf, bin ich, kapiert!?“, knurrte er und lies sie wieder los, nachdem sie ergeben nickte. Dann sagte sie „Ich hab aber keine Angst vor dir.“
Dark lachte. „Sicher hast du die nicht.“, dachte er sarkastisch und verschränkte die Hände hinter dem Kopf, bevor er sich zurückfallen lies und mit einem Grinsen auf den Lippen die glühend roten Augen schloss.

Missmutig saß Luce zusammen mit seinem Meister am Feuer. Sie waren nicht mehr weiter gefahren. Es war bereits dunkel geworden und sie waren alle müde.
Neri hatte sich mit Dark zurück gezogen. Sie wollte nicht ans Feuer und er wollte schlafen.
„Ich versteh immer noch nicht wie Ihr einem Schatten vertrauen konntet?“, murmelte Luce und starrte nachdenklich ihn die helle Glut.
Batun seufzte „Von Vertrauen kann man nicht sprechen, jedenfalls nicht in meinem Fall. Was die Kleine allerdings angeht,“ gedankenverloren sah er zur Kutsche „Sie glaubt das Dark ein guter Kerl ist.“
Luce lachte spöttisch auf und lehnte sich im Gras zurück „Nicht ihr Ernst! Ein Schatten ist niemals gut!“
Darauf zuckte Batun nur mit den Schultern „Wer weiß, schließlich hat er die Kleine letztens erst beschützt.“
Ruckartig erhob sich Luce wieder „Du meinst die Sache in der Gaststätte?! Er hat einen Mann umgebracht! Alle Anwesenden haben es gesehen! Als ich den Raum betreten hab, wirkten sie alle eingeschüchtert!“, rief Luce aufgebracht „Er ist ein Monster!“
„Monster hin oder her.“, meinte Batun, unbeeindruckt von Luce Worten „Er bleibt jedenfalls bei uns. Oft genug hatte er die Gelegenheit gehabt uns zu hintergehen, auszulöschen oder einfach nur abzuhauen.“
Luce blinzelte irritiert. Er konnte das alles einfach nicht glauben. Das klang selbst für ihn viel zu erfunden. Ein Schatten blieb niemals in der Nähe von Menschen!
„Ich glaube,“, fuhr der Alte fort „er hängt ganz schön an der Kleinen, auch wenn er das nicht zugibt, oder sich dessen selbst noch nicht so bewusst ist. Aber sag mal Luce, du müsstest ihn doch eigentlich am besten verstehen, schließlich besitzt du die seltene Gabe in die Seelen anderer zu blicken.“
Zerknirscht wandte Luce den Kopf ab. Es stimmte schon. Warum auch immer, war er in der Lage Gefühle, Gedanken und Beweggründe von anderen wahrzunehmen.
Auch in Dark hatte er mehr gesehen, als pure Boshaftigkeit, doch er wollte es sich nicht eingestehen. Es widersprach einfach allem was er jemals über Schatten gelernt hatte. Selbst Darks Erscheinungsbild erinnerte mehr an einen Mensch, als einem Monster. Lediglich die blasse Haut, die schwarz-blauen Haare und nicht zu vergessen die glühend roten Augen, erinnerten an das was er wirklich war.
Luce konnte nicht damit umgehen, dass etwas das eigentlich abgrundtief verdorben war nun doch eine gute Seele haben sollte. Er schüttelte den Kopf. Das war einfach absurd.

-xXx-

Sie hatten die Schienen des Landes erreicht. Taro hatte den genialen Vorschlag gemacht, dass es viel schneller gehen würde, wenn sie den nächsten Zug Richtung Westen nahmen. Alle waren einverstanden gewesen. Die Frage war nur, wie lange sie warten mussten bis ein Zug auftauchen würde. Im Westen gab es nur zwei Haltestellen. Eine weiter nördlich, die andere führte bis nach Resielle hinein, doch diese Strecke wurde schon seit Jahren nicht mehr befahren. Jedenfalls nicht von öffentlichen Zügen…
Schweigend und müde liefen die vier an den Schienen entlang nach Nordwesten. Schlafen trauten sie sich nicht. Zu hoch war die Gefahr, hier auf offenem Feld, angegriffen zu werden, oder den nächsten Zug zu verpassen. An der südlichen Haltestelle wollten sie auch nicht warten, sie wollten vorwärts kommen.
Plötzlich hob Taro den Kopf. Er hatte weitaus sensiblere Sinne als der Rest der Gruppe. Er spürte den Boden vibrieren und hörte das rasselnde Geräusch von Metall auf Metall schleifen und springendem Kies, der durch die Erschütterung aufgewühlt wurde.
Auch die anderen spürten jetzt eine Veränderung am Boden und vernahmen nun alle einen pfeifenden Ton.
„Er kommt!“, rief Keiko aufgeregt. Sofort waren alle vier hellwach. Sie hatten nur eine Chance. Wenn der Zug an ihnen vorbei fuhr, mussten sie aufspringen, denn halten würde dieser sicherlich nicht, dazu kam noch das sie sozusagen schwarz fuhren.
Sie drehten sich um und beobachteten angespannt wie sich der Zug näherte.
„Okay, jetzt zählt es!“, erinnerte Alia noch, dann rauschte das Gefährt auch schon an ihnen vorbei.
Geschickt bekam Yui eine metallische Stange zu fassen und zog sich daran hoch, ebenso wie Keiko und Alia. Taro hatte es einfacher als die anderen, er flog einfach über den Zug hinweg und landete auf dessen Dach. Mit einigen Mühen zog er sie einen nach den anderen nach oben.
Keuchend lagen sie schließlich alle auf dem flachen Metalldach und versuchten erschöpft ihren rasenden Puls zu verlangsamen.
„Geschafft.“, stieß Keiko hervor und drehte sich außer Atem auf den Bauch.
Yui nickte zustimmend und auch Alia atmete erleichtert aus.
Niemand wollte wissen, wie lang sie noch hätten warten müssen falls sie versagt hätten und auch niemand wollte daran denken.
Ratternd fuhr der Zug durch die schwarze Nacht. Die vier schwiegen anfangs noch. Gelegentlich nickte einer weg, schreckte aber sofort wieder auf, sobald es etwas holperte.
Erst als die Sonne wieder aufging und den Himmel im Osten, aus dem sie kamen, in einem schauerlichen rot erleuchten lies, kehrte wieder gute Stimmung ein.
Ein grollendes Geräusch lies das Gelächter und ihre Unterhaltung verstummen. Verwundert drehten sie ihre Köpfe zu Taro, der platt auf dem Dach lag und sich zusammengekauert den Magen hielt „Ich sterbe!“, ächzte der Kleine, worauf erneut Gelächter ausbrach.
Keiko half ihm wieder sich aufrecht hinzusetzen und legte einen Arm um Taros schmale Schultern „Du verhungerst schon nicht so leicht, vor allem nicht mit dem Speck.“, erklärte er neckend und stupste dem Feenjunge provozierend gegen den flachen Bauch.
Yui kicherte und Taro stöhnte entnervt auf „Irgendwann, wenn ihr alle Hunger habt und denkt das ihr gleich umkippt, lach ich jeden einzelnen von euch aus!“, meinte er und stöhnte auf, als sein Magen erneut zu grummeln begann.
Mit mitfühlender Miene zog Alia aus ihrem Stoffbeutel ein Stück Brot heraus und reichte es dem Feenjungen „Lassen wir es lieber nicht so weit kommen.“, sagte sie mit einem Lächeln auf den Lippen.
Taros Augen begannen zu strahlen und er fiel der überraschten Frau um den Hals „Dich werde ich natürlich nicht auslachen!“, rief er gut gelaunt und streckte den zwei verblüfften Zwillingen die Zunge raus.
Wer hätte gedacht, dass der Kleine so schnell glücklich gestimmt werden konnte und dazu noch einen frechen Ton draufhatte?
„Irgendwann erfinde ich Essen das niemals leer wird!“, erklärte Taro mit vollem Mund „Dann muss niemand mehr hungern!“
Skeptisch zog Yui die Augenbrauen hoch „Ach, und wann willst du das machen? Wir haben genug damit zu tun die anderen zu finden, dann den letzten Erbkristall suchen und nicht zu vergessen, müssen wir das Land vor den dunklen Mächten verteidigen.“
„Du redest so, als ob, das ganz einfach wäre.“, merkte Alia an und sofort waren sie alle wieder ernst.
Es war Tatsache, dass dies alles erreicht werden musste, aber ob das so einfach war wie Yui es gerade dargestellt hatte, daran zweifelte jeder von ihnen. Längst hatten sie eingesehen, dass diese Reise mehr war, als nur ein harmloser Auftrag. So viel wurde von ihnen verlangt, oder würde noch verlangt werden. Diese Reise würde sie ans Äußerste treiben, an den Abgrund des Verstandes, doch keiner wollte das Wahrhaben. Sie wollten nicht glauben, dass es sie höchst wahrscheinlich das Leben kosten würde, dass sie nicht alle lebend aus dieser Aufgabe herauskamen. Taro hatte es schon am eigenen Leib erfahren, er hatte seine Familie, seine Freunde, sein ganzes Volk verloren.
Dieses Schicksal, ihr Land zu beschützen, würde von jedem von ihnen Opfer verlangen!

8.Kapitel

Kapitel 8

Träge öffnete Dark ein Auge. „Zu hell.“, gab er murrend von sich und hielt einen Arm vor die Augen um das grelle Sonnenlicht, welches gnadenlos auf ihn niederschien, abzuschirmen. Komisch, gestern Abend hatte er sich doch hinter den Planwagen gelegt, eigentlich müsste er im Schatten liegen… Alarmiert sprang er auf. Weg! Der Wagen war weg! Suchend sah er sich um. Der alte Magier war aber noch da. Er lag friedlich am Boden, unweit von ihm entfernt und schnarchte etwas. Hatte sich der Alte zum Schlafen nicht auf die Ladefläche gelegt? Er hielt erneut Ausschau, diesmal nach Neri, und fand sie schließlich, überm Kopf an den Händen gefesselt am knorrigen Baum hängen, an dem er sie am Abend zurück gelassen hatte. Continue reading »

Als er näher kam, stellte Dark fest, dass sie auf der Haut, die nur von einem dünnen, knappen Stoff bedeckt wurde- was ihn auch erst stutzen lies- überall blaue Flecken aufwies.
„Hey, alles okay?“, fragte er vorsichtig. Im selben Moment hätte er sich für diese unnütze Frage ohrfeigen können. Er sah doch genau was los war. Vielleicht aber wollte er auch einfach was gesagt haben, weil er die bedrückende Stille nicht aushielt.
Dark trat näher an Neri heran und stellte sich auf die Zehenspitzen, um das Seil zu lösen, welches das bewusstlose Mädchen am Baum hielt. Er legte sie am Boden ab und strich ihr dunkles Haar etwas zur Seite, dabei fühlte er etwas feuchtes. Als er seine Hand zurück zog, stellte er fest das es Blut war. Was war hier bloß passiert? Ein Überfall? Eine andere Erklärung fand Dark im Moment nicht.
Sein Gedankengang wurde von plötzlichem Gezeter und, für einen alten Mann ungewöhnlich, derben Flüchen unterbrochen. Dark wandte den Kopf und beobachtete den Magier, wie er immer wieder auf und ab lief, dann gelegentlich mal mit dem Fuß auf den Boden trat und dabei fast selbst hinflog, weil er über seine eigenen Beine stolperte. Letztendlich schaffte er es sogar und landete unsanft auf dem trockenen Boden.
Dark seufzte, nahm Neri auf die Arme und trug sie zu dem Alten, der nun verwundert aufsah.
„Ja, was ist denn hier los?“, fragte Batun, als Dark Neri neben ihm zu Boden legte.
„Keine Ahnung!“, gab er gereizt zurück „Aber du solltest dir mal ihren Kopf angucken, ich glaub die hat richtig was auf den Schädel gekriegt!“ Er schob ihr Haar zur Seite und zeigte Batun die offene Wunde, dann legte er seinen Mantel über sie, damit sie wenigstens etwas überhatte, außer dem dünnen Oberteil.
Der Magier verzog das Gesicht „Die Arme muss in letzter Zeit einiges Mitmachen.“ dann sah er Dark vorwurfsvoll an „Hast du sie gestern etwa allein gelassen?“
Der Schatten hob die Schultern und gab nur ein „Wir haben uns gestritten!“ von sich.
„Ja, aber du kannst sie doch nicht allein lassen! Kein Wunder das wir so einfach überfallen wurden!“ Aufgebracht funkelte er den Schatten an, doch Dark hielt sich nur gelassen die Ohren zu „Schrei doch nicht so, es ist immerhin noch Morgen!“
Batuns Augen zuckten, dieser Kerl machte ihn noch wahnsinnig „Wenn du so die Ruhe selbst bist, dann verrate mir doch mal wie wir jetzt weiter reisen sollen, wo der Wagen und damit auch unser ganzer Vorrat weg ist!“, rief er laut und deutete zur Verstärkung seiner Worte, auf die Stelle wo einst der Planwagen gestanden hatte, jetzt allerdings nur kahler Boden zu sehen war.
Auch wenn Dark wusste, dass der Alte recht hatte, wollte er es nicht zugeben, also sagte er nur „Hah, ist das jetzt etwa alles meine Schuld?! Ich glaub du spinnst!“
Batun sprang auf „Wie bitte?! Jetzt pass mal auf wie du mit mir redest, du Halbling!“
Mit dieser Bezeichnung brannte bei Dark die Sicherung durch. Wie konnte dieser alte Opa es wagen ihn so nennen?! Er wollte gerade aufspringen, als sich eine Hand um sein Handgelenk schloss. Dark sah verwundert nach unten und blickte in Neris grüne Augen, die schwach zu ihm hoch sahen.
Ohne sich nochmal zum Alten umzudrehen, ging er wieder in die Hocke „Wie geht’s dir?“, fragte er und ertappte sich gerade selbst dabei, wie er sich doch tatsächlich Sorgen machte. Lächerlich, er, ein Schatten, machte sich keine Sorgen, oder doch? Keine Ahnung, Dark kannte sich nicht mit Gefühlen aus, die hatte er schon lange gründlich verpackt und weggestellt.
Sie hustete „Mein Kopf tut weh.“
„Du hast auch ganz schön was abbekommen.“, er grinste etwas und half Neri sich aufzusetzen. Langsam sah sie sich um „Wo ist der Wagen hin?“
„Wissen wir nicht.“, meldete sich nun Batun zu Wort und setzte sich, aber nicht ohne Dark noch einen vernichtenden Blick zu zuwerfen, den dieser mit Freude erwiderte.
„Wir hatten eigentlich gehofft, dass du uns mehr sagen kannst.“, fuhr der Magier fort.
Neri überlegte eine Zeit, dann riss sie die Augen auf „Doch, ich erinnere mich!“, rief sie aus, dann wanderte ihr Blick zu Dark „Als du mich zurückgelassen hast, war ich richtig wütend auf dich!“
Gekonnt tat Dark so als wüsste er von nichts. Sie sollte ja schließlich nicht wissen, dass er sie danach noch beobachtet hatte.
Nachdenklich fuhr Neri fort „Weil ich so wütend war, habe ich sie nicht gesehen.“
„Wen?“, hakte Batun sofort nach.
„Ich weiß nicht genau, es war ja dunkel und sie trugen schwarze Klamotten, auch die Gesichter hatten sie sich angemalt, nur die Augen haben golden geleuchtet.“
Seufzend lehnte sich Batun zurück „Ich hätte es wissen müssen. Das waren Sandräuber.“
Dark runzelte die Stirn „Sandräuber? Ich dachte die leben in der Wüste.“
„Ja, aber wir sind ziemlich weit im Südwesten. Eigentlich hätte ich gedacht du als ein Anhänger des Schattenmeisters wüsstest, dass vor eurem Land eine große Wüste liegt.“
Neri öffnete den Mund, als wollte sie etwas sagen schloss ihn aber wieder. Sie hielt es für besser, dem Magier nicht zu sagen, dass Dark eine sehr lange Zeit in Gefangenschafft von König Moria war.
„Egal!“, gab Dark von sich „Was war dann?“
Neri schloss die Augen um sich besser erinnern zu können „Es ging alles so schnell.“, fuhr sie dann schließlich fort „Einer hat mich von hinten gepackt und der andere hat…, ich weiß nicht mehr genau, danach hab ich nichts mehr mitgekriegt.“ Sie hielt sich den Kopf und kniff die Augen zusammen.
Dark lachte abfällig „Danach haben sie dir wahrscheinlich eins über den Schädel gezogen!“ Ein mahnender Blick des Magiers brachte ihn dann aber zum Schweigen. Er hatte recht, jetzt war nicht die Zeit Neri aufzuziehen.
„Gut wir wissen was passiert ist, jedenfalls ungefähr. Tatsche ist ja, dass wir überfallen wurden.“, meinte Batun und erhob sich wieder „Die Frage ist nur, wie es jetzt weiter geht. Wenn wir nur in die nächste Stadt kommen könnten.“, murmelte er und rieb sich nachdenklich das Kinn.
Genervt stöhnte Dark auf „Hör auf so zu tun, als würdest du ernsthaft nach einer Lösung für das Problem suchen!“, schnauzte er den Alten an „Wir wissen doch alle, dass wir laufen müssen, wenn wir jetzt irgendwo hin wollen!“ Auffordernd hob er eine Augenbraue und stand demonstrativ auf.
Batun lies ergeben den Kopf hängen. Dark lag völlig richtig. Ohne zu laufen würden sie nicht weiter kommen. Und je länger sie hier rumsaßen, ging ihnen die Zeit davon. Sie mussten schnell eine Stadt erreichen, wenn sie nicht verhungern oder verdursten wollten.
„Gut, also los.“, sagte er und sah sich um. Die leeren Augen wanderten über die weite trockene Landschaft, nur gelegentlich stand mal ein Baum oder verdorrtes Gebüsch herum, sonst nur Staub und Stein.
„Ich glaube in dieser Richtung ist die nächste Stadt.“, meinte Batun dann und deutete in die angesagte Richtung.
„Ach, echt jetzt?“, fragte Dark unsicher und spähte zum Horizont, wo allerdings nichts zu sehen war.
„Vertrau mir doch mal, ich tu es ja auch.“
„Vertrauen, ja klar.“, wiederholte Dark höhnisch und verdrehte die Augen, bevor er an dem Alten vorbei stiefelte „Na los, worauf wartet ihr?! Ich für meinen Teil hab keine Lust hier in dieser Einöde zu krepieren!“
Batun wollte ihm nach, blieb jedoch stehen als er merkte das Neri ihm nicht folgte.
„Was ist los?“, fragte er und wollte ihr aufhelfen, doch als er sie auf die Beine stellte, schrie sie kurz auf und ging wieder zu Boden.
„Was braucht ihr denn so lange?!“, rief Dark ungeduldig und kam wieder zurück als keiner ihm antwortete.
Batun besah sich Neris Fuß und fand nach kurzer Zeit auch was er gesucht hatte.
„Diese Sandräuber schrecken aber auch vor nichts zurück.“, murmelte er.
„Was ist das?“, fragte Dark als er bei den beiden angekommen war und lugte neugierig über die Schulter des Alten, um den Gegenstand, den er in Neris Fuß gefunden hatte, zu betrachten.
Mit einem Ruck zog Batun den kleinen, dünnen Pfeil aus Neris Fußknöchel „Ein Blasrohrpfeil. Man kann ihn mit verschiedenen Giften tränken und so wie es aussieht, hat es Neris Beine gelähmt.“
Betroffene lag da und biss sich auf die Unterlippe. Sie spürte nichts in ihren Beinen, außer einem unangenehmen Kribbeln, das noch von einem stechenden Schmerz unterstrichen wurde.
Plötzlich kam Batun auf Dark zu und musterte ihn, dann schob er seine schwarz-blauen Haare zur Seite und besah sich dessen Nacken. Erst wollte der Schatten protestieren, doch bevor er etwas sagen konnte, rief der Magier „Sieh mal einer an.“ Er zog und entfernte den kleinen Pfeil.
„Hey!“, beschwerte sich Dark und rieb sich die Stelle, wo bis eben die Pfeilspitze in seiner Haut gesteckt hatte.
„Fühlst du dich irgendwie unwohl, oder befremdlich?“, fragte Batun neugierig und musterte Dark erneut, dieser bewegte etwas seine Arme und Beine, dann schüttelte er den Kopf „Nichts.“
„Interessant…, das Gift scheint auf dich keine Wirkung zu haben.“
„Ach, und was ist mit dir?“, er verschränkte die Arme vor seiner Brust und starrte den Alten auffordernd an. Batun lachte nur „Tja, mein lieber Schatten, du scheinst wohl nichts zu wissen. Ich bin ein Magier, mir können solche Gifte von Grund nichts anhaben, aber das schienen die Sandräuber auch nicht gewusst zu haben.“, mit diesen Worten entzog auch er sich kopfschüttelnd eine kleine Pfeilspitze aus dem Arm und warf sie achtlos zu Boden „Die wollten uns hier wirklich verrotten lassen.“
„Wie lange wirkt denn so ein Gift?“, fragte Neri betroffen und versuchte sich wenigstens mit den Händen etwas aufzusetzen.
„Naja, lang genug, dass man es nicht mehr in die nächste Stadt schaffen würde, da bin ich mir sicher. Aber keine Angst Kleine, Dark wird dich tragen.“, Batun lächelte und klopfte Dark auf die Schulter „Hab ich nicht recht?“
„Werd ich vielleicht auch mal gefragt?!“ Wäre Batun nicht schon weitergelaufen, hätte er diesem jetzt eine runtergehauen. Missmutig sah Dark zu Neri hinab, die hilflos am Boden kauerte und etwas zitterte, dann seufzte er „Wenns sein muss!“
Er zog ihr Batuns Mantel über, dann hob er sie auf seine Arme und eilte dem Alten hinterher, der mittlerweile vorgegangen war.

-xXx-

Plötzlich schreckte Yui aus ihrem Schlaf. Die Sonne schien bereits am Himmel.
„Ein Albtraum, …nur ein Albtraum.“, versuchte sie sich selbst zu beruhigen und hielt sich die schweißnasse Stirn.
Es waren die Seelen der toten Feen gewesen, die sie verfolgt hatten und im Chor riefen „Schuld! Tot! Du! Die Hölle wartet!“ Sie hatte rennen können so viel sie wollte, am Ende war sie einfach nur noch gefallen, um sich herum schwarze Finsternis und die Qualenschreie der Feen im Ohr.
Yuis Herz hämmerte noch immer kräftig gegen ihre Brust und konnte sich nur langsam wieder beruhigen. Ihr Blick ging nach links. Dort lag Taro und als sie ihn so sah, musste sich Yui ein Lachen verkneifen.
Alle Viere von sich gestreckt, lag er auf dem Bauch. Der Kopf lag mit der Stirn im Gras und Sabber tropfte aus seinem Mundwinkel. Die hellen Haare standen in alle Richtungen ab und waren übersäht von Grasbüscheln und Moosstückchen, vereinzelt auch von ein paar Blättern.
Sie schnippte ihn gegen den Kopf und Taro sprang alarmiert auf „Ich bin wach! Na los, zeigt euch!“
Yui konnte sich das Lachen nicht mehr verkneifen und prustete los. Jetzt schien auch Taro zu realisieren, dass sie nur Spaß mit ihm gemacht hatte. Verlegen setzte er sich wieder hin und fummelte das Gras aus seinem Haar „Ha ha, sehr witzig.“, murrte er und knuffte Yui in die Seite, die sich nicht wieder einkriegen konnte.
„Okay, tut mir leid, kommt nicht wieder vor.“, entschuldigte sie sich und erhob sich um sich zu strecken.
Plötzlich zuckte Taro zusammen und sprang auf, den Blick in die Ferne gerichtet.
„Was ist los?“ Yui legte den Kopf schief und runzelte die Stirn. Taros leerer Blick wirkte abwesend, doch er antwortete „Ich spüre ihn. Er ist hier… Ganz in der Nähe.“, murmelte er und drehte den Kopf in die Richtung aus der sie gekommen waren.
Yui verstand nicht „Wer ist hier?“
„Der Erbkristall.“
Jetzt fiel der Groschen. Instinktiv drückte Yui eine Hand an ihre Brust, wo ihr eigener Kristall hing. Konnte Taro als Träger seinen Teil des Kristalles aufspüren. So wie es aussah ja.
Verblüfft folgte Yui Taros Blick, konnte aber nichts ungewöhnliches ausmachen.
„Sollen wir nachsehen?“
Taro nickte nur und rannte auch schon los.
„Hey, warte doch mal!“, rief sie ihm nach, doch er hörte nicht. Yui stöhnte, dann rannte sie dem kleinen Feenjungen hinterher.
Er war schnell und hatte schon einen beachtlichen Vorsprung. Sie holte ihn erst ein, als er plötzlich stehen blieb und in eine andere Richtung spähte.
„Okay, hör zu.“, meinte Yui keuchend und holte tief Luft „Ich weiß das du da unbedingt hin willst, aber können wir nicht etwas langsamer machen?“
„Hey, hörst du mir überhaupt zu?!“, fragte sie dann noch, als Taro nicht antwortete und einfach weiterlief, diesmal allerdings nicht ganz so schnell. Genervtes Gezeter, dann eilte sie ihm nach.
Als sie aus dem kleinen Waldgebiet traten, war sie es, die stehen blieb. Fassungslos starrte Yui über das weite Feld. Täuschten sie ihre Augen da, oder war da hinten wirklich jemand. Konnte es sein, dass…? Ohne Vorwarnung rannte sie auch schon los, den Personen entgegen die sie zuvor am Horizont gesehen hatte. Taro schüttelte den Kopf und flog ihr hinterher. War sie es nicht gewesen die gesagt hatte, er solle sich nicht so hetzen?
‚Er’ war es, da war Yui sich sicher. Zwar kannte sie die Frau in seiner Begleitung nicht, aber ‚sein’ Gesicht kannte sie auf jeden Fall.
„Hey, hier bin ich!“, schrie sie und beschleunigte ihre Schritte noch, dabei stolperte sie und fiel mit dem Gesicht voran ins Gras.

Keiko hatte die sich rasch nähernde Gestallt schon von weitem gesehen, sie aber nur für ein weiteres Monster gehalten das es noch wagte sie anzugreifen.
Als die Gestallt aber anfing zu rufen, erkannte auch er sie. Es war Yui! Und nachdem sie hinfiel, eilte er sofort zu ihr.
Alia schmunzelte. Das war also Yui. Sie war genauso wie Keiko sie ihr beschrieben hatte. Rot-blondes Haar, eine aufgeweckte Natur und auch sie schien ihren Bruder sehr zu mögen.
„Yui, alles okay?!“, fragte Keiko aufgeregt und half seiner Zwillingschwester auf die Beine. Sie lachte, dann fing sie an zu weinen und warf sich in seine Arme. Wie sehr hatte sie ihn doch vermisst, hatte sich um ihn gesorgt. Auch Keiko war mehr als froh sie gefunden zu haben, wo er doch solche Angst gehabt hatte, sie zu verlieren.
Er schloss sie in seine Arme und lies sie auch nicht mehr los, bis sich plötzlich jemand hinter ihm räusperte. Keiko drehte seinen Kopf und sah zu Alia hoch, die etwas verlegen lächelte.
Yui starrte sie eine Zeit lang unverwandt an, dann fragte sie „Und wer bist du?“
Die Frau hielt ihr eine Hand hin „Ich heiße Alia.“, stellte sie sich vor „Dein Bruder hat viel von dir erzählt, Yui. Er hat dich wirklich vermisst und sich große Sorgen gemacht.“
Yuis Blick ging zu Keiko, der peinlich berührt da saß und verlegen lächelte.
„Dann kennst du mich ja schon.“, grinste Yui und schlug in Alis Hand ein, die verdutzt da stand und Yuis Anspielung erst nicht verstand.
Auf einmal drehte sich Yui um und sah zu Taro, der regungslos neben ihnen stand und die türkisenen Augen auf Alia gerichtet hatte „Du hast etwas das mir gehört.“, sagte er kühl und streckte zittrig eine Hand aus.
Erschrocken vom Ton des Kleinen wich Alia erst einige Schritte zurück. Auch Yui war verwundert über Taros Worte und der Weise mit der er sie rüberbrachte, dann aber sagte sie „Taro ist Träger eines Erbkristalls, habt ihr ihn etwa bei euch?“
Alia nickte und zog die Kette hervor, die sie dann in Taros ausgestreckte Hand legte.
Mit ernster Miene legte sich der Feenjunge die Kette um den Hals, dann grinste er und fing an zu lachen, wie ein kleines Kind. Er schlang die Arme um seinen Körper, als wollte er sich selbst umarmen und schloss die Augen, bevor er freudig auf und ab hüpfte.
Alle drei waren sie mehr als irritiert von der Reaktion des Kleinen und Yui war die erste, die wieder zu Worten fand „Taro? Alles klar bei dir?“
Der Kleine nickte wild und meinte „Ich hab mein Schatzi zurück!“
Alia fing an zu lachen. Auf die fragenden Blicke von Keiko und Yui antwortete sie „Ich find ihn süß.“
Keiko schmunzelte, dann erzählte er, wie er Alia kennengelernt hatte, vom Kampf auf dem Schiff und wie sie den Erbkristall von Jekatin erobert hatten. Die Sache mit seinem Arm lies er außen vor.
„Wirklich?! Du hast ihn besiegt?!“, fragte Taro ungläubig und schien wirklich interessiert. Keiko zwinkerte ihm zu „Später, ja?“
Der Kleine grinste breit und nickte.
Auch erzählte Keiko von Luce, aber dass dieser sich von ihnen getrennt hatte, um sich auf die Suche von Neri zu machen.
„Sie ist also noch am Leben?!“, hakte Yui nach und packte ihren Bruder am Arm. Er entzog sich ihrem Griff und zuckte mit den Schultern „Ich weiß nicht, aber Luce hat gesagt er schaut nach.“
Yui nickte. Besser als nichts. Sie hatte sich schon darauf eingestellt zu erfahren, dass ihre liebe Schwester tot sei. Noch bestand also Hoffnung.
Nun erzählte auch sie, wie sie Taro kennengelernt hatte. Als sie von der Schlacht in Ligon berichtete, tauschten Alia und Keiko bedrückte Blicke.
„Schon gut.“, sagte Taro und blickte in die verwunderte Runde „Ich weiß bereits, dass sie tot sind und ich hab mich damit abgefunden.“ Eine traurige Miene breitete sich auf seinem Gesicht aus, worauf Alia ihn in den Arm nahm und hin und her wiegte. Taro schniefte noch etwas, dann hatte er sich auch schon beruhigt und lächelte wieder „Danke.“ Er beschloss, auch sie und Keiko als Freund zu sehen. Yui hatte Recht gehabt, es tat wirklich gut jemanden zu vertrauen.

-xXx-

Sie waren nun lange genug gelaufen, zumindest für Darks Geschmack. Wie lange? Zwei Tage mit Sicherheit. Er hatte keine Lust mehr, auf diese endlose Einöde und hätte er Neri nicht tagen müssen, wäre er jetzt wahrscheinlich schon auf und davon, oder auch nicht, schließlich kannte er sich hier nicht aus.
Die Gegend hatte sich stark verändert, in der Zeit die er in Gefangenschaft verbracht hatte. Alleine für diese Frechheit verfluchte er seine Leute und seinen Meister. Sie hatten ihn einfach ausgeliefert, als Köder benutzt, hatten gesagt sie würden ihn wieder holen. Pah, von wegen! Zurückgelassen hatten sie ihn! Wenn er daran zurückdachte, verspürte er wieder Mordgedanken.
„Dark? Alles okay?“
Neris Stimme holte ihn in die Realität zurück und ihre fragenden Augen suchten in seinen nach einer Antwort, die sie von ihm nicht bekam.
Er schnaubte genervt und meinte kühl „Was interessierts dich?“
Beleidigt schwieg Neri. Sie wollte ihm doch nur helfen, aber bei Darks Sturkopf schien das schier unmöglich. Solange er sich nicht von sich aus öffnen würde, würde sie auch nichts tun können. Sie seufzte und blickte wieder nach vorne, kniff die Augen zusammen und rief dann aufgeregt „Da vorne ist was!“
Jetzt spitzte Dark die Ohren und spähte in die Richtung, in die Neri deutete.
Batun tat es ihm gleich „Das ist zwar keine Stadt, aber eine kleine Gaststätte.“, stellte er fest und Dark fing an zu lachen „Ist doch egal, Hauptsache was zu trinken und zu essen!“
Und er war nicht der einzige der Durst und Hunger hatte. Batun und Neri ging es genauso.
Die beiden Männer beschleunigten ihre Schritte und Neri musste sich an Dark festklammern, weil sie Angst hatte sonst runterzufallen.
Zwar hatte das Gift deutlich nachgelassen und sie konnte wieder einigermaßen laufen, doch das war Dark zu langsam. Er wollte möglichst schnell von hier weg und mit Neris lahmen Schritten war da nichts zu machen.
Kaum hatten sie die Gaststätte erreicht, lies Dark Neri runter.
„Ich werde draußen warten.“, erklärte Batun und fuhr sich über den kahlen Schädel.
Auf Neris fragenden Blick meinte er „Ich sollte mich als Magier nicht so oft in der Öffentlichkeit, beziehungsweiße in Menschenmassen, zeigen. Wer weiß wer da alles drin sitzt.“ Er sah auf die dunkle Tür und runzelte die Stirn.
Neri verstand. Noch immer galten die Magier als so gut wie ausgestorben. Batuns Auftreten würde nur Unruhe stiften, zumal sie ja seinen Mantel trug, der eigentlich sein Äußeres versteckten sollte.
Dark verdrehte ungeduldig die Augen „Auch gut! Dann gehen wir und bringen dir was mit!“, damit stapfte er los und trat mit Neri in die Gaststätte ein.
Sie fühlte sich sofort unwohl, als sie von der gedrückten Stimmung empfangen wurde. Die Beleuchtung war matt und wurde noch in ihrer Erdrückung verstärkt, da es anscheinend keine Fenster gab. Vereinzelt standen dunkle Tische im Schankraum an denen einige zwielichtige Gestallten saßen und die Neuankömmlinge neugierig musterten. Der Wirt stand hinter einer Theke und trocknete ein Glas mit einem schmutzigen Lappen ab. Auch er spähte zu den zwei jungen Leuten und grinste finster. Unbeeindruckt schritt Dark auf ihn zu.
Gemurmel war zu vernehmen, als sie eintraten. Neri sah sich um. Dies war definitiv kein Ort an dem sie sich lange aufhalten wollte. Auch der Appetit war ihr vergangen, als sie den Blick auf einige Teller erhaschte, auf denen teilweise noch rohes Fleisch, oder matschiges Gemüse lag und mit den dreckigen Tellern keinesfalls einen gesunden Eindruck machte. Was war das bloß für eine Gaststätte? Wahrscheinlich ein Ort wo sich alle Gauner und Verbrecher des Landes treffen konnten um sich auszutauschen, denn so sah es aus.
Während Neri an ihnen vorbeiging, um Dark zu folgen, pfiffen einige durch die Zähne und lachten, oder grinsten dreckig. Sie trug ja nur das dünne Oberteil und Batuns Mantel darüber. Füße und Beine waren nackt.
„Hey Süße!“, rief einer „Was macht eine junge Frau an einem Ort wie diesem?! Dazu noch in so einem Aufzug!?“
Ängstlich wich Neri zurück und stieß mit dem Rücken gegen breite Schultern. Als sie sich umdrehte um sich zu entschuldigen stieß sie einen Schrei aus. Der Mann trug schwarze Kleidung und hielt den Mund mit einem dunklen Tuch verdeckt, allerdings konnte Neri erkennen das er grinste. Goldene Augen funkelten gierig. Kein Zweifel, dies war einer der Männer, die sie letztens überfallen hatten. Einer der Sandräuber!
Durch Neris Schrei alarmiert, stoppte Dark die Auseinandersetzung mit dem Wirt und drehte sich um.
Ein zweiter Mann hatte sie an den Schultern gepackt und wollte ihr gerade den Mantel vom Körper reißen.
„Aufhören!“, schrie Neri und umklammerte die Ärmel des Umhangs um ihn festzuhalten. Hätte sie eine freie Hand, würde sie zum Dolch greifen, doch wenn sie jetzt loslassen würde, bestand die Gefahr, dass die Männer sie schneller packten, bevor sie sich wehren konnte. Im Moment war sie nicht in der Lage richtig zu kämpfen.
„Na na, da wird ja eine unartig!“, lachte ein anderer und zog ein Messer, welches er Neri an die Kehle hielt „Komm sei ein braves Mädchen und hör auf das was man dir sagt!“
Plötzlich schrie der Mann auf und Neri öffnete die Augen, die sie zuvor aus Angst zugekniffen hatte. Klirrend fiel das Messer zu Boden.
Dark hatte das Handgelenk des Mannes gepackt und funkelte ihn kühl an „Lass sie sofort los!“, knurrte der Schatten und hob abwartend eine Augenbraue.
Der Mann lachte nur „Wer bist du, dass du so eine große Klappe uns gegenüber hast! Hat Mami dir nicht beigebracht, dass man sich nicht mit Stärkeren anlegen sollte!“
Unbeeindruckt drückte Dark zu, bis ein knackendes Geräusch, gefolgt von einem lauten Schrei, den Schankraum erfüllte.
„Du… du Dreckskerl, du hast mir die Hand gebrochen!“, schrie der Mann vor Schmerz und wich zurück.
Ein düsteres Grinsen kehrte auf Darks Gesicht ein und er lachte „Also mal ehrlich, wie alt seid ihr, dass ihr mit kleinen Mädchen spielt?!“
Raunen war zu vernehmen. Alle Anwesenden starrten den vorlauten Jungen mit dem schwarz-blauen Haar und den leuchtend roten Augen an.
„Sucht euch für eure Spiele jemanden der euch gewachsen ist!“, damit zog er Neri an sich und machte den Männern damit klar, dass sie sie nicht länger belästigen sollten.
Der Sandräuber spuckte aus und packte Dark am Kragen „Wer zum Teufel bist du, halbe Portion!“
Amüsiert kicherte der Schatten „Ich bin Dark!“, sagte er verschwörerisch mit gesenkter Stimme „Merk dir meinen Namen lieber und wenn du ihn hörst, dann renn um dein Leben!“
„Spinner!“, rief der Sandräuber und warf Dark durch den Raum. Geschickt drehte er sich in der Luft und landete sicher mit beiden Füßen auf einem der Tische, dann runzelte er die Stirn „Okay, ich hab meine Meinung geändert! Ich bin kein angemessener Gegner für euch, ihr hättet keine Chance!“, er winkte ab und wollte schon auf den Ausgang zu gehen „Komm Neri, wir gehen!“
„Einen Moment!“, zischte der Sandräuber „Du wirst kämpfen, wenn du nicht willst das deiner kleinen Freundin was passiert!“, mit diesen Worten zog er Neri grob zu sich und packte sie am Haar. Zischend sog sie die Luft durch die Zähne, vermied es aber erneut zu schreien.
„Sie ist nicht meine Freundin!“, erwiderte Dark, blieb allerdings tatsächlich stehen.
„Na wenn das so ist.“, meinte der Mann und legte die scharfe Messerklinge an Neris Wange.
Als er jedoch ansetzen wollte, um ihr einen schönen Schnitt beizubringen, schrie er plötzlich auf und lies die Klinge fallen. Röchelnd fasste er sich an den Hals und lies auch von Neri ab. Sofort zog sie ihren Dolch und hielt ihn schützend vors Gesicht. Einige Männer lachten, andere tuschelten und runzelten verstört die Stirn. Sie verstanden nicht in welcher Gefahr sie alle schwebten, denn Dark war ziemlich gereizt, jedoch noch nicht wütend. Beides zusammen wäre keine gute Mischung. Jedenfalls nicht, wenn man unbeschadet aus der Auseinandersetzung raus wollte.
Einige sahen verwundert zu dem unheimlichen Jungen. Er hatte eine Hand erhoben und zur Faust geballt, als er sie wieder öffnete, sackte der Sandräuber krachend zu Boden.
Dark schritt auf ihn zu und ging vor ihm in die Hocke „Hast du jetzt genug?!“, fragte er mit tiefer Stimme „Glaub mir, du willst mich nicht wütend sehen?! Das könnte böse ins Auge gehen! Im Moment bin ich nur gereizt!“, zischte er jetzt und erhob sich wieder, dann drehte er sich zum gehen um „Ach ja, wie war das noch gleich mit dem, man sollte sich nicht mit Stärkeren anlegen?! Also lass mich in Ruhe!“
„Du elender Dreckskerl!“, schrie der Sandräuber und stürmte auf Dark los. In einem Tempo, dem das menschliche Auge nicht folgen konnte, wirbelte der Schatten herum und hielt dem Angreifer sein Schwert unter die Nase „Du hast mir wohl nicht zugehört!“, zischte er.
„Ich mach dich fertig!“
„Sicher tust du das, nur leider hab ich keine Lust!.“ Dark stieß den Sandräuber zurück und trat einen Schritt näher an seinen Gegner heran, musterte seine Augen. Hatte Neri nicht von goldenen Augen erzählt? Ein böses Grinsen breitete sich auf seinen Lippen aus „Sag mal, erkennst du mich eigentlich?!“
Verunsichert blinzelte der Sandräuber, dann meinte er „Jah, aber eigentlich solltest du dich gar nicht bewegen können, beziehungsweise, hättest du schon längst verhungert sein müssen.“ Irritiert schielte er zu Neri rüber, die noch immer in Abwehrhaltung mit dem Dolch die fremden Männer von sich hielt. Auch sie beobachtete Dark aus dem Augenwinkel. Er schien den Sandräuber erkannt zu haben.
„Weißt du auch warum dein lächerliches Gift bei mir nicht gewirkt hat?! Warum wir jetzt hier sind?!“
Als der Mann schwieg fuhr Dark fort „Ich hab die Kleine getragen, weil ihr Schwachmaten uns den Wagen gestohlen habt! Den Proviant und das Trinken!“
„J-ja, aber warum bist du noch so fit?“, stotterte der Sandräuber nun. Langsam wurde ihm unwohl und ein Verdacht kam in ihm auf, der sich auch sogleich bestätigte.
Darks Grinsen wurde breiter und nahm einen irren Ausdruck an „Weil dein Gift einem Schatten nichts anhaben kann!“, erklärte er amüsiert.
Raunen gefolgt von Getuschel und unsicheren, teilweise ängstlichen, Gesichter erfüllte den matt beleuchteten Raum.
„Ein Schatten?!“, murmelte der Sandräuber schließlich und schluckte hart.
Dark lachte auf „Ich habe dich gewarnt!“, trällerte er und riss die leuchtend roten Augen auf. Jetzt schien auch der Sandräuber zu verstehen wie schlecht seine Situation war. Er taumelte rückwärts und stolperte über einen umgefallenen Stuhl. Krachend fiel er zu Boden.
Unheilvoll schritt Dark auf ihn zu. Kühl und herablassend sah er auf den Gefallenen herab, das Schwert in der Hand.
„Nein, warte!“, rief der Sandräuber „Ich geb dir die Sachen zurück.
„Hah, die krieg ich so oder so.“, meinte Dark und lächelte gespielt mitleidig.
Der Sandräuber hob eine Hand „Bitte, warte doch! Ich komm für den Schaden auf, du bekommst noch Geld von mir!“, versuchte er zu verhandeln, doch Dark blieb kalt, und sah abwartend zu seinem Ofer runter „Bist du fertig?!“
Hilfesuchend sah er sich um „Kommt schon Leute!“, rief er panisch „Wir haben doch sonst auch immer zusammen gehalten! Helft mir doch!“
Keiner im Raum rührte sich.
Dark verzog keine Miene „So wies aussieht, sind deine sogenannten ‚Freunde’ entweder klug sich nicht mit mir anzulegen, oder ihnen ist dein Leben völlig egal. Ich persönlich tippte ja auf Letzteres!“, damit erhob er sein Schwert.
„Halt!“, rief nun Neri dazwischen und stellte sich neben den Sandräuber „Wieso musst du ihn denn umbringen? Er hat gesagt es tut ihm Leid, er kommt für den Schaden auf! Also warum greifst du zur Waffe, Dark?!“
„Danke Kleine!“, lächelte der Sandräuber und wollte ihre Hand nehmen, doch sie zog sie sofort zurück.
„Das hatte ich ganz vergessen!“, fing Dark wieder an „Du hast meine Begleiterin belästigt, hast sie geschlagen und jetzt erwartest du von ihr, dass sie dich in Schutz nimmt?!“, rief er aufgebracht. Neri schwieg. Hilfesuchend sah der Sandräuber zu ihr hoch „Hey, Süße, dass war doch nicht so gemeint! War alles nur Spaß!“
„Nur Spaß!?“, schrie Dark „Allein für diese Aussage könnte ich dich in Stücke reißen!“, zischte er und hob die dunkle Klinge erneut „Neri geh beiseite! Dieser Dreckskerl hat nicht mal ein Leben als Putzlappen verdient!“
Tatsächlich trat Neri zur Seite. Den Kopf lies sie hängen. Sie hatte solche Angst gehabt und noch immer zitterte sie. Dark würde sie beschützen, da war sie sich jetzt sicher. Er sorgte sich wirklich um sie. Sie konnte ihn jetzt nicht aufhalten, nicht wenn er so aufgebracht war.
Panisch schrie der Sandräuber, doch Dark blieb kalt. Er riss die Klinge senkrecht herunter und Neri wandte ihr Gesicht ab, als das dunkle Metall sich in den verdorbenen Körper des Sandräubers bohrte.
Stille kehrte ein. Das Geschrei war verstummt, doch der Mund noch geöffnet. Panische Augen starrten ins Leere, bis sie ihren Glanz verloren. Dark zog die Klinge aus dem Leichnam und wischte sie an dessen Kleidung sauber, dann sah er in die Runde. Keiner wagte etwas zu sagen, keiner wagte es sich zu rühren.
Ohne ein weiteres Wort zu verlieren, nahm Dark Neri am Arm und zog sie mit sich nach draußen.
„Was war da drinnen denn los?“, fragte Batun, als er die zwei aus der Gaststätte treten sah „Ich hab nur Geschrei gehört und noch gehofft, dass es euch gut geht.“
Neri schwieg und lief mit langsamen Schritten an ihm vorbei. Ihre Beine zitterten und schließlich sank sie kraftlos auf die Knie und vergrub ihr Gesicht in den Händen.
Sie hatte so sehr gehofft Dark würde dem Sandräuber vergeben, aber anscheinend kannte sie ihn doch nicht so gut, wie sie gedacht hatte. Dark gehörte nicht zu der Sorte die verzieh, er war ein Rächer. Bei Yui war es ähnlich. Auch sie würde keinem Monster vergeben, denn durch diese hatte sie ihren Geliebten verloren. Zwar hatte sie den Verantwortlichen sofort getötet, doch ihre Wut und Verzweiflung über den Verlust hatten ihre Narben hinterlassen. Yui sah in jedem Monster den Mörder ihres Geliebten und sie machte alle dafür verantwortlich. Aber würde Yui auch einen Menschen töten? Nein, dazu wäre sie nicht in der Lage. Hinter jedem Menschen sah Yui eine Person die diesen liebte und niemals könnte sie dieser Person den Liebsten wegnehmen.
Was würde sie von Dark denken? Er war weder Mensch noch Monster. Er war ein Schatten. Wahrscheinlich würde Yui ihn zu den Wesen der Finsternis zählen, aber er war auch in Teilen ein Mensch, jedenfalls handelte er in gewisser Weise genauso, auch wenn er dass nicht hören wollte. Sie hatte Angst, Angst vor dem Moment, dass sich die zwei Gegenüber standen. Beide waren ihr wichtig. Sie wollte weder Yui noch Dark verlieren. Sollte sie ihm sagen, dass er gehen sollte? Es wäre die beste Lösung. Yui würde Dark nicht treffen und er wäre vor ihr in Sicherheit, beziehungsweise sie vor ihm. Wenn sie ihn herausfordern würde, würde er sie dann auch umbringen?
Eine Hand legte sich auf ihre Schulter. Als sie den Kopf drehte, blickte sie in die leeren Augen des Magiers.
„Wenn du ein Problem hast, dann kannst du ruhig darüber sprechen.“, sagte er sanft. Neri nickte, dann schüttelte sie den Kopf „Es ist nichts.“
„So sieht es aber nicht aus.“
„Wirklich.“
Ergeben seufzte Batun und half ihr wieder auf die Beine. Gemeinsam gingen sie zu Dark zurück, der gelangweilt an der Wand der Gaststätte lehnte.
„Können wir weiter?!“, fragte er als wäre nichts passiert und Batun riss die Augen auf „Da fällt mir ein, als ihr da drinnen wart, hab ich mich mal umgeschaut. Stellt euch vor ich hab den Wagen wiedergefunden!“
Dark lachte „Kann ich gut verstehen! Der Dieb hat gerade den Löffel abgegeben.“ Sein böses Grinsen kehrte wieder.
Neri zitterte erneut und Batun warf Dark einen mahnenden Blick zu. Er hatte absolut kein Feingefühl.
„Gut, können wir dann von hier verschwinden?“, fragte Neri und schielte zur Gaststätte. Sie wollte weg von hier, denn sie fühlte sich mehr als nur unwohl.
Batun nickte und winkte die zwei mit sich. Hinter der Gaststätte befanden sich Ställe für Pferde und dort stand auch der Planwagen. Seine Ladefläche war gefüllt mit verschiedenster Beute. Schätze, Essen, Wasser, Wein und jeder Menge Felle und Stoffe.
„Ein ordentlicher Dieb!“, meinte Dark gehässig und machte es sich auf einem weichen Bärenfell gemütlich „Ich sehe den Plunder hier als Entschädigung!“
Batun hob die Augenbrauen und half Neri auf die Ladefläche zu klettern, dann setzte er sich auf den Sitz vorne und trieb das Pferd an.

-xXx-

Als Luce bereits mehrere Meilen gelaufen war, kam er schließlich an einer kleinen Gaststätte an. Hier spürte er die Aura des Schattens besonders strak.
„Er war hier.“, sagte er zu sich selbst und betrat den kleinen Schankraum. Die Männer, die an den Tischen saßen, zuckten zusammen als er die Tür öffnete, doch als sie sahen, dass es nur ein Fremder war, beruhigten sie sich wieder. Dennoch etwas nervös schielten sie zu dem Jungen, der alleine den Raum betrat. Er sah nicht anders aus als sie selbst. Kupferfarbenes Haar stand im wild vom Kopf ab, ein Auge verdeckt von einer schwarzen Augenklappe. Ein Pirat? Nein, seine Kleidung passte nicht zu einem Seefahrer. Er trug zwar Stiefel und eine weite Hose, aber dazu einen langen Mantel mit Kapuze.
Luce spürte die Blicke der Männer auf sich ruhen. Sie hatten Angst, waren Eingeschüchtert.
Als er an die Theke trat, wurde er auch sogleich von dem Wirt gemustert „Gehörst du zu dem Verrückten?“, fragte er schließlich und hob eine Augenbraue „Willst du auch noch jemanden umbringen?“
„Nein, ich wollte nur etwas fragen.“, erwiderte Luce und studierte den Blick des Wirts. Auch er wirkte verängstigt, obwohl er dies gut versteckte.
„Was willst du wissen Kleiner?“
„Ich bin auf der Suche nach jemanden, der vor kurzem noch hier war.“
Raunen ging durch den Raum und der Wirt lehnte sich über den Tresen „Hör mal Kleiner. Was auch immer du von dem Kerl willst, provozier ihn nicht.“, er deutete mit dem Kopf in die hintere Ecke des Raumes. Luce folgte seinem Blick und erstarrte, als er die Leiche sah. Schnell wandte er den Blick ab „Wie…?“, wollte er fragen, doch ihm versagte die Stimme und er musste schlucken.
„Der Kerl hat ihn einfach abgestochen. Kein großartiger Kampf, der Typ da hatte keine Chance sich zu wehren.“
„Ja, aber warum?“, wollte Luce jetzt doch wissen.
„Da war dieses Mädchen.“, erzählte der Wirt „Der Typ hat sie belästigt und da wurde der Kerl halt wütend und als er ihn weiter provoziert hat, da hat er ihn einfach abgestochen.“
Luce Augen weiteten sich „Ein Mädchen? Wie sah sie aus?“ Konnte das Keikos Schwester gewesen sein?
Der Wirt überlegte, dann erinnerte er sich „Also dunkles Haar und grüne Augen, vielleicht so groß.“, er hielt die Hand auf besagter Höhe.
Treffer, das musste Neri gewesen sein! Eines verwirrte Luce jedoch. Wieso war sie nicht schon tot und wieso blieb sie in Begleitung dieses Schatten?
„Danke für die Auskunft.“, sagte Luce und wollte sich schon zum gehen wenden, als der Wirt ihn zurück pfiff „Warte mal Kleiner. Geht mich ja eigentlich nichts an, aber pass bloß auf. Der Kerl ist ein Schatten.“, flüsterte er und nickte vielsagend.
Luce lachte „Ja, ich weiß.“
Verwundert blinzelte der Wirt. Luce verabschiedete sich und verließ den Schankraum, aber nicht ohne noch einen Blick auf die Leiche zu werfen. Ein totes, panisches, hilfesuchendes Gesicht blickte ihn mit leeren Augen flehend an. Luce wollte sich nicht vorstellen was hier passiert war.
Als er draußen war, lief er einmal um die Gaststätte herum.
„Hier war er auch und dann…“, er schloss die Augen und drehte den Kopf in eine andere Richtung. Da lang also, aber sie hatten schon einen gewaltigen Vorsprung.
Sein Blick wanderte zu den Ställen. Es war ein Notfall und er musste sich beeilen, außerdem waren das da drin alles Gauner. War also nur ein halbes Verbrechen diese zu bestehlen.
Er trat näher an ein kräftig aussehendes Pferd heran, dann grinste er.
Die waren wirklich vorsichtig. Hatten sogar ihre Pferde mit Ketten angebunden, dass sie auch ja keiner stiehlt. Zu dumm nur, dass er ein Magier war Gut er war noch Lehrling, aber seine Künste reichten locker aus um die Ketten zu sprengen. Er schwang sich in den Sattel und folgte der Richtung aus der er die Aura des Schattens spürte.

7.Kapitel

Kapitel 7

Noch immer hatte Taro kein Wort gesprochen. Es war bereits ein Tag vergangen, dass sie Ligon hinter sich gelassen hatten. Langsam begann Yui zu verzweifeln. Was sollte sie machen um den Kleinen wieder aufzumuntern?
„Hey, Taro?!“, rief sie über die Schulter nach hinten. Er antwortete nicht.
„Wie wärs, hast du Hunger?“ Wieder keine Antwort. Yui blieb stehen und drehte sich um.
Träge stapfte der kleine Feenjunge den schmalen Pfad entlang. Den Kopf hielt er gesenkt.
Als er an ihr vorbei laufen wollte, hielt Yui ihn an der Schulter fest „Jetzt hör mir mal zu.“, sagte sie sanft und ging vor Taro in die Hocke, damit sie diesem in die traurigen türkiesnen Augen schauen konnte. Er wandte den Blick ab und kniete sich auf den staubigen Boden.
„Glaub mir, dass es auch für mich nicht leicht war, ja? Aber du kannst nichts daran ändern.“
Schweigen.
„Nur wenn wir jetzt weiter gehen und Hilfe finden, können wir deinem Volk helfen.“
Nun hob Taro den Kopf, der Ausdruck in seinen Augen war ernst „Sie sind tot.“, sagte er knapp und starrte Yui weiter an.
„Woher willst du dass wissen?!“ Yui war wütend. Sie wusste zwar das es so war und sie wusste auch, dass Taro es wusste, aber irgendwas musste sie einfach sagen „Wenn du jetzt schlapp machst und aufgibst war alles umsonst! Willst du das?“
Wütend biss sich Taro auf die Unterlippe und drehte den Kopf zur Seite. Yui sah genau, dass er lit, aber sie konnte jetzt nicht locker lassen. Er musste einfach verstehen, dass es so war wie es ist.
„Ich weiß genau wie es sich anfühlt eine geliebte Person zu verlieren, auch wenn es nicht ganz dasselbe ist wie bei dir! Aber ich hab trotzdem nicht aufgegeben, denn ich hatte Freunde auf die ich mich Verlassen kann und die zu mir stehen, die mich trösten und mir aufhelfen wenn ich gefallen bin!“
„Freunde.“, murmelte Taro spöttisch und seine Augen flakerten. Er hatte alle verloren. Freunde, er hatte keine Freunde mehr. Wie als hätte Yui seine Gedanken gelesen, hielt sie ihm plötzlich die Hand hin „Lass mich dir helfen, dich trösten. Ich kann dein Freund sein, wenn du willst, und ich kenn noch andere die das sicher auch gerne sein würden.“
Der Feenjunge sah auf. Vertrauen tat weh, weil man am Ende nur Enttäuscht wurde. Zu oft hatte er dies am eigenen Leib erfahren müssen, aber Yui hatte etwas was sie alle nicht hatten. Sie hatte Träume, eine Vorstellung für die Zunkunft und sie hatte Zuversicht. Dieses Mädchen lebte nicht wie er in der Vergangenheit, sie lebte nur für den Moment und für die Zukunft. Konnte er ihr wirklich vertrauen? Continue reading »

Sie lächelte ihn ermutigend an „Komm, lass uns weitergehen, ja? Ich werd dich nicht enttäuschen. Das versprech ich dir.“
Noch immer unsicher kaute Taro auf seiner Unterlippe. Er wollte ihr vertrauen, wollte sie als Freund sehen. Dann nickte er „Aber wehe du brichst dein Versprechen, dann bring ich dich um.“, sagte er kühl und streckte seine Hand aus. Yui lachte und zog ihn hoch „Abgemacht!“ Auch Taro fing nun an leicht zu lächeln, bis auch er kurz kicherte. Es fühlte sich gut an, zu lange schon hatte er nicht gelacht, fast hätte er vergessen wie schön es doch war.
„Okay, aber jetzt hab ich wirklich Hunger.“, beschwerte sich Yui und hielt sich den Bauch „Du weißt nicht zufällig wo hier die nächste Stadt ist?“
Der Feenjunge schüttelte den Kopf „Nicht direkt, aber ich kenn in der Nähe schöne Bäume mit leckeren Früchten.“
Plötzlich sprang er auf und flatterte vor Yui in der Luft. Sie folgte ihm.
Die Gegend hier war wunderschön. Sie lief auf einem schmalen Pfad einen kleinen Hügel hinauf. Links von ihr erhob sich eine bewachsene Felswand aus deren Fugen geschwungene Bäumchen und helle Wurzeln ragten. Rechts des Pfades wuchsen viele bunte Blumen und hellblättrige Sträucher. Dahinter ging es nicht allzu steil den Hügel hinab und am Boden weiter unten floss ein ruhiger schmaler Bach, welcher sich öfters abzweigte um in kleine Teiche zu münden, die hinter hohem Grass versteckt lagen.
Taro war schnell und Yui musste schon halber rennen um mit ihm mithalten zu können. Der Hügel ging weiter bergauf und als sie endlich oben angekommen waren, staunte sie nicht schlecht.
Inmitten von Blumen und Gras standen viele hohe Bäume mit gezweigten Astgabeln und einem leuchtend grünen Blätterdach. Sofort rannte Yui auf einen zu und versuchte sich an den wenigen Ästen, die der Baum bot, hochzuziehen. Dieser jedoch brach unter ihrem Gewicht ab und Yui landete wieder im weichen Moos. Taro lachte und flog hinauf, wo er sich lässig in die Astgabel setzte und zu ihr runtergrinste.
„Komm schon, sei nicht so und gib mir was runter!“, rief Yui vom Boden aus, wo sie einfach sitzen geblieben war. Lachend verschwand der Feenjunge im Grün der Blätter und kurze Zeit später regnete es große rote Früchte.
„Aua!“, mekerte Yui, als ihr einige auf den Kopf fielen. Wieder helles Gelächter, dann kam Taro auch wieder zu ihr und setzte sich neben sie.
„Danke, aber musst du gleich so eine Menge runterholen?“, fragte sie und nahm eine der Früchte in die Hand „Was ist das eigentlich für eine Frucht?“ Die Schale glänzte dunkelrot, und von der Form her, erinnerte die Frucht an eine kleine Melone. Neugierig biss Yui hinein sodass der rote Saft sprizte.
„Hm, lecker.“, stellte sie fest.
Taro lächelte „Das sind Palfonen, eine spezielle Züchtung von uns Feen. Sollen angeblich sehr gesund sein und Müdigkeit vertreiben.“, erklärte er und nahm sich ebenfalls eine der roten Früchte.
In kürzester Zeit lagen beide vollgegessen auf weichem Moos und hielten sich die prallen Bäuche.
„Ich glaub, ich hab noch nie so viel gegessen.“, meinte Yui schließlich und blinzelte in die rote Abendsonne. Taro kicherte wieder „Dann wurde es aber mal Zeit.“
Glücklich schloss Yui die Augen. Sie hatte es fürs erste geschafft. Taro lachte wieder und hatte ihr, soweit sie das beurteilte, verziehen. Jetzt konnte sie nur hoffen, dass er irgendwann vollkommen über den Verlust seines Volkes hinwegkommen würde. Da Taro aber noch ein Kind war, musste sie ihn eben so gut es ging unterstützen.
Yui drehte sich zu ihm und schmunzelte etwas. Der kleine Feenjunge hatte die Augen geschlossen und atmete gleichmäßig ein und wieder aus. Ein Zeichen für sie, dass er schlief. Tja, er war wohl zu müde, als das die rote Frucht eine Wirkung auf ihn hatte.
Lange waren sie gelaufen, kein Wunder wenn er jetzt fertig war. Zufrieden legte sich Yui zurück und beobachtete die Sonne, wie sie langsam hinter dem Horizont verschwand und den Himmel in warmen Farben strahlen lies. Träge schloss auch sie die Augen und es dauerte nicht lang, da hatte auch sie die Müdigkeit eingeholt. In ihren Ohren jedoch, hallten noch immer die schrillen Schreie der Feen.

-xXx-

Es war bereits dunkel geworden. Batun hatte ein Feuer entzündet und köchelte darüber, in einem kleinen Kessel eine warme Suppe. Neri lag noch immer auf der Ladefläche des Planwagens, zugedeckt mit einer dicken Wolldecke, die jedoch auf der freien Haut kratzte. Sie war Batun dankbar, dass er sie gepflegt hatte und sie soweit es ging versorgte. Zwar war Dark wenig begeistert davon, dass der Magier sie nun begleiten würde, doch er hatte aufgehört sich darüber zu beschweren. Jetzt saß er sogar bei ihm und legte Feuerholz nach.
Langsam setzte Neri sich auf, zuckte jedoch gleich wieder zusammen, als sie sich auf ihre Hände stützen wollte. Sie sah noch immer etwas mitgenommen aus, wenn auch nicht ganz so schlimm wie vorher, bevor Batun sie verarztet hatte. Ihre Arme hatten tiefe Krallenspuren aufgewiesen und ihre linke Schulter war komplett aufgerissen. Auch ihre Beine waren nicht verschohnt geblieben. Mitlerweile jedoch, und dank der guten Heilkünste des Magiers, konnte sie sich wieder bewegen.
Neri stand auf, schwankte allerdings noch etwas als sie versuchte vom Wagen zu klettern. Sie fiel, doch bevor sie wieder alleine aufstehen konnte, wurde sie schon grob hochgezogen.
„Du kannst auch nicht einfach warten bis du wieder komplett geheilt bist, oder?“, fragte Dark gereizt und hob die Augenbrauen.
„Musst du gerade sagen.“, erwiederte Neri bissig, lies sich aber von ihm stützen. Auch Dark war noch nicht so fit, wie er vorgab. Der Hitzeschlag machte ihm noch immer zu schaffen. Seine Atmung ging etwas unregelmäßig und der Glanz in seinen Augen war verschwunden.
Er schnaupte abfällig „Lass das mal meine Sorge sein, außerdem geht dich mein Zustand ja wohl überhaubt nichts an!“
„Wie bitte?!“, fragte Neri schnippisch und warf dem Schatten einen mürrischen Blick zu.
Am Feuer konnte Batun nur den Kopf schütteln. Jetzt ging das wieder los. Wärend der Zeit, und die war nicht besonders lang, in der sie nun zusammen reisten hatten es die zwei schon öffters geschafft sich gegenseitig in die Haare zu kriegen.
„Du hast ja wohl mich darauf angesprochen, dass ich lieber liegen bleiben sollte!“
„Und?! Davon mal abgesehen könntest du ruhig öffter das tun was ich dir sage?!“
Empört klappe Neri der Mund auf „Was?! Spinnst du?! Ich darf dir ja nicht mal einen gut gemeinten Ratschlag geben!“
„Natürlich nicht! Schließlich bin ich viel stärker und erfahrener als du!“, erklärte der Schatten und grinste triumphierend.
„Was hat das denn bitte damit zu tun, dass ich mir auch nur Sorgen um dich mache?!“, schrie Neri ihn an.
„Weil du dich nicht wehren könntest wenn ich dir was antun würde!“, erwiederte Dark kühl und stieß die aufgebrachte Neri zu Boden. Sie wollte wieder aufstehen, doch er hielt sie an den Handgelenken fest und fixierte sie am Boden. Auch als sie ihn treten wollte, kniete er sich geschickt auf ihre Beine und machte sie so komplett bewegungsunfhig.
„Siehst du?!“, fragte Dark und grinste vielsagend „Du bist mir körperlich einfach unterlegen!“
Neri wollte sich wehren, doch er hatte sie fest im Griff. Nichtmal bewegen konnte sie sich richtig. Ihre Schmerzen hatte sie längst vergessen. Im Moment war das einzige was sie verspürte pure Wut und Zorn.
Langsam beugte sich Dark zu ihr runter und legte seinen Kopf neben ihren, sodass er mit der Stirn knapp über dem trockenen Boden lag.
„Na, fürchtest du dich jetzt?“, flüsterte er. Neri schluckte. Nein, Dark würde ihr nichts tun.
Plötzlich hörte sie ein deutlich vernehmbares Räuspern. Auch Dark schien es gehört zu haben, denn er hob abrupt den Kopf und blickte verärgert in das strenge Gesicht des Magiers.
„Ich will ja nicht stören, aber ich würde jetzt gerne noch einmal die Kleine untersuchen.“, sagte er und hob abwartend eine Augenbraue.
Murrend erhob sich Dark und stapfte davon. Neri blieb liegen. Ihr Herz hämmerte noch immer heftig gegen ihren Brustkorb. Hatte sie vielleicht doch etwas Angst gehabt? Mit zusammengepressten Lippen sah sie dem Schatten hinterher, wie er sich neben die lodernten Flammen setzte und in den schwarzen Himmel blickte.
„Komm.“ Batun hielt ihr eine Hand hin und half Neri aufstehen, dann begleitete er sie zum Wagen, wo er sich mit ihr unter die Plane setzte.
„Na, dann lass mal sehen.“
Vorsichtig half er Neri sich ihr Oberteil auszuziehen und den darunter liegenden Verband freizugeben. Zwar frohr sie nun, versuchte dies allerdings zu verbergen.
Batun löste den Verband und besah sich die einst offene Wunde.
„Schön, alles wieder verheilt, jedenfalls so weit das es dir keine Probleme mehr machen wird. Trotzdem solltest du dich nicht sofort belasten, schohne dich noch ein bisschen. Arme und Beine sind soweit auch verheilt.“, stellte der Magier fest „Narben werden allerdings zurückbleiben, ich hoffe das ist dir klar.“
Neri nickte nur. Damit hatte sie schon gerechnet.
„Gut, ich trage noch mal die Salbe auf und danach sollte deine Schulter auch nicht mehr so schmerzen.“
„Danke, nochmal, für alles.“, bedankte sich Neri und lächelte etwas. Wie viel hatte Batun bereits für sie getan?
Sie zog sich an und wollte wieder rausgehen, jedoch hielt sie der Magier am Arm fest.
„Sag mal, es mag mich ja nichts angehen, aber was genau läuft da zwischen euch beiden? Ich meine du und Dark.“, fragte Batun direkt und sah sie fragend an.
Unsicher verzog Neri das Gesicht „Ich weiß es nicht. Aber im Moment bin ich einfach froh, dass er sich dazu entschieden hat mit uns zu kämpfen.“ Sie sah Batuns zweifelndes Gesicht und fuhr fort „Ja, ich weiß das ich ihm nicht trauen sollte, aber…“, Neri stoppte und sah nach draußen zu Dark der am Feuer saß und nun zu ihr blicke. Schnell wandte sie den Blick wieder ab „Ich will ihm einfach vertrauen und ich glaub auch das man das kann.“
„Er ist ein Schatten!“, mahnte Batun, doch Neri schüttelte nur den Kopf „Ja und? Heist das nur weil er ein Schatten ist, kann er nicht auch gut sein?“
Ergeben seufzte der Magier schließlich „Ich sehe, du lässt dich nicht so einfach umstimmen.“
Neri schwieg.
„Auch gut, ich hab dich gewarnt.“
„Danke, war allerdings nicht Nötig.“
Batun seufzte „Ich werde mich nun schlafen legen, sag deinem Begleiter doch bitte er soll für heute Nacht Wache halten. Man kann nie wissen was für zwielichtige Getsallten hier in der Gegend herumwanderen.“
Bevor Neri ging, nickte sie noch mal und verließ dann die Ladefläche. Hinter sich zog sie die Plane noch zu, dann ging sie langsam zu Dark rüber, der es sich mitlerweile an einem knorrigen Baum, unweit der Feuerstelle, gemütlich gemacht hatte.
Als Neri sich näherte öffnete er die Augen und musterte sie wärend sie sich neben ihn setzte.
„Was?“, fragte Neri, als sie seinen fragenden Blick bemerkte.
„Er traut mir nicht, wie?“, meinte Dark und blickte zum Planwagen rüber.
Neri seufzte „Nein, tut er nicht.“
„Und du?“ Er hatte sich zu ihr gedreht, die Miene ausdruckslos.
Eine Weile verharrten beide in Schweigen, bis sie schließlich lächelte „Schon, ich meine warum nicht?“
„Hast du schon vergessen was ich vorhin gemacht habe?“
Hastig schüttelte Neri den Kopf „Ich hab dir doch schon mal gesagt das ich dir vertraue und glaube das du eine gute Seite hast. Wie oft willst du es denn noch hören?“
„Hmm.“, machte Dark und schloss die Augen „Keine Ahung, bis ich selbst davon überzeugt bin? Liegt vielleicht daran, dass sowas bisher noch nie jemand zu mir gesagt hat.“
„Noch nie?“
„Ich wurde immer als der Böse beschimpft, schon als ich ein Kind war. Also hab ich die Rolle übernommen und das bis heute.“, er hielt inne und seufzte kurz „Ich will nicht darüber reden, ok?“
Etwas verwundert, aber dennoch verständnissvoll nickte Neri „Klar.“ Auch sie hatte eine schlimme Vergangenheit hinter sich über die sie nicht gerne sprach. Der Tod ihrer Eltern, die sie nie richtig kennengelernt hatte, saß noch immer tief in ihrer Brust.
Stumm saßen die beiden nebeneinander, bis sich Dark plötzlich erhob.
„Was macht du?“, fragte Neri und sah ihm nach, wie er ans Feuer schritt.
Ohne sich umzudrehen antwortete er „Holz nachlegen. Wir wollen doch nicht das das Feuer ausgeht.“
„Also ich hätte kein Problem damit.“, nuschelte sie und zog die Schultern hoch, als erneut hohe Flammen aufloderten.
Dark spitze die Ohren und wandte sich langsam zu ihr, ein fieses Grinsen im Gesicht „So?“ Schleichend kam er näher „Du scheinst wirklich Angst vor so einem Feuer zu haben.“, stellte er amüstiert fest, das Grinsen blieb.
Nervös kaute Neri auf ihrer Unterlippe „Ja und?“
Dark schnaupte abfällig und knurrte ein leises „Lächerlich!“ ehe er zu ihr schielte und sein Grinsen zurück kehrte. Vorsichtig kam er näher und legte schließlich eine Hand neben Neris Kopf an den knorrigen Baum „Machen wir da weiter wo wir vorhin aufgehört haben?“, raunte er und sein kühler Atem kitzelte Neri unangenehm am Ohr.
Plötzlich zuckte er jedoch zurück als sie ihm ihren Dolch unter die Nase hielt „Mach keine Witze!“, sagte sie gereizt und starrte den Schatten verärgert an.
Irritiert schielte Dark erst auf die Waffe, dann musterte er Neris verzerrtes Gesicht. Hatte die kleine Göre es doch tatsächlich gewagt, ihm vorzuhalten, dass er Unsinn sprach? Die war ja wirklich lebensmüde. Sie schien wohl nicht zu wissen was es für Folgen haben konnte einem Schatten derartig zu Wiedersprechen.
„Witze? Du glaubst ich mach nur Spaß?!“, fauchte Dark und drückte Neri mit der anderen Hand an der Schulter gegen den Baum. Schmerzhaft zuckte sie zusammen und wollte schon zustechen, doch Dark schlug ihr einfach das Messer aus der Hand. „Ich zeig dir gleich wie ernst ich es meine!“
„Lass mich sofort los.“, sagte sie mit ruhiger bedrohlicher Stimme, was den Schatten zum Stutzen brachte. Mitlerweile war er es, der glaubte das sie mit ihm spielte.
Diesen Moment, in dem Dark unschlüssig wurde, nutze Neri und stieß ihn von sich. Verblüfft landete er auf dem Boden, wo er kurz liegen blieb, bis er realisiert hatte was gerade passiert war. Sie hatte ihn umgehauen! Irritiert blinzelte er.
Neri hielt sich die schmerzende Schulter. Dark hatte mehr als nur einen festen Griff und sie war froh, dass er nicht die ohnehin verletzte Schulter gepackt hatte.
Mühelos schaffte sich der Schatten auf die Beine und baute sich bedrohlich vor Neri auf „Ich glaub, ich hab dir noch nie richtige Manieren beigebracht!“, zischte er „Du hast mich geschlagen!“
Beleidigt wandte Neri den Kopf ab „Wenn du mir auch zu nah kommst.“, murmelte sie und Dark knirschte auf diese Aussage hin geräuschvoll mit den Zähnen. Grob packte er sie am Kinn, sodass sie ihn wieder ansehen musste. Ihre Augen funkelten zornig „Macht es dir Spaß mich so zu behandeln?“, fragte sie, worauf Dark nur anfing gehässig zu lachen „Willst du eine ehrliche Antwort?! Ja, ich mag deinen Gesichtsausdruck und deine Augen! Wütend, entäuscht, hilflos, aber nicht ängstlich! Schade eigentlich.“
Während sie Dark mit ihrem Blick festhielt, tastete sie unbemerkt mit einer Hand nach dem Dolch, der noch irgendwo hier am Boden liegen musste. Sie fischte danach und als Dark anfing zu grinsen, rammte sie ihm ohne Vorwarnung die Spitze der Klinge ins Handgelenk, sodass er sie mit einem fluchenden Schrei loslies. Neri lies sich nie einfach unterkriegen, das hatte auch schon der ein oder andere zu spüren bekommen. Ernsthaft konnte sie ihn zwar nicht verletzen, aber wenigstens ließ er sie dann in Ruhe.
Sofort wich Neri von ihm zurück, doch Dark hatte sich bereits wieder erhohlt und stürmte nun auf sie los. Er packte sie an den Armen und riss sie mit zu Boden. Neri keuchte auf, als sich harte Steine durch ihr dünnes Oberteil in ihren Rücken bohrten. Worum ging es eigentlich gerade? Sie glaubte nicht, dass sich diese Rangelei noch auf den Streit von vorhin bezog. Wollten sie nur sehen wer stärker war? Wer mehr wegstecken konnte? In diesem Fall hätte Dark klar gewonnen, dass musste man nicht testen, also worum ging es hier wirklich?
„Ich glaub eher dir macht es Spaß mich aufzuspießen, wie?“, meinte er und zog sich das Messer aus dem Arm. Stirnrunzelnd hielt er die blutverschmierte Klinge hoch. Neri schüttelte wild den Kopf und versuchte sich unter ihm hervor zu kämpfen, ohne Erfolg. „Wie schon gesagt ich verteidige mich nur!“, rief sie und erstarrte, als ein warmer Tropfen Blut auf ihre Wange tropfte. Geistesabwesend strich sie darüber und hielt sich die Hand vor die Augen, dann verzog sie wütend das Gesicht. Erst jetzt realisierte sie was sie getan hatte. In solchen Momenten wo Dark einfach zu aufdringlich wurde, vergas sie, dass er eigentlich doch nur ein Mensch war und tat Dinge, die sie sonst nie tun würde. Sie behandelte ihn doch wie ein Monster „Es…es tut mir leid Dark. Das wollte ich nicht.“, wimmerte Neri und ihre Augen flackerten, als würde sie gleich anfangen zu weinen.
„Nicht schlimm.“, erwiederte er zu ihrem Erstaunen und nahm ihre Hand in seine. Langsam führte er sie zu seinen Lippen und leckte das Blut von der Haut.
Eine Gänsehaut breitete sich auf Neris Rücken aus.
„Ich mag den metallischen Geschmack.“, erklärte Dark und lies ihre Hand wieder los.
Er war verrückt, oder wahnsinnig, eins von beidem, da war Neri sich nun sicher! So schlecht einzuschätzen und unberechenbar!
Plötzlich hob er den Dolch und rammte ihn neben Neris Kopf in den staubigen Boden, dann erhob er sich „Gut, genug für heute. Ich leg mich schlafen.“, damit ging er und lies die zitternde Neri alleine zurück.
Noch immer lag sie, unfähig sich zu bewegen, am Boden und versuchte ihr rasendes Herz zu beruhigen. Schließlich rollte sie sich auf die Seite und legte ihre Hände vors Gesicht.
„Dark du Vollidiot.“, schluchzte sie und schlug mit der Faust auf die trockene Erde, welche langsam feucht von ihren Tränen wurden.
Dieser Mistkerl machte sie fertig! Es tat weh daran zu denken, dass er sie nur benutzte, aber sie hielt es auch nicht aus, ständig seine Spielchen mit zu spielen. Sie war schließlich auch nur ein Mensch mit Gefühlen! War es das? Empfand sie womöglich mehr für ihn?
Wütend stand sie auf und schritt an die mitlerweile kleine Feuerstelle. Ihre Wut über Dark lies ihre Panik schwinden. Neri packte den Eimer mit dem Löschwasser und kippte ihn mit einem zornigen Schrei über die gefährlichen Flammen. Außer Atem stand sie nun in der Finsternis.

Dark schmunzelte amüsiert und zog sich zurück. Die Augen hielt er geschlossen, sonst würde ihr helles Leuchten ihn nur veraten.
Er setzte sich hinter den Planwagen und starrte nun, da er außer Blickweite war, in den schwarzen Nachthimmel.
Diese kleine Göre schien wirklich an ihm zu hängen. Auch wenn er es nicht verstand. Was konnte er schon bieten? Gut, er war stark und, wenn er dass so behaupten würde, ein talentierter Schwertkämpfer. Aber alles in allem war er doch ein unmöglicher Kerl. Verdorben von Kopf bis Fuß. Alles in ihm schrie nach Angst, nach Leid und Verzweiflung. Wie konnte sie sie sich nur auf ihn einlassen?
Missmutig sah Dark auf seine Hände. Wie viele Leben hatte er auf dem Gewissen? Wie viel Blut klebte an ihnen?
„Warum vertraust du mir?“, fragte er in die Stille, ohne dabei auf eine Antwort zu hoffen. Die Finsternis kannte keine Worte, allerdings die Wahrheit. Zu dumm nur das er kein richtiger Schatten war, dann hätte er ihre Stille Nachricht verstanden.
Eine andere Frage, die ihm nicht die Finsternis beantworten konnte, kam ihm in den Sinn. Warum blieb er bei ihr? Er könnte doch einfach gehen. Oft genug hatte er die Gelegenheit dazu gehabt, aber er war geblieben. Blieb er wegen ihr? Weil Neri die erste war, die in ihm mehr als nur ein Monster sah?
Angestrengt legte er die Stirn in Falten. Nach kurzer Zeit, gab er das Grübeln aber auf, da er keine zufriedenstellende Antwort fand.
Er seufzte und schloss die Augen. Es half jetzt nicht, sich darüber den Kopf zu zerbrechen.

-xXx-

„Ich halt das nicht mehr aus!“, rief Luce und blieb stehen. Genervt sah er zu seinem Begleiter, der nun schon zum wievielten Male, er hatte sie nicht gezählt, stehen geblieben war und nervös zurück nach Westen blickte. Anfangs hatte er behauptet, dass er glaube seine Schwester sei dort irgendwo, doch mitlerweile war er nur noch am Zweifeln. Er entmutigte sie alle.
Auch Alia war stehen geblieben und setzte sich jetzt streikend ins Gras „Es hat keinen Sinn.“, sagte sie „So geht es nicht weiter.“
Keiko drehte sich zu ihr um „Aber wenn sie wirklich dort ist?“
„Jetzt hör mal zu!“, schrie Luce und packte ihn am Kragen „Wir sind bis jetzt jedes mal umgekehrt, bis du gesagt hast, dass du dich geirrt hast! Wir kommen nie in Ligon an, wenn wir immernur die selbe Strecke rauf und runter laufen!“
„Er hat Recht!“, meldete sich Alia „Du musst dich endlich entscheiden. Beziehungsweise, wäre es einfacher weiter nach Ligon zu gehen, schließlich wissen wir dass Yui tatsächlich dort war. Die Wahrscheinlichkeit ist höher dort weiter zu suchen, als irgendwo, wo wir nicht wissen ob deine andere Schwester wirklich da ist.“
Ergeben seufzte Keiko „Gut, habe verstanden.“
Ungläubig hob Luce die Augenbrauen und tatsächlich fing Keiko wieder an. Er drehte sich erneut ach Westen „Aber wenn Neri da ist, kann ich sie nicht zurücklassen!“
Mit einem undefinierbaren Laut, der wütend und genervt zu gleich war, sprang Luce auf „Hört auf, bitte! Ich kann nicht mehr! Wenn du dich so sorgst müssen wir uns trennen, sonst kommen wir nie weiter!“
„Was?“, fragte Alia erschrocken und sah die beiden Jungs an.
„Ihr geht weiter nach Ligon und sucht dort nach Yui. Alia du kannst sicher deine Mädchen fragen ob sie euch helfen.“
„Aber…“, wollte Keiko ansetzten, doch Luce wusste bereits was er sagen wollte.
„Mach dir keine Sorgen, ich geh nach Westen zurück und suche dort nach Neri, wenn sie noch am Leben ist, und den Schatten bei ihr, kann ich ihn aufspüren. Schon vergessen?“
Keiko schüttelte den Kopf und nickte dann „Gut, und vielen Dank Luce.“
Er winkte ab „Hauptsache du gehst Alia jetzt nicht mehr auf die Nerven.“
Die junge Frau lachte.
„Ach ja.“, sagte Luce noch „Wenn wir zurück sind, treffen wir uns dort in dieser Stadt, okay?“, er deutete auf die Stadtmauer einer Küstenstadt, die man geradenoch am Horizont erkennen konnte.
Alia nickte „Abgemacht, wenn wir länger brauchen, werde ich dir eine Nachricht zukommen lassen.“ Sie zwinkerte und wedelte mit der Wallhornmuschel, die sie von ihren Halbfischmädchen bekommen hatte.
Luce lächelte, dann wandte er sich zum gehen und hob zum Abschied noch die Hand.
Er glaubte nicht das Keikos Schwester Neri, von der sein Freund erzählt hatte, noch am Leben war. Immerhin wurde sie von einem Schatten entführt. Aber er spürrte ihn, seine dunkle Aura. Ein Grinsen breitete sich auf seinem, eben noch verbitterten Gesicht aus. Sollte es tatsächlich der Fall sein, dass Keikos Schwester tot war, würde er den Verantwortlichen mit Freude zur Strecke bringen. Jedoch, eine zweite Aura lies ihn stutzen, eine bekannte Aura. Konnte es sein…? Nein, unmöglich. Er schüttelte den Gedanken aus dem Kopf und schritt weiter voran.

Eine ganze Weile noch sah Keiko seinem Freund nach, bis er diesen nicht mehr sehen konnte. Alia hatte sich in der Zeit ins Gras gelegt und ruhte sich etwas aus.
„In Ordnung.“, fing Keiko nun an „Gehen wir?“
Stirnrunzelnd musterte die Frau ihren Begleiter, dann seufzte sie „Gut, aber nur wenn du jetzt unbesorgt weitergehen kannst.“
Er lächelte etwas „Klar, Luce kümmert sich darum. Ich vertaue ihm, dass er wirklich nach Neri sucht.“
Zufrieden erhob sich Alia und nickte ihm aufmunternd zu „Keine Sorge, ihr wird schon nichts passiert sein.“
„Das hoffe ich sehr, schließlich ist es meine Schuld, dass sie in die Fängen eines Schatten geraten ist.“
Mitfühlend legte Alia ihm eine Hand auf die Schulter „Ich mach dir einen Vorschlag. Wir gehen jetzt weiter und unterwegs erzählst du mir von deinen Schwestern, okay? Es tut gut wenn man seine Sorgen jemanden anvertraut und nebenbei vergeht die Zeit schneller.“, sie lächelte und Keiko erwiederte es zögernd „Auch dir vielen Dank Alia. Uns zu begleiten war sicher auch für dich keine einfache Entscheidung.“
Mit einem stummen Blick gab sie ihm zu verstehen das sie darüber schon gesprochen hatten. Keiko verstand und beide setzten ihren Weg in den Osten fort.
Unterwegs erzählte Keiko von seinem früheren Leben in Hoen mit seiner Zwilingschwester Yui und Halbschwester Neri. Alia hörte aufmerksam zu, am meisten aber interessierte sie die Sache mit dem Schatten der Neri entführt hatte. Als Keiko geendet hatte meinte sie „Du sorgst dich wirklich sehr um deine Schwestern.“
Er schwieg und starrte auf irgendeinen Punkt in der Ferne. Yui und Neri bedeuteten ihm alles. Ohne sie wäre er nicht komplett. Und jetzt war er getrennt von beiden.
Langsam ging die Sonne wieder auf, er und Alia waren die ganze Nacht durchgelaufen, denn Keiko wollte keine Zeit verschwenden. Er wollte Yui schnell finden.
Plötzlich blieb er stehen. Dort, weiter hinten ragte eine hohe Steinmauer in den Himmel, höher als eine normale Stadtmauer.
„Was ist das?“, fragte er, ohne den Blick von ihr zu wenden. Alia sah was er meinte und lächelte erleichtert „Wir sind da! Das da vorne ist die Mauer, die Ligon umgibt.“
„Warum haben die da so eine große Mauer gebaut?“ er runzelte die Stirn und beschleunigte unbewusst seine Schritte.
„Schon mal vom versteckten Feendorf gehört?“, fragte Alia, ohne aber eine Antwort abzuwarten, denn sie sprach direkt weiter „Das ist Ligon. Nicht viele wissen von diesem Dorf. Man kommt auch nicht so einfach da rein, desshalb auch die Mauer, man versucht Eindringle draußen zu halten.“
Die letzten Meter rannte Keiko, hörte Alia schon nicht mehr zu, und blieb erst wenige Zentimeter vor der gewaltigen Mauer stehen. Anerkenend pfiff er und legte eine Hand auf den kalten Stein.
„Hier stimmt was nicht.“, sagte Alia plötzlich neben ihm, nachdem sie bei ihm angekommen war und Keiko drehte sich alamiert um. Jetzt roch auch er es.
„Hier hat was gebrannt.“, stellte er fest, nachdem er ein paar mal in der Luft geschnuppert hatte. Seine Begleiterin nickte und sah sich um. „Vielleicht können wir irgendwo hochklettern?“
Kaum hatte sie zu Ende gesprochen, hob Keiko den Kopf und erblickte ein grünhäutiges Monster auf der Mauer laufen. Er legte seinen Zeigefinger über die Lippen und bedeutete Alia damit leise zu sein, dann deutete er nach oben.
Entsetzt riss sie Mund und Augen auf, erinnerte sich im letzten Moment aber doch noch das sie still sein sollte.
„Was zum…?“, flüsterte sie und schütelte verständnislos den Kopf „Was macht dieses Monster hier?“
Keiko zuckte nur mit den Schultern. Er wusste es auch nicht.
„Da stimmt was nicht.“, meinte Alia nun und kniff die Augen zusammen „Warte mal, ich hab ne Idee.“ Damit zog sie aus ihrer Gürteltasche einen kleinen runden Gegenstand. Erschrocken wich Keiko einige Schritte zurück „Was machst du da?! Das ist doch…“
„Ich weiß. Aber irgendwie müssen wir doch rein.“, unterbrach sie ihn augenzwinkernd und entzündete mit zwei kleinen Steinen, ebenfalls aus ihrer Tasche, die kleine Lunte. Alia legte den Sprengkörper ab, dann packte sie Keiko am Arm und zog ihn mit sich, außer Reichweite der jetzigen Explusion. Es gab ein lautes Knallen und ein heftiges Rucken. Die Nebelrauchmischung lichtete sich schnell und gab so den Blick auf zahlreiche aufgebrachte Grünhäuter frei.
„Verdammt.“, meinte Alia nur und biss sich auf die Unterlippe. Keiko stöhnte auf und zog sein Schwert „Das hättest du dir vorher auch denken können.“
Mit kreischenden und fauchenden Geräuschen stürmten die Monster aus der zertrümmerten Stelle der Mauer.
„Das sind viel zu viele!“, rief Keiko und parrierte den ersten Angriff. Yui lachte nur und zückte einen weiteren Sprengkörper „Na und? Was die können, kann ich schon lange!“, rief sie und warf. Eine erneute Explusion schleuderte mehrere der Grünhäuter aus ihren Reihen. Blut spritze und abgetrennte Körperteile, die nicht mehr definierbar waren, flogen durch die Luft.
Angewiedert verzog Keiko das Gesicht und brachte sich hinter Alia in Deckung, als diese einen zweiten Sprengkörper warf und sich der Vorgang wiederhohlte. Die Anzahl der Monster schrumpfte beachtlich, doch als Alia erneut in ihre Tasche griff um einen neuen Sprengkörper zu entzünden, tastete sie ins Leere. Sie fluchte und zückte sofort darauf ihre Armbrust, die sie auf dem Rücken trug.
Keiko hatte bemerkt das Alias Vorrat zur Neige ging und als sie mit verengten Augen fluchte, lächelte er „Mach dir keinen Vorwurf. Du hast gute Arbeit geleistet!“, rief er Alia zu und diese zwinkerte zurück. Mit gezielten Schüssen setzte sie einen Gegner nach dem anderen außer Gefecht. Die Grünhäuter, die ihr zu nahe kamen, schaltete Keiko mit seiner Klinge aus
und es dauerte nicht lange, bis keine Nachläufer mehr kamen. Endlich konnten Alia und Keiko sich ins innere Ligons begeben. Drinnen war alles ruhig, aber hier und da konnten sie alte Leichen sehen.
„Sieht nach einer Schlacht aus.“, stellte Alia fest und als sie neben einer Leiche in die Hocke ging und sie umdrehte um ihr Gesicht zu sehen, schrie sie entsetzt auf. Das waren keine der Grünhäuter. Tote, einst helle, aber mitlerweile trübe Augen starrten ihr entgegen ohne sie anzusehen. Der Mund zum Schrei geöffnet, mit getrocknetem Blut verschmiert und der zierliche Körper mit den schönen transparenten Flügeln durchstochen, mehr als einmal.
Alia schlug sich eine Hand vor den Mund und sah sich um. Die Leichen die hier lagen waren alles Feen. „Was ist hier geschehen?“, wisperte sie und sank auf die Knie.
Auch Keiko war entsetzt über den sich bietenden Anblick. Er hatte die Hände zu Fäusten geballt und zitterte am ganzen Körper, doch plötzlich zuckte er zusammen, als hätte ihn ein Blitz getroffen und er rannte los. Alia rief ihm hinterher, doch er hörte es nicht, oder wollte er es nicht hören?
Wo war sie? Wo war Yui?! Panisch rannte er durch das ganze Dorf und riss sich mehrmals die Haut an spitzen Ästen auf. Er beachtete es nicht und dachte nicht mal daran deshalb sein Tempo zu verlangsamen. Erst als er glaubte alles abgesucht zu haben, blieb er stehen und stütze die Hände auf die Oberschenkel. Sein Herz raste und sein Atem ging stoßweise, dann richtete er sich wieder auf und schrie aus voller Kehle „Yui, wo bist du!“ Er wartete ab, keine Antwort, nur Alia kam aus einem Gebüsch, ebenfalls völlig außer Atem, auf ihn zu. Keiko zweifelte nicht daran, dass sie ihm hinterher gerannt war.
„Hier ist niemand. Aber vielleicht ist sie noch am Leben, ich meine unter den ganzen Leichen war kein einziger Mensch.“ Kaum hatte sie ausgesprochen holte Keiko tief Luft und atmete langsam aus um sich zu beruhigen. Gut, sie war nicht hier. Aber wo dann?
Sein Geschrei hatte allerdings nicht nur Alia angelockt, denn plötzlich trat unter den Bäumen eine weitere, große Gestallt hervor.
Verblüfft starrten Alia und Keiko auf die sich nähernde Kreatur. Sie wirkte menschlich, besaß allerdings schwarze Flügel und spitze Hörner, dazu kamen die ungewöhnlich langen Haare und die aschgraue Haut.
„Was ist das?“, fragte Alia leise in flüster Ton und rückte näher zu Keiko, der unverwant auf die seltsame Gestallt starrte. Er wusste es auch nicht. In den Geschichten, die er früher in seinem Dorf gehört hatte, war manchmal die Rede von schönen Männern, Dienern des Teufels, entsprungen aus der Hölle um Angst in die Welt zu bringen. Er schluckte, dann flüsterte er zurück „Ich glaub das ist ein Dämon.“
„Was?!“ Jetzt wo er es gesagt hatte, machte sich etwas wissendes in Alias Gesicht breit. Auch sie hatte schon mal von Dämonen gehörrt. Nichts gutes alledings.
Der Dämon lachte „Sieh an, eigentlich hatte ich jemand anderes erwartet.“
Vorsichtig trat Keiko vor.
„Was tust du da?“, fragte Alia entsetzt und wollte ihn am Arm packen, doch er gab ihr stumm zu verstehen dass sie ihm vertrauen sollte, dann drehte er sich wieder zu dem Dämon.
„Wen hast du denn erwartet, wenn nicht uns?“, fragte er und schritt näher an die Kreatur heran. Er war groß, so musste Keiko zu ihm aufsehen. Seine gelben Augen funkelten bedrohlich, machten aber nicht den Eindruck sie gleich anzugreifen.
Der Dämon schmunzelte „Ein Mädchen und einen kleinen Feenjunge.“, sagte er und musterte Keiko ausgiebig „Sie sieht dir ähnlich.“ Nachdenklich legte er den Kopf leicht schräg.
Keiko erschrak, lies sich aber nichts anmerken. Das musste Yui sein, und offenbar war sie nicht allein.
Eine Weile verharrten sie in Schweigen, bis der Dämon sich etwas umsah „Ihr habt meine ganzen Anhänger umgebracht, nicht?“ Keiko schluckte, dann meinte er „Sie haben uns angegriffen, wir haben uns nur verteidigt.“
Der Dämon lachte „Ist das so? Von mir aus. Ihr zwei seid stark, wenn ihr sie alle besiegen konntet.“ Ein hinterhäliges Lächeln breitete sich auf seinen Lippen aus. Jetzt musste Keiko aufpassen, nichts falsches zu sagen. „Es waren gar nicht so viele. Nur…“ weiter kam er nicht, denn der Dämon kicherte etwas und verunsicherte ihn dadurch.
„Wirklich? Ich glaube nicht, dass es nur ein paar waren. Ich werde doch meine Anhänger kennen, oder unterstellst du mir das ich lügen würde?“ verletzt blickte der Dämon zur Seite.
Wild schüttelte Keiko den Kopf „Nein, natürlich nicht!“
„Aber du hällst mich zum Narren!“ seine Stimme wurde barsch und er machte einen Schritt auf Keiko zu, der nur wieder den Kopf schüttelte „Nein, nicht doch!“
Der Dämon blieb stehen und schrie nun „Du machst dich über mich lustig, willst mich hinters Licht führen! Mich, den mächtigen Nachtdämon Jekatin! Aber ich verate dir mal was! Das kannst du vergessen, menschlicher Wurm!“
Alia zog den verstöhrten Keiko zurück und stellte sich neben ihn „Glaub mir, mit Monstern kann man nicht verhandeln, die verstehen nur die Sprache der Gewalt.“, klärte sie ihn auf und griff schon an ihren Rücken und lockerte die Armbrust aus der Halterung.
Der Dämon lachte und zog plötzlich eine Kette aus seinem Mantel. Zu Keikos Entsetzen handelte es sich um nichts anderes als einen der Erbkristalle! War es etwa der von Yui? Innerlich hoffte er, dass dem nicht so war.
„Mit dem Erbkristall hier, habt ihr keine Chance gegen mich! Aber lasst mich sehen wie ihr bis zum letzten Atemzug kämpft, um euer Leben bettelt, das ich euch nicht lassen werde! Lasst mich eure Verzweiflung und Hilflosigkeit sehen!“, schrie der Dämon und fing an hysterisch zu lachen.
„Halts Maul!“, gab Alia als Antwort und schoss einen Pfeil auf den Feind, der nun noch größer schien. Lachend hob dieser die Hand und das Geschoss löste sich vor ihm in der Luft auf.
„Was zum…?“, fing Alia an, doch als eine unsichbare Kraft sie hochhob und gegen den nächsten Baum schleuderte, verstummte sie. Keuchend ging sie zu Boden und biss sich auf die Unterlippe.
Der Dämon kreischte amüsiert und der Kristall in seiner Hand glühte.
Keiko besah sich das Schauspiel, dann schmunzelte er. Dämonen waren zwar so gut wie unbesiegbar, allerdings nicht gerade kombinierfähig. Zwar glaubte der Dämon, dass der Erbkristall ihm mehr Macht gab, da dies bei seinen Trägern der Fall war, doch Tatsache war, dass ihn das Licht welches dem Kristall inne wohnte, langsam aber sicher um den Verstand brachte. Wenn er das nicht bald einsah, würden Alia und er leichtes Spiel haben.
Und tatsächlich dauerte es nicht lange, da verlor der Dämon die Selbstbeherrschung. Unkontrolliert schleuderte er Blitze durch die Gegend und Keiko musste mehr als einmal ausweichen um nicht getroffen zu werden. Zum Glück war Alia wieder bewegungsfähig, ansonsten sähe es jetzt schlecht für sie aus. Keiko hatte ihr seinen Verdacht mitgeteilt und sie hatte verstanden. Es machte Sinn, schließlich diente der Erbkristall dazu die dunklen Mächte zu besiegen und zurück zu treiben.
Erst als der Dämon anscheinend nicht mehr wusste wo oben wo unten war, packte Keiko sein Schwert und stürmte auf ihn zu. Zwar sah der den Angreifer, doch anstatt ihn aufzuhalten schlug der Dämon sich mit einer Hand ins Gesicht. Keiko grinste. Der Dämon schien kapiert zu haben was der Erbkristall mit ihm anstellte, doch aus seinen Fängen befreien konnte er sich nicht mehr. Dafür war es zu spät.
Mit einem lautem Schrei sprang Keiko ab und lies die Klinge kraftvoll auf den Arm des Dämons niedersausen. Schwarzes Blut quoll aus dem Stummel und der abgetrennte Arm fiel krachend zu Boden. Dampf stieg aus der Stelle aus wo die Klinge ordentliche Arbeit geleistet hatte.
Verblüfft sah Keiko auf seine Hand mit der er das Schwert führte. Noch nie hatte ein Angriff von ihm solch eine Kraft gehabt. Als er seine Hand drehte, schrack er zurück. Eine schwarze Musterung zierte seinen Handrücken und als Keiko sein Ärmel etwas hochzog, konnte er sie auch auf seinem Unterarm sehen. Er versuchte sich zu erinnern, dann fiel es ihm ein. Es war der Arm, den sein Schatten für einen Moment unter Kontrolle hatte. Als die Musterung langsam verblasste, bis sie nicht mehr zu sehen war, seufzte er.
„Hey, Keiko!“ Alias Stimme holte ihn in die Wirklichkeit zurück. Sie hatte sich den Erbkristall geschnappt und deutete mit dem Kopf auf den Dämon, der sich zwar noch kreischend den abgetrennten Arm hielt, aber wieder zu sich zu kommen schien.
„Lass uns abhauen bevor der wieder klar im Kopf ist.“, sagte sie und lief auch schon los. Keiko folgte ihr durch das verwüstete Walddorf und blieb selbst dann nicht stehen, als sie Ligon verlassen und hinter sich gelassen hatten. Erst als das einst so schöne Feendorf und die hohe Mauer nicht mehr zu sehen war, hielten sie völlig außer Atem an.
„Sowas…mach ich nicht…nochmal.“, keuchte Alia und lies sich ins Gras fallen, das hier im Osten beinahe überall den Boden bedeckte.
Keiko lachte „Der Kampf oder das Rennen?“
„Das Rennen natürlich, obwohl ich auch nicht scharf darauf bin diesem Jekatin nochmal zu begegnen.“ Erschöpft setzte sich Keiko neben sie und betrachtete den Erbkristall, den Alia sich mit der Kette um den Hals gelegt hatte.
„Kann ich mal?“, fragte er und deutete darauf. Sie sah ihn verwundert an, doch dann nahm sie die Kette ab und hielt sie ihm entgegen „Klar.“ Als Keiko sie in die Hand nehmen wollte zuckte er zusammen, sobald der Kristall seine Haut berührte.
Nun sah Alia doch auf und musterte Keikos Handfläche. „Sieht aus als hättest du dich verbrannt.“, stellte sie fest und als sie ihre Hand in seine legte, zog sie ihre sofort zurück „Fühlt sich auch so an!“
Missmutig betrachtete Keiko seine Handfläche, welche gerötet war und Anzeichen von Brandblasen aufwies. Es war die selbe Hand. Anscheinend stieß die Schattenenergie den Stein ab. Er seufzte, dann sagte er „Du solltest ihn nehmen, bis wir seinen Träger gefunden haben.“
Alia blinzelte irritiert, erwiderte aber nichts als sie Keikos niedergeschlagenes Gesicht sah.
Sie wusste nicht was mit ihm los war, nur dass sie lieber nicht nachhaken sollte, aber sie nahm sich fest vor, ihm zu helfen, wenn er sie darum bitten würde. Doch das hatte Zeit.

6.Kapitel

Kapitel 6

Wie lange saß sie jetzt schon hier? Zwei, drei Stunden? Es hätten auch locker vier, oder fünf sein können. Ihr Zeitgefühl hatte sich schon längst verabschiedet. Gespannt saß Yui auf dem Baum und späte in die schwarze Nacht. Um sie herum hörte sie nichts. Die Feen machten ihre Sache besser als sie gedacht hatte. Da hörte sie es. Ein kurzes Pfeifen, wie das eines kleinen Vogels. Leise kletterte sie vom Baum und schlich auf die hohe Mauer zu. Dank der langen Leiter, die dort angebracht war, war Yui auch schnell oben. Angekommen rannte sie leise über den schmalen Pfad, bis sie den ersten Wachturm erreicht hatte.
„Da bist du ja.“, wurde sie von Taro empfangen, welcher stolz lächelte.
„Habt ihr alle erledigt?“
Der Kleine nickte stolz „Klar.“
„Gabs Probleme?“
„Nee, nur einmal wurden wir fast gesehen.“
Yui kicherte. Fast gesehen? Ging das überhaupt? Sie hatten alle Feen mit dunklem Schlam beschmiert und Blätter an helle Stellen geklebt. Allein die Flügel blieben sauber, denn die hätte der Schlam nur schwer gemacht, und wie würden sie dann mit verklebten schweren Flügel fliegen?
„Hast du die Schlüssel gefunden?“, fragte Taro nun, worauf Yui triumphierend einen kleinen Bund mit silbernen Schlüsseln hochielt.
„Gut, wir haben die Wachen beseitigt und die Schlüssel für das Tor und das Lager.“, zählte Taro auf.
„Erst das Tor.“, warf Yui ein.
„Wie?“
„Wir öffnen erst das Tor und dann das Lager. Wenn es hart auf hart kommt, müssen wir schnell fliehen können, falls es nicht alle über die Mauer schaffen. Im Lager könnten auch noch welche von den Grünhäutern sein und wenn die uns sehen könnt ihr nicht mehr über die Mauer fliegen, wenn ihr nicht abgeschossen werden wollt, zu Fuß könnt ihr euch besser verstecken.“
Taro nickte „Alles klar, das Tor mach ich.“ Damit verschwand der kleine Feenjunge im Dunkeln. Yui blieb allein zurück. Dank der Waffen, die sie den Grünhäutern entwendet hatten, hatten sie es geschafft die Wachen an der Mauer auszuschalten. Sie selbst hatte in der Zeit nach den Schlüsseln für das Tor gesucht und diese dann auch gefunden. Der stillgelegte Brunnen war wohl kein allzu gutes Versteck gewesen.
Ein leises Klimpern neben ihr, verriet Yui das Taro wieder zurück war.
„Tor ist offen.“
Sie nickte „Sind die anderen auf Position?“
„Ja.“
Jetzt kam der schwierige Teil. Sie mussten irrgendwie den Dämon aus seinem Versteck locken um ihm den Erbkristall abzunehmen. Wenn sie erlich sein sollte, wusste sie selbst noch nicht so genau wie sie das anstellen sollten, doch Yui war eh mehr die Spontane.
Das Tor war nun offnen, nur durften sie jetzt nicht voreilig handeln. Zuerst mussten sie ins Lager kommen um mehr Waffen zu beschaffen, damit sie im Falle eines Kampfes eine realistische Chance hatten. Und sie musten sich beeilen, wenn die Sonne aufgehen würde, wäre es schon zu spät. Man würde die fehlenden Wachen sofort bemerken.
„Okay, komm Taro wir suchen das Lager.“ Yui winkte ihn zu sich und beide machten sich auf den Weg. Lautlos schlichen sie durch das verlassene Walddorf, als plötzlich ein lautes Horn erklang.
„Was?“ Yui drehte sich entsetzt um. Das kam aus der Richtung wo sie die Feen befreit hatte. Waren sie aufgeflogen? Sie hatte nicht damit gerechnet, dass vor Morgen jemand ihr Fehlen bemerken würde.
„Und jetzt?“, fragte Taro und warf ihr einen ängstlichen Blick zu.
Verzweifelt sah Yui sich um. Nirgendwo eine Fee oder ein Grünhäuter zu sehen. „Ich weiß nicht. Das hatten wir nicht besprochen.“
„Wie!?“, entsetzt packte der Kleine sie am Arm „Du hast keinen Notfallplan oder sowas?!“
Verbissen schüttelte Yui den Kopf. Sie war zu leichtsinnig gewesen. Hatte die Grünhäuter unterschätzt, und dass hatte sie jetzt davon.
„Yui!“ Taro zog sie am Ärmel und brachte sie zurück in die Gegenwart. „Wir müssen trotzdem was tun!“
Er hatte ja Recht, aber ihr fiel absolut nichts ein. Ein schriller Schrei gefolgt von einem Knacken, durchbrach die Stille. Ein weiterer folgte.  Continue reading »

„Sie haben sie gefunden.“, wisperte der Feenjunge und sah mit weit aufgerissenen Augen in die Richtung aus der die Schreie kamen.
Entschlossen packte Yui den Bogen, welchen sie einer der Wachen entwendet hatte und rannte los. Taros wütendes Gebrüll ignorierte sie. Jetzt zählte was anderes. Sie musste das gutmachen was sie angerichtet hatte. Falls sie das überhaupt noch konnte. Jedoch musste sie irgendwie handeln, denn vom Warten allein würde sie den Feen ja doch nicht helfen können.
Mit schnellen Beinen hatte sie bald, die Lichtung erreicht, wo sich die Bewohner Ligons in den Bäumen versteckt hielten. Geplant war ein Überraschungsangriff, doch wie es aussah verlief dieser genau andersherrum.
Geschockt stand sie da und war froh das es dunkel war, so musste sie sich das blutige Masaker nicht ansehen. Schrille helle Schrei füllten die Nacht. Hier und da ein dumpfer Aufschlag und das Knacken von Knochen.
Das sie fliehen sollten, brauchte Yui ihnen nicht zu sagen. Einige der Feen hatten es sogar geschafft von der Lichtung zu entkommen. Eine Frau kam blutend auf sie zugehumpelt „Yui! Sie kamen einfach ohne Vorwarnung! Holten uns von den Bäumen bevor wir auch nur eingreifen konnten!“
„Ihr müsst hier weg, sie haben euer Fehlen bemerkt! Vergesst den Plan und sucht einen Weg hier raus!“ Yui wollte schon wieder los, als die Frau sie am Arm hielt „Flieh.“, sagte sie leise.
„Was?“
„Nimm den Jungen und flieh. Wir werden sie solange wir können aufhalten.“
Die Augen weit aufgerissen starrte Yui die Frau an „Nein, ihr dürft nicht…“
Sie lächelte „Seit Jahren halten wir uns von der Außenwelt fern, verstecken uns und lassen zu das die dunklen Mächte unser Land einnehmen. Es ist an der Zeit, dass auch wir einen Beitrag geben Mamoria zu beschützen. Nimm Taro und verschwinde von hier, ohne euch hat dieses Land bald keine Zukunft mehr!“ Mit diesen Worten sank die Frau zu Boden. Eine Träne lief Yui über die Wange. Sie wollte sie wegwischen, doch an ihren Händen klebte rotes Blut.
Entsetzt sah sie über das Schlachtfeld. Die Feen waren bereit ihre Existenz für ihr Land zu opfern. Sie musste zu Taro zurück. Sie mussten fliehen so lange sie konnten. Die Grünhäuter waren abgelenkt, dass war ihre Chance, eine zweite würde sie nicht bekommen.
So schnell sie konnte rannte sie zu der Stelle zurück, wo sie Taro verlassen hatte. Nichts! Niemand zu sehen.
„Verdammt!“, fluchte Yui und sah sich suchend um.
„Yui?“ eine schwache Stimme drang zu ihr durch und sie rannte los. Nicht weit entfernt an einem Baum hing Taro. Zwei Pfeile hatten sich durch seine dünnen Libellenflügel gebohrt und hielten ihn am Baum fest.
„Taro!“, schrie sie und rannte zu ihm, versuchte die Pfeile rauszuziehen, doch als sie den Schaft berühte schrie der Feenjunge qualvoll auf.
„Du musst da jetzt durch, sonst kriegen wir dich nicht vom Baum.“, sprach sie ruhig und packte den Pfeil erneut. Ein kräftiger Ruck und ein lauter Schrei, da war er auch schon raus. Yui wollte gerade den zweiten packen, als die Flügelhaut unter Taros Gewicht plötzlich einriss. Sein Mund war zum Schrei geöffnet, doch kein Ton kam heraus. Bewusstlos fiel er zu Boden. Was hatte sie nur getan? Es war ihre Schuld! Sie hatte ein ganzes Volk ins Verderben geführt, hatte Taro allein zurückgelassen und sie war zu blöd um zu wissen das der eine Pfeil ihn nicht halten würde. Wenn er jetzt nicht mehr fliegen konnte, war es alleine ihre Schuld. Wenn das gesamte Feenvolk ausgelöscht wurde, war es allein ihre Schuld. Alles nur wegen ihr!
Yui nahm Taro auf den Arm und rannte mit ihm los. Ein zischender Laut, lies sie allamiert ducken. Keine Sekunde zuspät, denn im selben Moment bohrte sich ein weiterer Pfeil auf Kopfhöhe in einen nahestehenden Baum. Yui drehte sich nicht um, rannte ohne stehen zu bleiben weiter. Sie musste Taro und sich in Sicherheit bringen, dass war sie der Feenfrau und den anderen schuldig. Kurz vor dem Tor hielt sie dann doch an und legte Taro kurz am Boden ab um das schwere Holztor aufzuziehen, das er zuvor aufgeschlossen hatte. Als sie den Kleinen holen wollte, stand er schon wieder auf den Beinen.
„Was geschieht hier?“, fragte er und blickte in Richtung Lichtung.
„Wir müssen ohne sie gehen!“
Taro schüttelte wild den Kopf „Niemals, sie werden sterben!“
„Wenn wir auch sterben, wird bald ganz Mamoria untergehen, willst du das?!“
„Ist mir egal, dann geh ich aber mit meinem Volk unter und lass sie nicht allein zurück!“ mit diesen Worten drehte er sich um und rannte los. Er war zu langsam, die Verletzung am Flügel machte ihm noch zu schaffen. Yui hatte ihn schnell eingeholt und lud ihn sich auf die Schulter „Wenn du nicht freiwillig mitkommst, zwing ich dich dazu!“
Um sich tretend und schlagend schrie Taro, sie solle ihn doch loslassen, doch Yui hielt ihn eisern fest. Sie rannte mit ihm zum großen Tor. Ein letztes Mal drehte sie sich um und da sah sie ihn. Stechend gelbe Augen funkelten sie an. Jekatin sah sie, machte aber keine Anstallt sie aufzuhallten.
Ohne sich umzudrehen lief sie rückwärts weiter um ihren Feind im Auge zu haben.
„Flieht nur! Das nützt euch auch nichts, denn ihr werdet ganz von alleine wieder zurückkommen!“, sagte er mit seiner sonderbaren Stimme, dann hielt er eine Kette hoch. Im Dunkeln sah Yui nicht genau was es war, doch etwas in ihr wusste das es Taros Erbkristall sein musste.
Zähneknirschend lief sie weiter. Auch wenn sie dem Dämon rechtgeben musste, würde sie sich fürs erste zurückziehen. Was anderes blieb ihr nicht übrig.
Nochimmer wehrte sich Taro, hielt jedoch inne als er den Dämon erblickte. Ruhig lies er sich von Yui aus dem Dorf tragen und fixierte dabei seinen Kristall. Wortlos streckte er eine Hand aus, fühlte aber nur noch Holz.
Das Tor war zugefallen. Sie hatten Ligon verlassen. Hatten den Erbkristall und die Feen zurückgelassen.
Hier draußen war alles still. Nichts war mehr von den vorangänglichen Schreien zu hören, allein die stille Nacht griff mit langen Fingern nach ihnen.
Außer Atem ließ Yui den Kleinen runter. Taro stand vor dem Tor und legte eine Hand darauf. Er weinte nicht, auch wenn er es gerne getan hätte, aber Feen konnten nicht weinen. Ihre Art Trauer auszudrücken war es zu singen. Und so sang er.
Kaum hatte die leise Melodie begonnen wurden Yuis Beine weich, sie begann zu zittern. Taros Lied, welches er in einer unbekannten Sprache sang, berühte etwas in ihr und trieb Yui die Tränen in die Augen. Kraftlos sank sie auf die Knie und lauschte der traurigen Melodie. Sie füllte die Stille der Nacht bis die einzelnen Töne von der Finsternis verschluckt wurden und im Dunkel der Nacht verschwanden. Verschwanden so wie die Schreie der Feen.

-xXx-

Sie hatte aufgegeben. Einfach losgelassen. Würde man es ihr vergeben? Würde Dark ihr vergeben? Wahrscheinlich nicht, aber das war jetzt auch egal. Sie hatte verloren. War tot.
Konnten Tote überhaupt Schmerz empfinden? Neri glaubte nicht, aber woher kam dann dieses Ziehen in ihren Schultern, ihren Armen und Beinen. War sie doch noch am Leben?
Eine kühle Hand legte sich auf ihre Stirn. Wer war da? Etwa Dark?
„Du hast hohes Fieber, Kleine.“ Nein, das war nicht Darks Stimme, dennoch kam sie ihr bekannt vor.
Neri wollte die Augen öffnen. Es gelang ihr nicht.
„Ich weiß das du wach bist, bleib einfach liegen.“
Nichts lieber als das, aber sie konnte nicht einfach nichts tun. Langsam war sie in der Lage ihre Augen zu öffnen. Grell schien ihr die Sonne entgegen und Neri wollte sie mit einer Hand abschirmen. Sie schrie auf als sie den Arm hob und kniff sofort wieder die Augen zu. Ein höllischer Schmerz schoss durch ihren linken Arm und machte ihn taub.
„Bleib einfach liegen hab ich gesagt.“, meinte die fremde Stimme mit freundlichem Ton.
Der Mann stand mit dem Rücken zu ihr, so dass Neri sein Gesicht nicht sehen konnte. Als er sich jedoch umdrehte um ihr einen feuchten Lappen auf die Stirn zu legen, schnappte sie erschrocken nach Luft. Sie hatte doch gewusst das sie die Stimme kannte. Vor ihr stand der Magier aus dem Schloss. Die Kapuze hatte er abgenommen, so sah man deutlich die leeren Augen und das violette Tattoo, in Form einer Schlange mit Flügeln, auf seinem haarlosen Schädel.
„Tut mir leid, wenn ich dich erschreckt habe.“, entschuldigte er sich „Du bist Neri stimmts?“
Sie nickte „Und Sie sind der Hofmagier Morias, hab ich recht?“ Der Mann lächelte „Mein Name ist Batun.“
„Was tun Sie hier?“
„Ich bin auf der Rückreise in mein Dorf, da mein treuloser Schüler meine Anweisungen misachtet hat.“ Ärgerlich verzog er das Gesicht, nur um gleich wieder zu lächeln „Eigentlich ist er ein sehr gehorsamer Junge. Nun, auch ihn hat man in Schloss rufen lassen.“
Sprachlos starrte Neri den alten Magier an „Sie meinen ihr Schüler ist ein Träger?“
„So ist es. Ich hatte ihm verboten nach Airon zu reisen. Du musst wissen das wir Magier gern Zielscheibe für die Schatten sind. Sie fürchten unsere Macht und sehen als einzigen Ausweg uns alle auszulöschen. Dazu kommt noch, dass mein Schüler einen der Erbkristalle besitzt.“ Beosrgt sah er in die Ferne.
Neri hatte immer geglaubt Magier wären einfach nur selten, aber in Wahrheit sind sie alle ermordet worden?
„Und Sie haben keine Angst Opfer eines Hinterhaltes zu werden?“
Batun lachte nur kurz auf „Na hör mal. Wäre ich nicht losgezogen um nach meinem Schüler zu suchen, hätte ich dich nicht gefunden. Ich denke mal das Leben von euch Trägern ist um einiges wertvoller als das meines.“
Erschrocken riss Neri die Augen auf und sah sich um „Sie haben gesagt, Sie hätten mich gefunden, war da noch jemand?!“, fragte sie ängstlich. Sie hatte Dark völlig vergessen.
Batun schwieg.
„Einen Jungen mit schwarz-blauem Haar?“
Wortlos erhob sich der Magier und schritt auf einen Planwagen zu, der nicht allzu weit entfent von ihnen stand. Da Neri noch nicht in der Lage war sich anständig zu bewegen, trug Batun den bewusstlosen Jungen zu ihr.
„Dark!“, rief sie, doch der Schatten rührte sich nicht „Mein Gott, nehmen sie ihm doch die Ketten ab!“ Es stimmte, der Magier hatte den schwachen Dark in Ketten gelegt, die er nun wiederwillig abnahm.
„Wieso reist ein Mensch, dazu noch ein Träger, mit einem Schatten?“, fragte der Alte und legte Dark neben Neri auf den Boden. Besorgt musterte sie ihn. Er sah nicht besser aus, zumindest hatte er keine äußerlichen Verletzungen. Erleichtert atmete Neri aus.
„Dir ist bewusst, dass er es war der dich entführt hat, oder?“
„Natürlich, aber er ist auf unserer Seite.“, erwiederte Neri bestimmt und legte ihre Hand auf seine Stirn. Er kochte noch immer.
„Ich hab ihn unter die Plane gelegt damit er nicht noch mehr Sonne abbekommt. Das Licht schadet seinem Körper.“ Batun trug Dark zurück.
„Sie werden ihm nichts tun, ja?“ Etwas nervös sah Neri zu dem Planwagen, um sich zu vergewissern das Dark auch anständig zurückgelegt wurde.
Verständnisslos schnaufte der Alte „Was lässt dich glauben, dass er auf deiner Seite ist? Kannst du mir das verraten?“
„Ich weiß nicht, nur so ein Gefühl.“ Verunsichert wanderte ihr Blick zum Magier zurück.
Er legte ihr eine Hand auf die Schulter „Er hat seine Leute einfach verraten?“
„Ich denke ja. Er hat gemeint es gefällt ihm ein Veräter zu sein.“
„Du weiß aber schon was dass heißt, oder?“
Neri zog fragend die Augenbrauen hoch „Wieso was ist falsch daran, für das Gute zu kämpfen? Er hat doch nur die Seiten gewechselt.“
Der Magier lies den Kopf hängen „Das heißt, dass er auch dich jederzeit verraten könnte.“
Dieser Satz, diese Erkenntnis traf Neri härter als sie gedacht hatte.
„Was würde ich jederzeit?“
Abrupt wirbelte sie herum und sah den Schatten keuchend aus dem Planwagen klettern.
„Dark, du bist wieder bei Bewusstsein?!“, rief sie und wäre am liebsten sofort zu ihm geeilt.
„Du solltest wirklich im Schatten bleiben. Zu viel Sonne tut deinem Körper nicht gut.“
Dark schnaubte abfällig „Von dir, Möchtegern Priester, lass ich mir doch keine Vorschriften machen!“
„Du solltest echt noch liegen bleiben.“, meinte Neri, als sie sah wie Dark halb vom Laderaum des Wagens fiel. Schwankend kam er zum stehen und torkelte zu ihnen.
„Pah, mir geht’s doch wieder gut und so ein bisschen Sonne werd ich auch noch verkraften!“, sagte er und stolperte. Kurze Zeit später lag er mit dem Gesicht am trockenen Boden.
Seufzend half Batun dem gefallenen Schatten auf. Dark schwieg, seinem Gesichtsausdruck zu urteilen war er mehr als nur wütend.
Der Magier schleppte ihn zurück unter die Plane und trug Neri, auf Wusch, zu ihm. Er selbst setzte sich neben die beiden und musterte den mürrischen Schatten ausgiebig.
„Was gibt’s da so groß zu gucken?!“, wollte Dark wissen und zog skeptisch eine Augenbraue hoch.
„Du bist also Dark? Der Halbschatten.“, meinte Batun ohne auf Darks Frage einzugehen.
Der Halbschatten? Darunter konnte sich Neri kein Bild machen. Für sie war ein Schatten ein Schatten. Ganz oder nur halb hatte für sie noch nie eine Rolle gespielt.
Dark spuckte verächtlich aus „Und wenn schon!“
Der Alte schüttelte nur den Kopf „Ich wundere mich nur, dass du Neri nicht einfach umgebracht hast.“
„Hätte ich das tun sollen?!“
„Das sollte kein Vorwurf sein.“
„Mir doch egal!“ Gelangweilt verschränkte Dark die Hände hinterm Kopf und lehnte sich an einen Stapel Kisten.
Neri schwieg. Sie wollte sich nicht einmischen, auch wenn es scheinbar um sie ging.
„Eine Frage.“,sagte Batun stirnrunzelnd „Wirst du sie verraten, so wie du auch dein Volk verraten hast?“ Neri erschrack, der Alte war ziemlich direkt.
Mit leerem Blick sah Dark in die Ferne, dann wandte er sich zu dem Magier „Nein!“, antwortete er knapp „Nicht solange ich nicht mein Versprechen eingelöst habe!“
„Versprechen?“, hakte der Magier nach.
Dark grinste breit und sah zu Neri rüber „Erst wenn sich die Kleine vor mir fürchtet.“ Er sprach mit ruhiger Stimme, was Neri ganz und gar nicht gefiel. Es war ungewohnt. Dagegen waren ihr Darks gelegentliche Wutausbrüche um einiges lieber.
„So so.“, machte Batun und rieb sich nachdenklich das Kinn.
Eine Weile verharrten alle in Schweigen. Dark beeugte den Magier missmutig und meinte schließlich „Darf man fragen wer du eigentlich bist? Du tust hier so als wärst du mit uns vertraut, dabei bist du nur ein Fremder!“
Auf die Frage hin lachte der Alte kurz „Mein Name ist Batun. Das ich Magier bin, hast du sicherlich schon bemerkt.“
Dark musterte ihn abfällig dann zuckte er mit den Schultern „Kann sein!“
Das Lachen verstummte. Batun war gereizt, dass sah Neri ihm an. Seine freundliche Maske hielt er zwar aufrecht, darunter aber kämpfte er mit den Nerven. Musste Dark auch so unverschämt sein?
„So, wir haben genug geplaudert! Komm Neri wir gehen!“
Nun erhob sich der Magier und stellte sich dem Schatten in den Weg. Die Maske bröckelte „Hör mir mal zu Halbschatten!“, zischte er „Deine kleine Freundin ist schwer verletzt, aber das scheinsts du blinde Nuss ja nicht zu sehen!“
„Sie ist nicht meine Freundin!“, fauchte Dark zurück und machte einen Schritt auf den Alten zu.
Mit beiden Händen stieß Batun den Schatten zurück, welcher polternd zu Boden stürzte.
„Das wirst du bereuhen, verschrumpelter Opa!“, knurrte Dark und wollte sich erheben, sank aber wieder zusammen.
„In deiner jetzigen Verfassung würde dich selbst ein Kind besiegen!“ Batun schritt auf ihn zu und ging vor Dark in die Hocke „Kannst du mir nicht einfach mal vertrauen, so wie ich auch dir vertraue und wie es auch deine Freundin tut?“
„Sie ist nicht meine Freundin! Und vertrauen tust du mir doch gerade soweit wie du fliegen kannst!“
Neri hatte alles erschrocken mit angesehen. Dark ging es schlimmer als es aussah.
Sie wollte zu ihm, doch als Neri versuchte sich aufzusetzen, schrie sie erneut auf. Sie hatte sich mit den Händen abstützen wollen, der stechende Schmerz jedoch verweigerte es ihr.
„Neri! Alles in Ordnung?“ Batun eilte zu ihr und legte sie wieder auf dem Holzboden ab „Du solltest dich nicht unnötig bewegen.“
„Was hat sie denn?“, fragte Dark jetzt doch ein wenig interessiert und setzte sich mühsam auf.
„Die Kleine wurde von einem Rudel Jagdvögel angegriffen und ist nur deshalb so zugerichtet weil sie dich beschützen wollte!“, erklärte Batun aufgebracht und besah sich Neris linken Arm. Die Wunde war noch immer nicht verheilt, dafür war sie zu tief. Das Mädchen konnte von Glück sprechen das sie überhaupt noch am Leben war, aber selbst das verdankte sie wahrscheinlich nur dem Erbkristall.
„Solange sie nicht wieder bei Kräften ist bleibt ihr am besten bei mir.“
Dark zuckte mit den Schultern und schloss die Augen. Erst das Knurren seines Magens brach die bedrückende Stille.
„Ich kann euch auch was zu Essen kochen.“, sagte Batun und sah zu Dark runter, welcher es sich inzwischen auf einer alten Decke bequem gemacht hatte.
„Super, ich hab nämlich einen rießen Hunger.“
„Mensch Dark! Kannst du nicht wenigstens ein bisschen dankbar sein? Stell dir mal vor Batun hätte uns nicht gefunden. Dann wären wir jetzt beide tot!“, sagte Neri und warf dem Schatten vorwurfsvolle Blicke zu.
„Wieso sollte ich mir das Vorstellen?“, fragte er und öffnete ein Auge „Wir sind doch hier. Was hätte passieren können interessiert mich jetzt nicht mehr.“
Dieser Kerl war ein hoffnungslose Fall, da war Neri sich sicher. Dennoch glaubte sie nach wie vor, dass er eine gute Seite hatte. Auch wenn er dass niemals zugeben würde.

-xXx-

Nervös stand Keiko an der Railing, ein Schwert, welches er von Alia hatte, in der Hand. Sein Blick, welcher kurz zuvor auf die blauen Wellen gerichtet war, huschte nun zu seinem Freund, der nicht allzu weit entfernt stand. Auch Luce spähte angespannt über die Wasseroberfläche.
Vor wenigen Minuten erst waren sie Opfer eines Überraschungsangriffes gewesen. Zwei große, doppelköpfige Schlangen mit gold-braunen Schuppen hatten sie Überrascht, doch nun keine Spur von ihnen. Drei der Halbfisch Mädchen hatten die Bestien mit sich in die Tiefe gezerrt und weder sie noch die beiden Schlangen waren bis jetzt wieder aufgetaucht.
„Was dauert das so lange?“, murmelte Keiko und wagte nicht den Blick vom blauen Nass zu wenden, jederzeit bereit sich zu verteidigen. Er war fest davon überzeugt, dass dieser Kurzangriff nicht als einziger ausbleiben bleiben würde.
Plötzlich stieg ihnen ein beißender Geruch in die Nase, der Geruch von verwehstem Fisch, den man sonst nur an den rießigen Märkten der Küstendörfer roch.
Als nächstes folgte ein Hagel roter Schuppen. Die Halbfischmädchen schrien durcheinander und fletschten die spitzen Zähne.
Entsetzt wandte Luce sich um, er wollte die schuppenbesetzen Hautfetzen der toten Halbfische nicht sehen. Er kniff die Augen zusammen und biss sich auf die Unterlippe, um sich nicht zu übergeben.
Plötzlicher Lärm und Gekreische hohlte ihn in die Wirklichkeit zurück. „Luce! Achtung!“ hörte er Alia von hinten rufen, doch als er das Auge öffnete war es bereits zu spät.
Die Schlangen waren wieder aufgetaucht. Das Problem war nur, dass alle vier Köpfe gleichzeitig auf einen Angriff hinhielten.
Eines der Halbfischmädchen hatte ihn zu Boden gerissen. Sie war noch recht jung und klein.
Geschockt sah Luce, wie sich ein spitzer Tentakel durch ihren zierlichen Körper bohrte. Sie schrie einmal auf, dann wurde sie auch schon in die Luft gerissen, wo sich ihre Schreie mit dem Lärm auf dem Schiff vermischten.
Auf einmal stand Keiko neben ihm und hielt Luce seine Hand entgegen „Los, wir brauchen dich noch!“ Den traurigen Gesichtsausdruck konnte er jedoch nicht verbergen.
Der zweite Tentakel wurde von Keikos scharfer Klinge durchtrennt, als dieser sein Schwert durch die Luft schwingen lies.
„Kannst du sie noch eine Weile aufhalten?“, fragte Luce nun und ohne eine Antwort abzuwarten sprang er auf und rannte davon.
Verblüfft blieb Keiko zurück. Was war denn jetzt wieder? Weiter konnte er nicht denken, denn der nächste Tentakelangriff lies nicht lange auf sich warten.
Luce versteckte sich schnell unter einer Plane, kaum das er sie erreicht hatte. Er lief nicht davon, er war nur nicht der Typ der einfach drauflos schlug. Gespannt und aufmerksam beobachtete und studierte er die Ungeheuer.
Zwei doppelköpfige Schlangen, mit schwarzen Hörnern auf dem Kopf und davon links und rechts fächerartige Schwimmhäute aus dessen Enden sich die durchsichtigen Tentakel lösten um ihre Beute in ein rießiges Maul mit scharfen Reiszähnen zu werfen.
Sie kamen nicht näher an die Biester heran, wenn sie von diesen Tentakeln erwischt wurden. Vielleicht sollte man sich dann erst um die fächerartigen Schwimmhäute kümmern? Aber wie kamen sie bis nach oben an die Köpfe? Springen, nein lieber nicht, viel zu unsicher. Also wie dann?
Luce hätte am liebsten weiter überlegt, doch einer dieser Tentakel hatte sein Versteck gefunden und richtete sich jetzt geährlich vor ihm auf.
„Mist!“, fluchte Luce und legte die Arme wie ein liegendes Kreuz übereinander. Sein kupferfarbenes Haar wehte wild umher und die schwarze Augenklappe über seinem Magierauge löste sich. Kurz bevor die Tentakelspitze auf ihn niedersaußte  riss er die Arme auseinander. Schwarzes Blut befleckte den Holzboden des Schiffes, als der Angreifer entzwei riss.

Rücken an Rücken standen Alia und Keiko beieinander, umzingelt von zwei der Schlangenköpfe und derren langen Tentakeln. Sie kämpften nun schon eine gefühlte Ewigkeit, ohne dabei irgendwelche Fortschritte zu machen, nur Verluste.
Alia zückte ihre Armbrust und zielte. Ein schneller Pfeil rammte sich tief in das schwarze Auge der einen Bestie. Der Kreis aus Tentakeln löste sich und diesen Moment nutzte Keiko um daraus zu entkommen. Ein zweiter gezielter Pfeil lies das Monster erblinden. Mit lautem Gekreische und Gefauche stürzte der Schlangenkopf auf das Schiff. Mit kräftigen Hieben schlug Keiko auf die Schwimmhäute an der Kopfseite ein. Luce Tipp war gut gewesen, sich erst um die Tentakeln zu kümmern. Erst vor kurzem hatte dieser gedanklichen Kontakt mit ihm aufgenommen. Zwar war Keiko sich nicht mehr sicher, ob Luce wirklich nur ein Lehrling war, aber im Moment war er einfach froh darüber, dass dieser sich in vielen Teilen der Magie auskannte.
„Tut mir leid, ich habs nicht schneller geschafft!“, rief Luce als er auf sie zu rannte.
„Wurde aber auch mal Zeit!“, gab Alia zurück und zwinkerte dem Ankömmling zu.
„Gut, den hier habt ihr im Griff, ich kümmer mich um den anderen!“, damit wandte sich Luce um und stellte sich einem der anderen Schlangenköpfe entgegen.
Im Gegensatz zu den anderen, so glaubte Luce zumindest, konnte er schon lange mit der Kraft des Erbkristalls umgehen. Zwar wusste er genau das ihn dieser Angriff zum Äusersten treiben würde, doch er hatte keine Wahl. Zu lange hatte die Schlacht nun gedauert, und das einzige was zunahm war die Anzahl der Opfer. Wenn er wirklich was erreichen wollte, musste er bereit sein alles zu Riskieren.
Entschlossen zog er den Erbkristall an der Kette hervor und hielt ihn vor sich. Seine freie Hand hielt er vor den farblosen Stein in der Luft. Goldenes Licht ströhmte aus dem Inneren des Kristalls und färbte ihn in hellen warmen Tönen. Sein normales Auge verlor Iris und Pupille, und glich sich seinem Magieerauge an.
Der Stein an der Kette begann zu vibrieren und lies die Luft beben. Stille kehrte auf Deck ein. Das Gekreische der Schlangen, das Fauchen der Halbfische und der Lärm der blutigen Schlacht verebbte. Sie alle starrten zu Luce, welcher sich gemeinsam mit dem Erbkristall in die Luft erhob. Er hielt die Hände übereinander, als würde er eine kleine Kugel in den Händen, vor seiner Brust halten. Zusammen mit den wild wehenden Haaren, hatte er den Kopf in den Nacken gelegt und erhob die glühenden Handflächen.
Die Köpfe der Schlangen blickten bedrohlich zu ihm und langsam kamen sie auf Luce zu. Doch kaum waren sie bei ihm angelangt, öffnete er die zuvor geschlossenen Augen und drehte sich geschwind um die eigene Achse. Ein goldener Lichtstrahl, der von seinen Händen ausging, trennte die grotesken Köpfe von den langen geschuppten Hälsen, bevor sie mit großen Fontainen zurück ins Meer fielen. Die kopflosen Schlangenkörper blieben starr aufrecht und färbten das Wasser unter ihnen tiefschwarz, bevor sie schlaff und leblos zusammensackten. Aufgeregte Schreie ertönten und die Halbfischmädchen brachten sich schleunigst in Sicherheit, um nicht von den rießigen Körpern erschlagen zu werden, die nun auf sie nieder krachten.
Auch Keiko und Alia hatten sich schnell in Deckung bringen müssen. Aus ihrem Unterschlupf heraus, konnten sie beobachten wie Luce schlaffer Körper zusammenbrach und fiel.
„Nein!“, schrie Keiko und rannte los. Luce war ins Wasser gestürzt und in den schwarzen Tiefen verschwunden.
Eine schwere Hand legte sich auf seine Schulter „Mach dir keine Sorgen, er wird schon nicht ertrinken.“, beruhigte ihn Alia, bevor sie mit einem scharfen Pfiff zwei ihrer Halbfische zu sich rief. Die Beiden verstanden sofort und tauchten mit gekonnten Kopfsprüngen in die dunkle Finsternis hinab.
Erleichtert atmete Keiko auf. Er hatte vergessen, dass sie auf einem Schiff voll von Wasserwesen waren und diese natürlich auch seinen Freud retten konnten.
Kurz darauf tauchten die zwei Mädchen wieder auf, in ihrer Mitte der bewusstlose Luce. Alia half ihnen den kraftlosen Körper an Deck zu ziehen. Zwar klebte das schwarze Blut der Meeresungeheuer noch an ihm, doch Luce lebte.
„Ein Glück.“, sagte Alia nachdem sie seinen Puls gefühlt hatte. Mit kräftigem Druck ihrer Handflächen auf seine Brust, presste sie das Wasser aus seinen Lungen und kurz darauf fing er prustent an zu husten.
„Ich hasse es den Stein zu benutzen.“, murmelte er und setzte sich auf.
Misstrauisch runzelte Alia die Stirn „Du kannst mit dem Erbkristall umgehen?“
Luce nickte „Ich weiß es ist komisch, aber dass konnte ich schon seit ich ihn erhalten habe, seit ich ein Kind war.“
Sprachlos stand Keiko da und wusste nicht genau was er sagen sollte. Als Kind? Solch eine Kraft? Er wollte sich garnicht vorstellen was passieren würde wenn einer der Erbkristalle in die falschen Hände geriet. Sofort musste er an Neri denken, die von dem Schatten entführt wurde. Mit heftigem Kopfschütteln warf er diesen Gedanken aus seinem Kopf. Er wollte es nicht drauf ankommen lassen das Unglück herauszufordern. Zu oft schon hatte er in diesem Spiel verloren.
„Hat es wenigstens funktioniert?“, fragte Luce mit schwacher Stimme und atmete tief durch. Den Kopf hatte er gesengt und schwarzes Wasser tropfte von seinen Haarspitzen.
Alia seufzte und lächelte wieder „Ja, hat es. Danke, du hast uns alle gerettet.“
Langsam kamen die Halbfischmädchen aus ihren Verstecken und näherten sich ihnen. Schwach hob Luce den Kopf und sah sich um.
„Dennoch gab es so viele Opfer.“, murmelte er bedrückt und lies den Kopf erneut hängen. Zertrümmerte und zerstückelte Körper an Deck, von den Tentakeln zerrissen oder von Schiffsteilen zerdrückt. Schiff? Als dieses konnte man ihr Schlachtfeld nicht mehr bezeichnen. Der Mast war zusammen mit Teilen der Railing eingestürzt, die Holzfugen aufgerissen, wiesen an mehreren Stellen große Löcher auf. Die Segel zerfetzt und blutverschmiert. Schwarz und rot auf hellblauem Hintergrund.
Alia hatte Luce Blick bemerkt und ging neben ihm in die Hocke „Auch wenn wir viele Verluste erlitten haben, es hätte noch viel schlimmer enden können, meinst du nicht?“
„Ich hätte früher handeln müssen!“, schrie Luce und schlug mit der Faust auf den harten Schiffsboden.
Keiko schüttelte den Kopf „Du hast getan was du konntest! Warum glaubst du eigentlich alles allein schaffen zu müssen! Wir sind auch noch hier und wir sind auch nicht schwach! Hör auf die ganze Last auf deinen Schultern tragen zu wollen, irgendwann brichst du daran zusammen!“, schrie Keiko ihn an, die Hände zu Fäusten geballt.
Er war so wütend auf Luce. Glaubte er wirklich er müsse sie alle beschützen? Das konnte er überhaupt nicht! Er musste sich einfach mal auf ihn verlassen, so wie er sich darauf verließ, dass Yui und Neri unversehrt waren. Luce musste einfach mal mehr Vertrauen!
„Aber…“, schluchzte er und schniefte. Keiko presste seine Lippen zusammen um nicht wieder los zu brüllen.
„Es ist trotzdem meine Schuld! Alles meine Schuld!“
Das war zu viel. Keiko holte aus und schlug Luce kräftig mit der Faust ins Gesicht. Sein Kopf flog zur Seite und sein Schluchzen verstummte.
„Kannst du mir nicht einmal zu hören?!“, fragte er aufgebracht „Du sollst uns endlich mal Vertrauen, uns nicht wie schwächliche Kinder behandeln!“
Luce antwortete nicht, er hielt sich nur den schmerzenden Wangenknochen und schwieg.
„Ist gut.“, sagte er schließlich und erhob sich. Er ballte die Hand zur Faust und schlug zu. Mit lautem Krachen ging Keiko zu Boden und faste sich unter die Nase. Warmes Blut lief ihm über die Finger und er sah wütend auf „Du…!Na warte!“
„Wir sind quitt!“, erklärte Luce und lachte triumphierend auf.
Gerade wollte Keiko wieder auf ihn losgehen, als Alia ihn am Arm zurückhielt „Wie zwei Kinder.“, sagte sie und schüttelte den Kopf.

Mittlerweile war es wieder Abend geworden und die Sonne verschwand hinter der regungslosen Wasseroberfläche, tauchte das Meer in einen warmen Farbton, der sich am Himmel spiegelte.
Da das Schiff komplett zerstört war und sie dieses nicht mehr für die Weiterreise benutzen konnten, hatte Alia eines der unbeschädigten Rettungsbote zu Wasser gelassen.
Nun saßen sie zu dritt in dem kleinen Bötchen und ließen sich von einigen der Halbfische zurück ans Ufer ziehen. Alia hatte beschlossen die zwei Jungs auf ihrer Reise zu begleiten, da sie ihrer Aufgabe, als Hüterin der Halbfische nicht mehr nachkommen konnte. Die Mädchen hatten ihrer Herrin zum Abschied eine hellrote Wallhornmuschel geschenkt, mit der sie jederzeit deren Hilfe in Anspruch nehmen konnte. Die meisten waren am Schiff zurückgeblieben, sie würden versuchen es wieder zu reparieren, doch dass würde dauern und diese Zeit hatte Alia nicht. Sie konnte nicht solange bei ihnen bleiben, aber sie würde wiederkommen, dass hatte sie ihnen versprochen. Die wenigen Halbfische die sie ans Ufer begleiteten, schwammen nun neben dem Bot her. Sie zogen es durchs Wasser und brachten dessen Insassen sicher an Land.
Dort angekommen verabschiedete sich Alia auch schon von ihren Begleitern und lies sie versprechen auf sich Aufzupassen.
Zwar verstand Keiko das Verhältnis zwischen Alia und den Mädchen nicht, da diese so gut wie nie redeten und nur beobachteten, aber er wusste das sie Alia sehr am Herzen lagen. Die junge Frau weinte still, als ihre Schützlinge in den Tiefen des Meeres verschwanden.
„Wenn du sie so vermisst, warum bist du dann mit uns gekommen?“, fragte Luce ausdruckslos und setzte sich ans Ufer.
Alia antwortete nicht, sondern hielt den Blick weiter in die Ferne gerichtet.
„Ich meine, du hattest ja die Wahl.“
Sie seufzte „Mag sein, dass ich mich hätte entscheiden können, zwischen euch und ihnen und glaubt mir am liebsten wär ich bei ihnen geblieben. Aber wie kann ich ihnen mehr helfen? Auf einem zerstörten Schiff sitzen und zusehen wie sie es reparieren? Oder euch zu helfen und das Land retten?“ Sie wischte sich die Tränen davon und setzte sich neben Luce „Weist du, ich bereue nie etwas.“
Verwundert hob Keiko die Augenbrauen. Nie etwas bereuen? „Hattest du noch nie ein schlechtes Gewissen?“, fragt er.
Sie lachte kurz „Natürlich hatte ich das schon mal, aber was hilft es dir? Im Endeffekt kannst du, was auch immer du falsch gemacht hast, nicht rückgängig machen, oder?“
Er dachte nach. Wenn er ehrlich war, hatte sie schon Recht mit dem was sie sagte, dennoch konnte er das nur schwer glauben. Etwas zu bereuen hieß doch mit anderen Worten, sich für etwas falsch getanes zu schämen. Im Leben macht man immer Fehler, die man später bereut.
Das was Keiko am meisten bereue war, dass er Yui und Neri im Königsschloss allein gelassen hatte. Wäre er mit gegangen, hätte der Schatten Neri nicht entführt. Sie hätten sich nicht getrennt, würden jetzt nicht in Schwierigkeiten stecken. Vielleicht, wenn er recht überlegte, hätten sie nie ihr Dorf verlassen dürfen. Hätten sie nicht dem Ruf der Soldaten gefolgt, wären sie jetzt nicht hier wo sie waren. Und zwar jeder an einem anderen Ort.
Keiko vertrieb die Gedanken schnell. Es half alles Bereuen nicht. Dass war es wahrscheinlich was Alia meinte. Es lohnte sich nicht etwas zu bereuen, weil man es im Grunde nicht ändern konnte, man konnte nur dass Beste daraus machen.
„Also, worauf warten wir?“, fragte er und sah in zwei fragende Gesichter.
„Wenn wir es bereuen jetzt hier zu sein. Du Alia, getrennt von deinen Halbfischen. Du Luce, abgehauen von dem Haus deines Meisters um mit mir auf Reise zu gehen. Es hilft nichts. Wir können nicht wieder zurück, wir können nur weiter.“
„Und wohin?“, fragte Luce unmotiviert.
Keiko lächelte „Wir haben doch ein Ziel.“
„Ähh, wirklich?“
„Entweder hörst du nie zu, oder du hast ein Gedächtnis wie ein Sieb.“, meinte Keiko und grinste ihn vielsagend an „In den Osten, nach Ligon ins versteckte Dorf der Feen!“
Alias Miene hellte sich auf „Du hast Recht!“ sie sprang auf „Ich weiß den Weg noch, ich hab ihn mir auf der Karte gut eingeprägt.“
Nun fing auch Luce an zu schmunzeln. Er konnte garnicht anders als Nachgeben. Zwar kannte er Keiko noch nicht so lange und Alia noch weniger, doch die kurze Zeit, die sie schon gemeinsam verbracht hatten, hatten eindeutige Spuren hinterlassen. Wie konnte er ihnen nicht vertrauen? Sie waren doch alles andere als schwach. Sie hatten etwas was er nicht hatte. Zuversicht. Und zwar auf eine Zukunft, auf einen Weg der sie dorthin führte. Und er? Er konnte nicht anders als ihnen zu folgen.

5.Kapitel

Kapitel 5

Das erste was Yui nach ihrem Erwachen sah, waren zwei abstrakte Kreaturen. Grüne Haut mit zwei krummen Hörnern auf dem Kopf. Ein beißender Geruch drang zu ihr vor und lies sie benebelt die Augen schließen. Yui zweifelte nicht, dass dieser Getsank von der zerfetzten Kleidung der Monster stammte, oder dessen hässlichen Fratzen.
Einer der beiden drehte sich plötzlich um. Stechend gelbe Augen funkelten ihr entgegen und er nickte seinem Kollege zu, welcher nur gelangweilt grunzte.
Erst jetzt bemerkte Yui die rauen Seile um ihre Hand- und Fußgelenke. Entsetzt schrie sie auf und wollte sich aus ihren Fesseln befreien, doch die Kreatur stopfte ihr rasch einen ebenso miefenden Lappen in den Mund. Yui überkam ein Gefühl sich zu übergeben und hätte sie nicht die Ursche dafür im Mund, hätte sie es womöglich auch getan.
Die Monster kamen auf sie zu und hieften sie auf die Beine. Ohne zu zögern riss Yui ihren Kopf nach vorne und stieß so eine der Kreaturen von ihren Beinen. Sie landete am Boden und Yui sah zufrieden wie dunkel das Blut von seiner Stirn lief. Die andere Kreatur packte sie nun grob am Haar, sie schrie schmerzhaft auf, als er sie vom Boden hob und der Lappen aus ihrem Mund fiel.
Es tat höllisch weh. Ihre Kopfhaut schmerzte und brannte, durch ihre Haare an denen sie gut einen halben Meter über dem Boden gehalten wurde. Tränen traten aus ihren Augen.  Continue reading »

„Lasst mich los! Sofort!“, heulte sie und wimmerte auf, als die andere Kreatur ihr mit der Faust ins Gesicht schlug. Der Schmerz vermischte sich und Yui konnte nicht mehr sagen, ob er nun von ihrem Kopf oder ihrer Nase stammte. Vor ihren Augen traten kleine schwarze Flecken auf. Erneut traf sie die Faust, diesmal an der Schläfe, den dadurch entstandenen Schmerz nahm sie schon nicht mehr war. Allein das warme Blut, welches ihr seitlich am Kopf entlang lief, erinnerte sie daran das sie noch am Leben war.
Ein einziger Gedanke lies sie standhalten, sorgte dafür, dass sie bei Bewusstsein blieb und den Schmerz ertrug. Die Tatsache, dass sie diese zwei Monster später in die Hölle schicken würde! Ein Grinsen breitete sich auf ihrem Gesicht aus und sie fing an zu lachen.
Von ihrer Reaktion verunsichert stoppte die Kreatur mit ihren Schlägen. Yui warf den Kopf in den Nacken und begann hysterisch zu lachen und zu schreien.
Misstrauisch tauschten die zwei Wesen unsichere Blicke um wieder zu ihrem Opfer zu schauen.
Helles rotes Licht strömte von ihrer Brust aus. Es war der Erbkristall an ihrer Kette. Das warme Licht gab ihr Kraft, gab ihr Mut und Entschlossenheit.
Die Kreatur lies ihre Haare los, worauf Yui zu Boden ging und dort liegen blieb. Für einen kurzen Moment war alles ruhig. Weder die Kreaturen noch Yui rühten sich. Eine beängstigende Stille trat ein.
Schwerfällig erhob sich das Mädchen. Der Kristall leuchtete mitlerweile dunkelrot und lies die Luft vibrieren. Yui hatte das Gefühl, als würde ihr Körper von allein handeln, denn sie hatte keine Kontrolle über das was nun geschah. Ihre Haare wehten wild um ihr Gesicht und in ihren Augen zuckten rote Blitze. Mit einem Ruck entriss sie sich ihren Fesseln und breitete die Arme aus.
Die Kreaturen wichen zurück bis in ihren Rücken nur noch die kalte Wand war, die zu dem Haus gehörte in dem sie sich befanden. Um Yuis Fingerspitzen kreisten glühende Funken, welche ihre Haut gefährlich rot schimmern liesen.
Yui wusste nicht wie ihr geschah. Es war als wäre sie bloß eine kraftlose die nur ihren Bewegungen nachgab. Noch ehe die Kreaturen wussten wie ihnen geschah, explodierte auch schon das Gebäude mit einem lauten Knall und schleuderte Yui hinaus.
Keuchend und schwer atment rappelte sie sich wieder auf und stützte sich auf ihre Knie. Von dem Haus und den beiden Kreatuten keine Spur mehr. Nur noch ein Haufen Asche.
Selbst erschrocken von ihren Kräften umklammerte Yui den Kristall. Er hatte aufgehört zu glühen und wieder seine Ursprüngliche Farbe zurück.
Was war eben geschehen? Hatte der Erbkristall sie beschützt? Es musste so gewesen sein, eine andere Erklärung gab es nicht.
Yui stand auf und sah sich um. Sie war im Dorf Ligon, kein Zweifel, denn sie sah deutlich die hohe Mauer die sich in einem Kreis um sie schloss. Yui hatte gedacht Ligon wäre ein kleines Dorf, so war es zwar auch, doch Ligon war ein Dorf im Wald. Um sie herum standen überall Bäume, die man von außen nicht gesehen hatte. Vereinzelt standen kleine Häuschen zwischen den breiten Stämmen. Menschen sah man keine, doch von der Explosion angelockt erschienen mehrere der grünhäutigen Kreaturen. Rasch versteckte sich Yui unter den Bäumen und besah sich das Schauspiel aus der Ferne.
Aufgebracht hobbsten einige herum, andere schlugen wütend auf ihre Kameraden ein. Plötzlich tauchte eine andere Gestallt auf. Mindestens zwei Meter groß. Langes helles Haar, aschgraue Haut und schwarze Flügel auf dem Rücken. So ein Monster hatte Yui noch nie gesehen.
„Sucht sie, sie muss hier noch irgendwo sein!“ Die Stimme mit der er sprach, war tief und dunkel, hatte aber auch etwas was klang, als würde man Metall auf Metall schlagen.
Sofort schwärmten die kleinen Kreaturen aus und verschwanden zwischen den Bäumen.
Was war das für ein Wesen? Ein normales Monster konnte es nicht sein, es hatte schließlich eine menschliche Stimme. Sie hatte jetzt keine Zeit darüber nachzudenken, immerhin musste sie schleunigst zusehen, dass sie von hier verschwand, wenn sie nicht wollte das man sie fand.
Yui duckte sich im Unterholz und überlegte ihr weiteres Vorgehen.
Was war hier bloß geschehen? Das war doch Ligon, oder hatte sie sich vertan? Nein, sicher nicht. Auf ihrer Karte, die sie mitbekommen hatte, war Ligon genau hier. Wie sollte sie hier bloß den jungen Träger finden?
Mit einigen Mühen schaffte es Yui schließlich unbemerkt auf einen der Bäume zu klettern. Ärgerlich tastete sie nach ihren Waffen. Weg! Alle weg! Ihr Bogen, ihre Pfeile, sogar ihr Dolch und ihr Messer waren fort! Entnervt knirschte sie mit den Zähnen.
Wie konnten diese verdammten Königsleute sie in ein solches Gebiet schicken? Wussten die denn nicht das Ligon von Monstern eingenommen wurde? Egal, sie konnte sich auch später noch beschweren.
Ein Grunzen brachte Yui schließlich in die Realität zurück. Unter ihr schnüffelte ein einzelner Grünhäuter in einem Busch. Er hatte sie noch nicht bemerkt. Diese Gelegenheit nutzte Yui und ließ sich fallen. Geschickt landete sie auf auf den Schultern des Monsters und hielt ihm die hässliche Fratze zu, damit dieser nicht Alarm geben konnte. Mit der freien Hand fischte sie nach dem Gürtel ihres Gegners und bekam den Griff einer Waffe zu spüren. Ohne zu überlegen hatte sie das Messer schon in der Hand und rammte es der sich wehrenden Kreatur in den haarlosen Schädel. Es knackte und schwarzes Blut quoll hervor, das dem taumelnden Monster über das schmerz- und wutverzerte Gesicht lief. Yui lies ihn nicht los. Ihre eine Hand blieb auf seinem Mund, die andere hielt das Messer. Erst als der Grünhäuter zusammenbrach und sich nicht mehr rührte, lies sie ihn los und stand von ihm auf. Angewiedert betrachtete Yui ihre Handflächen. Die eine beschmiert mit schwarzem Blut, die andere aufgeweicht von schleimigen Speichel. Sie schüttelte sich einmal und schmierte ihre Hände an ein paar Blättern ab.
„Naja, immerhin etwas.“ Zufrieden linste Yui zu der scharfen Waffe die noch immer im Kopf der Kreatur steckte. Sie zog es heraus und besah sich die dunkle Klinge. Sie glänzte vom Blut, war beidseitig scharf und wies an der linken Schneide grobe Zacken auf. Eine solche Waffe hatte sie noch nie gesehen. Auch war sie länger als ein Messer, aber kürzer als ein Dolch. Stirnrunzelnd wischte sie das schwarze Blut von der Klinge.
Nachdem sie wieder auf einen Baum geklettert war und suchend nach weiteren Ungeheuern ausschau hielt, bemerkte sie das die Sonne bereits wieder unterging.
„Na super.“ Die Dunkelheit würde ihr auch nicht helfen den Träger zu finden, oder doch?
Yui wartete bis die Sonne hinter den Hügeln am Horizont verschwunden war, dann sprang sie leise aus ihrem Versteck.
Das es nun dunkel war, erleichterte ihr zwar nicht die Suche, half Yui aber sich unbemerkt weiter ins Walddorf vorzuschleichen. Ligon war größer als sie gedacht hatte. Eigentlich hätte es ihr auch schon draußen vor der Mauer auffallen müssen. Sie verschwendete keine Gedanken mehr an unwichte Dinge und konzentriete sich darauf leise auf eines der Häuser zu zuschleichen. In einem der Fenster brannte Licht und Yui glaubte gedämpfte Stimmen zu hören.
Prüfend sah sie sich, soweit sie konnte, in der Dunkelheit um. Niemand zu sehen. Leise schlich Yui zu dem Haus und lugte in den beleuchteten Raum.
Hinten an der Wand saßen die Bewohner Ligons, jedenfalls die die noch am Leben waren. Gegenüber der zitternden Leute lag ein Haufen aufeinandergestapelter Leichen. Frisches und bereits getrocknetes Blut leuchtete im Schein der Kerzen um die Wette.
Alle Versammelten, ob tot oder lebendig, besaßen, zu Yuis Erstaunen lange spitze Ohren und transparente Libellenflügel auf ihrem Rücken. War Ligon etwa dieses versteckte Feendorf?
Sie hatte zwar nicht besonders viel über Feen gehört, doch wusste Yui, dass diese ihre Existenz von der Außenwelt abschirmten. Nie hätte sie gedacht einmal wirklich welche zu sehen, geschweigedenn ihr Dorf zu finden.
Zwischen den Toten und den noch lebendigen Feen standen zwei der Grünhäuter. Yui überlegte nicht lange. Zwei? Die schaffte sie doch locker!
Mit gezieltem Tritt zersprang das Fenster und spitze Scherben bohrten sich unsanft in Yuis Haut, doch das hielt sie nicht davon ab in den Raum zu springen und dabei einen der Kreaturen mit zu Boden zu reißen.
Ihre Faust traf die grässliche Fratze. Sie hohlte zu einem weitern Schlag aus, doch die zweite Kreatur riss Yui von seinem Kollegen runter.
Die Gefangenen rühten sich nicht. Mit geweiteten Augen, sahen sie dem Schauspiel zu, aber die meisten fixierten den gläsernen Kristall um Yuis Brust. War ihre Rettung gekommen? Würde sich ihre Prophezeihung erfüllen? Der Stein bewies es. Die Krieger des Erbkristalls waren zurück!
„Ihr dreckiger Abschaum!“, fauchte Yui und stach mit dem Messer in das Bein ihres Wiedersachers. Mit lautem Heulen lies er sie los. Sofort wirbelte sie herum und stieß die Klinge zwischen die Augen des Grünhäuters. Der Zweite knurrte gefährlich und schlug ihr mit schnellen Fingern das Messer aus der Hand. Yui fluchte und sah auf ihre Hand die zu bluten anfing. Die Krallen des Monsetrs hatten tiefe Kratzter hinterlassen. Sie wollte sich umdrehen und zuschlagen, doch ihr Gegner packte sie am Arm und stieß sie unsanft zu Boden. Mit den Füßen fixierte er ihre Hände und Yui schrie leise auf als sich die kantigen Sohlen der Stiefel in ihre Handrücken bohrten. Der Grünhäuter lachte gehässig, wenn man das so interpretieren konnte.
Vor Yuis Augen wedelte die Kreatur mit der eben entwendeten Waffe und grinste boshaft. Er hohlte aus und ließ die Klinge schließlich klirrend zu Boden fallen. Er röchelte noch ehe der leblose Körper kraftlos in sich zusammen sackte.
Yui sah auf. Vor ihr stand ein kleiner Junge. Blondes wuscheliges Haar stand wild von seinem Kopf ab und wurde hinten mit einem Band zusammengebunden. Er trug eine weite kurze rote Hose und ein gleichfarbiges Oberteil, welches über seinem Bauchnabel aufhörte. Auf seinem Rücken hingen die langen transparenten Libellenflügel, die wunderbar mit seinen türkiesnen Augen harmonierten. Sein liebliches und feenhaftes Aussehen wurde jedoch von seinen schwarzen Halbhandschuhen aus Leder und den hohen Stiefeln des gleichen Materials gestörrt. Kleine spitze Nieten an Knöcheln und Sohlen funkelten gefährlich, wobei die an seiner rechten Hand schwarz von Blut gefärbt waren.
Der Junge sah kühl auf sein Opfer herab, bevor er Yui die Hand reichte.
„Wie ich sehe bist du eine Trägerin.“, stellte er fest und musterte den Kristall an ihrer Kette.
Noch etwas überrumpelt stand sie auf „Du hast mich gerettet.“, sagte Yui nur und steckte den Erbkristall schnell wieder weg.
Leicht beleidigt verzog der Kleine das Gesicht „Du vertraust mir nicht, dabei hast du keinen Grund dazu. Ich bin immerhin auch ein Träger.“
Verblüfft sah Yui ihn an „Dann bist du Taro?“ Der Junge nickte „Ja, so werd ich genannt.“
Suchend musterte Yui ihn „Wo ist dein Teil des Erbkristalls.“
Verlegen kratzte sich Taro am Kopf „Tja, das ist mir jetzt ziemlich peinlich, aber…ich hab ihn entwendet bekommen.“
„Was?!“ Entsetzt packte sie ihn an der Schulter „Wer hat ihn?!“
Ein leises Räuspern stoppte Yui dabei, den armen Taro durch zu schütteln. Ihr Blick ging zu der versammelten Gruppe an Feen, die noch immer schweigend und ängstlich auf dem Boden saßen. Yui hatte sie total vergessen.
Eine Frau mit langem gelockten Haar hob traurig den Kopf „Werdet Ihr uns hier raushohlen, verehrte Trägerin?“ Ihre Stimme zitterte etwas und sie sprach sehr leise. Die übrigen Feen nickten und in ihren Augen funkte ein Keim Hoffnung.
Yui besah sich die versammelte Runde. Keiner der noch Lebendigen schien ernsthaft verletzt.
„Warum seid ihr nicht schon viel eher geflohen?“
Keiner Antwortete. Die Feen sahen betrübt zu Boden.
„Wegen Jekatin.“, brach Taro die Stille und stellte sich vor seines Gleichen. Jekatin? Wer sollte das sein?
„Jekatin ist ein Dämon.“, erklärte Taro „Er kam zusammen mit einigen Monstern nach Ligon und noch bevor wir uns wehren oder fliehen konnten, hatte er unser Dorf bereits eingenommen.“
Ein Dämon? Soweit Yui wusste waren Dämonen nahezu unbesiegbar. War das dieser Mann den sie vorhin gesehen hatte?
„Anfangs haben wir uns noch verteidigt, doch jeder der sich Jekatin oder einem seiner Kreaturen wiedersezt hatte, wurde gnadenlos ermordet.“, fuhr Taro fort „Er hatte nichtmal Scheu davor kleinen Kindern das Leben zu nehmen.“
Kleine Kinder? Yui wurde schlecht, und unterdrückte den Drang zu dem Leichenstapel zu sehen.
„Aber du bist doch ein Träger, wieso hast du nichts getan?“ Es klang wie ein Vorwurf, doch Taro lies sich nicht beirren.
„Wie schon gesagt, mir wurde der Erbkristall entwendet, sobald sie herausgefunden hatten, dass ich ihn bei mir trug. Ich kann nicht ein ganzes Dorf vor einem Haufen Monstern und einem Dämon beschützen!“
„Warum flieht ihr dann nicht? Ich dachte immer Feen benutzen ihre Flügel auchmal!“
„Die Wachen schießen uns vom Himmel!“, erklang die Stimme eines kleinen Mädchens, worauf die anderen Feen wieder zustimmend nickten.
Yui seufzte. Ihre Lage war nicht gut. Nicht nur das sie kaum Möglichkeiten zur Flucht besaßen, von einem Haufen Grünhäuter und einem Dämon bewacht wurden, und Taro seinen Krisatll verloren hatte, nein, jetzt saß sie selber auch noch in der Patsche. Sie mussten fliehen, egal wie. Yui hatte eine Aufgabe, sie hatte ein Ziel, einen Auftrag. Sie konnte nicht hier bleiben, und sie konnte die Bewohner Ligons nicht im Stich lassen.
Fieberhaft dachte sie nach. Suchte nach Fehlern oder Lücken in der Bewachung des Dorfes.
„Hört zu.“, verkündete sie schließlich leise und hockte sich vor die versammelten Feen „Ich habe eine Idee.“

-xXx-

Zitternd gaben Keikos Beine nach und er landete unsanft mit den Knien auf Fels. Er konnte dieses Gefühl nicht beschreiben. Es war entsetzlich. Als würde es ihn von innen zerreisen, nur um sich hier an einer Felsenklippe, bei der er nicht mal wusste wo er war, wieder zusammenzusetzen. Keikos Glieder schmerzten noch immer und er krümmte sich am Boden. Dieser Druck, der seinen Körper wieder zusammendrückte.
„Was… war das?“, keuchte er und stützte sich benommen auf seine Handflächen. Auch Luce lag am Boden und versuchte krampfhaft sein Zittern zu kontrollieren „So eine Art… Teleportation.“, brachte er zwischen zusammengepressten Zähnen hervor.
„Das hat sich eher angefühlt wie eine Foltermaschine.“
„Erstens, war das kein Folterinstrument, sondern Magie.“, klärte Luce ihn auf „Zweitens kannst du froh sein das es überhaupt geklappt hat.“
Fassungslos starrte Keiko seinen Freund an „Willst du mir damit sagen, dass wir hätten draufgehen können?!“
„So ungefähr, ja.“ Luce lächelte und stand langsam auf. Er schwankte zwar noch etwas, blieb jedoch stehen. „Um Ehrlich zu sein, hab ich das zum ersten Mal gemacht. Mein Meister hat mir verboten mich zu teleportieren, es sei denn es ist wirklich ein absoluter Notfall. Immerhin kann man ja nie wissen ob man auch heil wieder an kommt.“ Er schmunzelte ein bisschen.
Ängstlich tastete Keiko seinen Körper ab, nur um sicher zugehen, dass er auch komplett war. Sein Blick fiel auf seine rechte Hand. Es war die Hand die kurze Zeit mit dem Schatten verschmolzen war. Zu sehen waren jetzt kleine schwarze Linien, die sich um seine komplette Hand legten ohne dabei auf irrgendwelche Verläufe zu achten.
Luce trat näher und besah sich die Stellen an Keikos Haut „Besser wir suchen einen Heiler auf.“, meinte er und half ihm auf die Beine.
Nachdenklich wandte Keiko seinen Blick von seiner Hand und lies ihn über seine Umgebung schweifen. Wo waren sie hier? Sie standen auf einer Felsenklippe und dahinter erstreckte sich das strahlend blaue Meer, auf welchem sich die Sonne spiegelte.
Auch Luce war ratlos „Ich denke wir sind irgendwo im Süden Mamorias.“
„Du hast uns hierhergebracht, also bring uns auch wieder von hier weg. Aber nicht mit teleportation, wir nehmen…“ er brach ab und sah sich suchend um „Wo ist mein Pferd?“
Luce sah bedrückt drein und sagte schließlich „Ich musste es zurücklassen. Die Gefahr ist größer das was schiefgeht wenn wir zu viele sind.“
„Und wie sollen wir jetzt hier wegkommen?!“, wütend trat Keiko gegen einen Stein. Er flog durch die Luft und über den Rand der Klippe hinaus, bis er dahinter verschwand.
„Zu Fuß?“
Keiko lachte verächtlich auf „Wenn wir zu Fuß gehen sind wir entweder verhungert, bevor wir das nächste Dorf erreicht haben, oder werden Opfer von Jagdvögeln.“
Da hatte er Recht. Keiner der beiden kannte sich hier aus, beziehungsweise wusste keiner wie weit das nächste Dorf entfernt war. Würden sie zu lange brauchen, wären sie leichte Beute der Jagdvögel. Scheußliche Monster die es auf Reisende abgesehen hatten. Lautlos fliegen sie mit ihren schönen weißen Schwingen an einem vorbei, dann packen sie ihr Opfer und man sieht es nie wieder.
Unter normalen Umständen würden ihnen diese Kreaturen nichts anhaben können, doch im Moment waren sie beide unbewaffnet. Bedrückende Stille brach ein, in der keiner es wagte etwas zu sagen.
Luce Blick glitt über das weite Blau und verlor sich zwischen den Wellen. Ein Schiff. Das wäre die Rettung. Doch nichts war zu sehen.
„Ich bin dir am Ende doch dankbar.“, brach Keiko das Schweigen und sah auf. Irritiert suchte Luce in Keikos Worten nach einem Sinn, blieb jeodch erfolgslos „Was meinst du jetzt damit?“
„Ich meine, auch wenn wir jetzt hier ohne einen Plan sitzen, bin ich dir dankbar dass du uns gerettet hast.“ Er lächelte etwas und stand auf „Wir werden schon einen Weg finden.“
Luce sah seinem Begleiter nach, wie er langsam am Rande der Klippe entlang lief. Plötzlich blieb Keiko stehen „Ist das ein Schiff?“
Sofort war Luce bei ihm und starrte angestrengt in die Richtung in die Keiko deutete. Tatsächlich war dort ein Schiff zu erkennen. Wo kam das denn plötzlich her? Auch wunderte sich Luce warum es so schnell näher kam. Da stimmt was nicht!
„Keiko pass auf, dass ist…!“ weiter kam er nicht. Klares Wasser hatte sich um ihre Knöchel gewunden und hielt sie fest, begann an ihnen hochzufließen, bis es sie komplett eingeschlossen hatte.
Keiko kämpfte krampfhaft nach Luft, konnte sich jedoch weder bewegen noch hatte er Kraft zu schreien. Gnadenlos zog das Wasser ihn zu Boden. Seine Lungen brannten, schrien nach Sauerstoff den sie nicht bekamen, aber doch so sehr brauchten. Durch die schwere Flüssigkeit hindurch wurde seine Sicht unscharf und verschwommen, bevor ihm am Ende schwarz vor Augen wurde.

-xXx-

Rot. Blut. Und noch viel mehr Tote.
Dark war bereits wach und saß auf dem trockenen Gras. Vor ihm kniete Neri und besah sich fassungslos seinen Oberkörper. Wo waren seine tiefen Verletzungen? Wo war das ganze Blut? Zurückgeblieben waren nur ein Haufen Narben.  Sie wusste ja, das alles wieder verheilt war, aber glauben konnte sie es einfach nicht.
„Guck nicht so!“, forderte Dark und zog sich wieder sein Oberteil an „Bei mir heilt alles schneller!“
„Du stirbst ja nicht mal.“, gab Neri zurück und stand vom Boden auf. Sie wollte sich wieder abwenden, aber Dark hielt sie am Arm zurück „Jetzt hör mir mal zu!“, zischte er „Ich hab dich nicht darum gebeten dich um mich zu kümmern, denn das brauchst du überhaupt nicht! Im Gegenteil, du verschwendest blos deine Zeit!“
Mürrisch entriss Neri sich aus Darks Griff und begann ihre Sachen wieder am Sattel ihres Pferdes zu verstauen. Dieser arrogante Kerl! Sie waren erst seit kurzem zusammen auf der Reise und schon musste er wieder eine Mauer um sich ziehen!
Der Schatten sah ihr zu, die roten Augen nicht von ihr wendendt.
Neri spürte seine Blicke auf sich ruhen, sie durchbohren. Entnervt drehte sie sich zu ihm um „Jetzt hör du mal auf so zu starren!“
„Du bist wütend auf mich?“, fragte Dark unschuldig und verzog spielerisch verletzt sein Gesicht.
„Ja!“
Er stand auf und ging langsam zu ihr rüber. Mit einer Hand griff er ihr ins dunkle Haar und zog so ihren Kopf in den Nacken. Darks Griff war hart und am liebsten hätte Neri aufgeschrien. Ihre Haarwurzeln zogen unsanft an ihrer Kopfhaut „Lass mich los.“, sagte sie statdessen bissig.
„Wut ist die Vorstufe zur Angst.“, sprach Dark und sah ihr tief in die Augen „Du solltest mich fürchten, denn dazu hast du auch allen Grund.“ Mit einem Ruck lies er sie los.
Neri stolperte einige Schritte rückwärst, ehe sie wieder sicher stand. Was war nur mit ihm los? Sie verstand ihn einfach nicht? Warum wollte Dark unbedingt der Böse sein? Hatte das was mit seiner Vergangenheit zu tun, über die er nicht reden wollte?
Das Wiehern ihres Pferdes riss Neri aus ihren Gedanken. Dark saß bereits im Sattel und hatte erwartungsvoll die Augenbrauen nach oben gezogen „Kommst du endlich, ich hab keine Lust ewig hier rumzuhängen! Nebenbei bemerkt habe ich einen rießen Hunger!“
Eine Zeit lang blieb sie einfach stehen. Ein Tritt ins Gesicht, so fühlte es sich an. Was war denn nun wieder? Jetzt tut er so als ob nichts gewesen wäre! Egal wie Neri es dreht und wendet, sie sah keine Chance ihn zu durchschauen.
„Ja, ich komme gleich.“ Tatsächlich saß sie kurze Zeit später vor Dark im Sattel.

Während des Ritts sagte keiner der beiden ein Wort. Neri schwieg aus Trotz. Sie war noch immer wütend auf den Schatten, dass der sich aber auch so anstellen musste.
Auch Dark gab keinen Ton von sich. Sein gleichmäßiges Atmen, lies Neri jedoch glauben, dass er schlief. Sie wollte kurz über ihre Schulter schauen, bestätigen das sie Recht hatte, doch zu ihrem Entsetzen war der Schatten alles andere als am schlafen. Seine blutroten Augen leuchteten wachsam und starrten sie schweigend an. Ihr erschrockener Aufschrei lies Neri fast vom Sattel fallen.
Fertig mit den Nerven, klammerte sie sich in die Mähne ihres Pferdes und versuchte sich wieder zu beruhigen. Dark schwieg weiterhin, was sie noch mehr verrückt machte. Dieses Schweigen hielt doch kein normaler Mensch aus!
Plötzlich blieb der Hengst stehen. Neri sah auf. Vor ihnen erstreckten sich lange Schienen. Ein gutes Anzeichen. Sie wusste von insgesammt fünf Haltestellen in Mamoria. Eine davon war sogar in der Nähe Airons. Im selben Moment jedoch verwarf Neri diesen Gedanken. Mit Dark konnte sie nicht nach Airon zurück.
„Wieso bleiben wir stehen?“, kam es genervt von hinten. Dark beugte sich vor und legte seinen Kopf auf Neris Schulter um sich seine Frage selbst zu beantworten. Als er die Schienen sah hob er skeptisch eine Augenbraue.
„Wieso genau bleiben wir noch mal stehen? Wegen ein paar lächerlichen Metallstangen, die als Weg für eine Raupe auf Rädern dient?“
„Quatsch. Ich hab nur grad überlegt.“
Zwar zweifelte Dark an dieser Antwort, machte sich aber keine Mühe weiter nachzufragen.
Nervös sah Neri zu ihm runter. Musste er seinen Kopf auch auf ihre Schulter legen? Dark sah auf „Passt was nicht?“
Sie seufzte „Schon in Ordnung.“
Neri entschied sich schließlich entgegen der Schienen nach Süd-Osten zu reiten. Wenn sie Glück hatten, würden sie am Ende eine Stadt erreichen.
Gnadenlos schien die Sonne vom Himmel. Neri schwitzte und durch die Hitze bekam sie fürchterliche Kopfschmerzen. Dem Schatten ging es jedoch um einiges schlechter als ihr. Zwar war sein Gesicht ohnehin schon bleich, doch auch seine sonst so schwarz-blauen Haare verloren almählich an Farbe. Mitlerweile glichen sie eher einem dunklen grau. Die Augen hielt er geschlossen, den Kopf stützte er an Neris Rücken. Sein Atem ging langsam, keuchend. Besorgt zügelte Neri ihr Pferd, doch der Schatten zeigte keine Reaktion.
Verdammt! Dark ging es schlecht, doch sie hatte keine Ahnung wie sie ihm helfen konnte, wenn er dass überhaupt gewollt hätte. Am Ende würde er sich eh nur beschweren warum sie ihn nicht in Ruhe gelassen habe. Neri schüttelte verstädnislos den Kopf, wieso musste er auch so sturr sein.
Sie stieg vom Pferd, wobei sie darauf achten musste, dass Dark nicht fiel. Sie zog ihn runter und legte ihn im Schatten ihres Pferdes auf den trockenen Boden. Sie selbst kniete sich neben ihn und wischte sich den Schweiß von der Stirn. Wasser! Das hätte sie jetzt gebraucht, doch ihr kleiner Vorrat war leer. Wer hätte auch ahnen können, dass sie entführt wurde? Kraftlos stützte sie sich mit den Händen am Boden ab. Sie durfte jetzt nicht aufgeben! Nicht jetzt!
Ein kühler Luftzug lies sie genießerisch seufzen. Noch bevor sie sich darüber wundern konnte, war es auch schon zu spät.
Allamiert sprang Neri auf, und sah gerade noch wie ihr Pferd von den Beinen gerissen wurde. Drei blutige Kratzspuren bohrten sich tief in das schwarze Fell. Ein weiterer Luftzug, da war ihr treuer Begleiter auch schon in der Luft. Gepackt von grauenhaft goldenen Klauen.
Der rießige weiße Vogel verschwand genauso schnell wie er gekommen war und nahm Neris Pferd mit sich.
Fassungslos starrte sie in den leeren Himmel. Was sollte sie jetzt tun? Ohne ihr Pferd saßen sie hier fest! Neri blieb jedoch keine Zeit zu trauern. Sie musste sich und Dark schnell in Sicherheit bringen. Der Jagdvogel würde sicher wieder kommen um sich seine restliche Beute auch noch zu holen.
„Dark?!“, rief Neri panisch, doch der Schatten antwortete nicht. Sie fluchte leise, packte ihn am Arm und legte ihn sich auf die Schulter.
So zog sie Dark mit sich, ohne dabei wirklich schnell voranzukommen. Der Schatten war schwer und sie selbst schon am Ende ihrer Kräfte.
Da war er schon wieder, der schöne weiße Vogel mit den goldenen Klauen und dem spitzen Schnabel. Keine Spur von Blutflecken oder sonstigen Anzeichen eines Kampfes. Jagdvögel schafften es immer ihre Beute auszuschalten bevor diese sich auch nur wehren kann.
Entsezt musste Neri feststellen, dass es nicht das einzige Monster war. Der Jagdvogel hatte anscheinend noch Verstärkung mitgebracht. Insgesammt flogen jetzt fünf der riesigen Tiere am Himmel, direkt auf sie zu.
Neri legte Dark gezwungenermaßen am Boden ab und zog ihren Dolch. Jetzt lag es an ihr sie beide lebend hier rauszubringen.
Lautlos landeten die gewalltigen Kreaturen und kamen langsam auf sie zu geschlichen, das reine Gefieder bedrohlich aufgeplustert.
Ängstlich zitterten Neris Beine. Sie wusste das sie keine Chance hatte. Weder besaß sie die erstaunlichen Kampfkünste der beiden Zwillinge, noch war sie unsterblich wie Dark, den nicht mal eine in die Brust gerammte Klinge umbrachte.
Bevor sie weiter überlegen konnte wie hoch die Wahrscheinlichkeit war zu überleben, kam der erste Jagdvogel auch schon lautlos auf sie zu geflogen. So schnell sie konnte sprang Neri zur Seite und stach den Vogel beim Vorbeiflug in den Nacken. Die Klinge des Dolches blieb tief im weißen Gefieder stecken und färbte es langsam rot. Wie erwartend war der Jagdvogel noch nicht am Ende. Neri wuste wie zäh diese Kreaturen waren. Mit schrillem Kreischen drehte sich das Monster zu ihr um. Unbewaffnet stand sie da, den Blick auf den Dolch im Hals der Bestie gerichtet. Wie sollte sie sich jetzt verteidigen? Strategie war noch nie Neris Stärke gewesen, das hatte sie jetzt davon; Planlos auf dem Schlachtfeld zu stehen.
Kurz wanderte ihr Blick zu Dark. Nochimmer lag er regungslos am Boden und atmete schwer. Da sah sie es. Den Grif von Darks schwarzem Schwert.
Ohne lange zu zögern rannte Neri zu dem Schatten und zog die Klinge aus der Scheide. Sofort gaben ihre Arme unter dem Gewicht nach. Himmel war dieses Schwert schwer. Sie hatte bisher nur mal mit den Schwertern von Keiko gekämpft. Die waren zwar nicht besonders schön, wie dieses hier, dafür aber auch nicht ganz so schwer. Neri konnte sich daran erinnern, dass Dark sein Schwert ohne Mühe mit einer Hand schwingen konnte. Sie konnte es nicht mal mit zwei Händen gerade halten.
„Nein, nein, nein!“, schrie sie und schwang unkontrolliert die Klinge, in der Hoffnung so wenigstens die Jagdvögel von sich fernzuhalten. Tatsächlich blieben die Bestien auf Abstand, doch Neri war schon lange mit ihren Kräften am Ende und hatte Mühe überhaupt noch aufrecht zu stehen. Ihre Knie, sowie ihre Hände zitterten und ihre Arme und Beine zogen schwer an ihr. Dazu kam noch, dass sie weiterhin heftige Kopfschmerzen hatte.
Einer der Vögel nutzte ihre Pause und grub die goldenen Krallen tief in ihre Schulter. Neri schrie auf und lies das Schwert fallen. Suchte mit den Händen nach den Klauen des Jagdvogels und versuchten diese aus ihrer Schulter zu ziehen. Sie schnitt sich lediglich an den Fingern bei dem Versuch, aber aufgeben wollte sie auf keinen Fall. Die Bestie zog und zerrte an ihr, so dass Neri das Gefühl hatte gleich zerissen zu werden. Dennoch hielt sie so gut sie konnte dagegen an, denn sie wusste, dass wenn sie jetzt locker lies, würde sie von den Jagdvögeln zu ihren Nestern gebracht werden und dort verspeist.
Sie schrie erneut auf, als sich ein zweiter Vogel in ihrem Bein verbiss. Kraftlos sank sie auf die Knie und sah verschwommen wie sich unter ihr langsam eine Pfütze aus Blut ausbreitete.
Irgendwer, irgendwer musste ihr jetzt einfach helfen. Ihr und Dark, auf den nun ein anderer Jagdvogel zuschlich.
„Nein! Verschwinde!“, schrie sie laut und biss gleich wieder die Zähne zusammen, als ein weiteres Paar Krallen sich in ihrem Arm vergrub.
Drei Jagdvögel zogen und zerrten an ihr. Neri sah die Pfütze unter sich größer werden. Ihre Sicht verschwam und sie kämpfte mit aller Kraft die sie noch hatte, um nicht einfach loszulassen. Sie konnte nicht aufgeben! Sie durfte nicht aufgeben! Nicht jetzt.

-xXx-

Als er wieder zu sich kam nahm er zuerst diesen beißenden Geruch war. Es roch genau wie auf diesem entsetzlichen Fischmarkt. Nach Fisch, nach Meersalz und stickiger Luft.
Luce vermied es zu würgen und sah sich um. Er lag am Boden in einem kleinen Raum mit Holzverkleidung. Eine kleine Lampe spendete Licht. Fenster gab es keine. Von Möbelierung wollte er gar nicht erst sprechen. Lediglich ein kleiner Holztisch mit Stuhl stand an der Wand. Den roten Teppich, der seiner Meinung nach eher wie ein Stofflumpen aussah, wollte Luce nicht als Möbelstück definieren.
Gerade wollte er aufstehen, als er feststellen musste, dass er an den Händen gefesselt war. Raues Seil an einem Stahlring befestigt, hielt ihn am Boden fest. Mist, wo war er hier wieder reingeraten?
Plötzlich öffnete sich die Tür. Luce war zu langsam als das er hätte einen Blick nach draußen werfen können. Ein Mädchen hatte den Raum betreten. Langes silbernes Haar lag nass auf ihrer nackten Schulter. Die grünliche Haut übersäht mit roten Schuppen und auf dem Kopf zwei verdrehte Hörner.
Luce wusste sofort welche Art Geschöpf da vor ihm stand. Dieses Mädchen, das ihn mit ihren braunen Augen anstarrte, gehörrte zum Stamm der Halbfische. Er musste schlucken. In Büchern war die Rede von schönen Mädchen, die über die erstaunlichen Kräfte des Meeres herrschen. Niemand legte sich freiwillig mit ihnen an, denn obwohl sie klein und schmächtig wirken, sind sie stärker und kräftiger als jedes Monster.
„Entschuldigung?“, fragte Luce, er entschied sich auf Nummer Sicher zu gehen und sie höflich anzusprechen „Wo genau bin ich hier?“
Der Halbfisch musterte ihn mit einem Ausdruck den Luce nicht deuten konnte. Ihre Augen fixierten am Ende den gläsernen Kristall „Wie ich sehe bist du ein Träger.“, murmelte sie mit einer Stimme, die an das Rauschen der Wellen erinnerte.
Luce nickte und umfasste den Stein, dann fiel ihm etwas ein „Ich war in Begleitung mit einem anderen jungen Mann. Wo ist er?“
„Nicht hier.“, war die kurze Antwort.
„Würdest du mir die Fesseln abnehmen, ich bin ja kein Feind.“, versuchte es Luce erneut.
Das Mädchen verzog keine Miene, dann seuselte sie „Vielleicht, erlaubt man es dir deinen Freund zu sehen, denn ein Feind bist du nicht.“
Ratlos verzog Luce das Gesicht. Er wurde nicht schlau aus diesem Halbfisch. Sie ging weder auf das ein was er sagte, noch machte sie sonst die Anstalt ihn irgendwie ernst zu nehmen.
Da wurde die Tür erneut geöffnet und ein zweites Halbfisch Mädchen betrat den Raum. Die zwei tauschten kurze Blicke, dann verschwand die Erste wieder. Löste sich vor Luce Augen auf und tropfte als kleine Pfütze auf den Boden, wo das Wasser langsam durch die Holzdielen sickerte.
Noch bevor er irgendwas sagen konnte, war der zweite Halbfisch schon bei ihm und hatte das raue Seil durchtrennt. „Komm mit, erwählter Träger.“, sagte sie und führte Luce aus dem Raum. Wortlos folgte er ihr.
Sie befanden sich auf einem Schiff, dass wurde Luce spätestens dann klar, als er auf dem Deck stand. Hellblaue Segel, goldene Railing und überall diese Halbfische. Sie starrten zu ihm rüber, sagten kein Wort. In dem Fall wäre es Luce sogar lieber gewesen wenn sie wenigstens getuschelt hätten, doch sie starrten ihn einfach mit ihren toten braunen Augen an.
Mit lautem Knall öffnete sich eine Tür. Eine Frau kam heraus. Zu Luce Verwunderung war sie kein Halbfisch wie die anderen Mädchen, sie war eindeutig ein Mensch.
„Na, bist du endlich aufgewacht?!“, fragte sie mit kräftiger lauter Stimme.
Verunsichert blieb Luce stumm stehen. Wer war diese Frau? Kannte sie ihn?
Sie musste seinen Blick bemerkt haben, denn sie fing gleich an breit zu grinsen „Oh, tut mir leid. Ich hab vergessen mich vorzustellen, ich heiße Alia. Du bist Luce, richtig?“
„Woher kennen sie meinen Namen?“ Misstrauisch musterte er die Frau. Sie machte eigentlich einen sympathischen Eindruck. Gelockte braune Haare, versteckt unter einem gelben Kopftuch. Sie trug ein kurzes schwarzes Kleid und darüber einen langen roten Mantel. Ihre schlanken Beine, stecken in hohen Stiefeln. Nur die lange dünne Narbe die sich über ihr rechtes Auge zog passte nicht zu ihrem hübschen Gesicht und den strahlenden Augen, die ihn so freundlich anlächelten.
„Ich komme viel rum und da schnappt man so einiges auf.“ Sie zwinkerte und deutete auf die ganzen Mädchen. Luce verstand sofort. Halbfische können sich ja in Wasser auflösen. Wenn sie die Mädchen über das Land schickt ist es für die kein Problem an jeden Ort zukommen und unerkannt geheime Informationen rauszufinden.
„Gehorchen dir diese Halbfische?“
„Gehorchen? Das klingt in meinen Ohren nach Missbrauch und davor habe ich sie ja schließlich beschützt. Diese Halbfische waren alle samt bedroht von den Meeresungeheuern, die der Schattenmeister losgelassen hat. Sie wurden aus ihrer Heimat vertrieben, ihrem natürlichen Element.“
Jetzt ging der Schattenmeister auch schon so weit die Halbfische auszurotten. Für Luce eine ungeheure Sache. Fürchtet er ihre Macht so sehr, das er sie vernichten will?
„Mit diesem Schiff habe ich ihnen ein neues Zuhause gegeben und dafür zeigen sie sich erkenntlich.“, fuhr Alia fort „Ich beschütze sie vor den Meeresungeheuern und sie helfen mir von Ort zu Ort zu reißen.“
Luce musste schmunzeln. Ein so großes Schiff allein zu steuern war sicherlich unmöglich.
Plötzlich fiel ihm etwas ein „Wo ist Keiko, mein Begleiter?“
Alia legte den Kopf leicht schief „Du meinst den Jungen mit dem blonden Haar?“
Er nickte.
„Warte kurz.“ Damit winkte sie zwei der Mädchen zu sich. Nach kurzen Anweisungen verschwanden sie und kamen einen Augenblick später wieder zurück. In ihrer Mitte stolperte ein gefesselt und geknebelter Keiko.
Luce rannte sofort zu ihm und nahm ihm den Lappen aus dem Mund „Keiko! Geht’s dir gut?“
Gefragter lachte kurz und atmete schließlich erleichtert aus „Gut das dir nichts passiert ist.“
„Es tut mir schrecklich leid. Meine Mädchen hielten euch für… naja wie soll ich sagen? Sie griffen euch ohne meine Einwilligung an. Entschuldigt sie.“
Während Luce Keikos Fesseln losband schüttelte er den Kopf „Nein, ihr kommt genau Richtig. Wir brauchen eure Hilfe.“
Alia sah auf und nickte ernst „Womit auch immer wir helfen können, lasst es mich wissen.“
„Gut, wir suchen drei weitere Träger. Zwei sind seine Geschwister“, damit deutete Luce auf Keiko „und vom dritten wissen wir nichts.“
Eines der Halbfisch Mädchen kam vorgetreten und flüsterte Alia etwas ins Ohr. Sie nickte „Sie hat vor nicht alzulanger Zeit eine Trägerin gesehen zusammen mit einem Jungen.“
Keiko riss die Augen auf „Entweder es war Neri mit dem Schatten oder Yui, die schon weiter gereißt war und einen Begleiter gefunden hatte!“
„Gut, könnt ihr uns dorthin bringen?“
„Natürlich.“, sagte Alia und nickte ihren Mädchen zu.
Luce trat zu ihr und fragte „Wie lange werden wir brauchen?“
„Das Dorf in dem die beiden gesehen wurden, liegt im Osten Mamorias. Wenn wir ohne Hindernisse durchkommen, was ich jedoch nicht glaube, erreichen wir die Ostküste in zwei Tagen.“
So lang? Luce biss sich auf die Unterlippe. Im Osten Mamorias? Fragend sah er zu Keiko.
Der zuckte nur mit den Schultern „Weißt du Luce, ich versteh nicht ganz warum du dich so hetzt?“
„Ach nein?!“, fuhr er ihn an und Keiko zuckte zusammen „Du warst es doch der mich aus meinem Dorf gezerrt und dazu überredet hat mit dir zu reisen!“
„Tut mir leid, ich wollte nicht das du gleich sauer wirst.“
„Du sollst mir zuhören! Je mehr von uns Trägern an einem Ort versammelt sind, desto größerer Gefahr sind sie ausgesezt! Was glaubst du wohl wie es deiner Schwester jetzt gehen mag, wenn sie den Träger gefunden hat?“
Sofort schämte sich Keiko. Luce hatte ja Recht. Er hatte ihn genötig mit ihm zu kommen. Hatte ihm gesagt in welcher Gefahr Neri jetzt steckt, da sie von einem Schatten entführt wurde. Die Trägerin von der diese Alia gerdet hat, musste Yui sein. Luce wollte ihm nur helfen, aber er kann sie ja nicht beide retten. Und die einzige von der sie jetzt wussten wo sie war, ist Yui. Luce will sich nur beeilen um Neri auch noch retten zu können.
Keiko glaubte nicht mehr das er Neri noch helfen konnte. Zu lange schon hatte er gebraucht um überhaupt hierher zu kommen. Wenn sie jetzt Yui holen, könnte es für Neri schon lange zu spät sein.

4.Kapitel

Kapitel 4

Ihr Kopf tat schrecklich weh. Sie musste sich wohl irgendwo angestoßen haben. Mit verzerrter Miene öffnete Neri ein Auge, schloss es aber gleich wieder, als sie ein heller Lichtstrahl blendete. Man, warum konnte Yui auch nicht mal Abends die Vorhänge zuziehen, damit Morgends nicht…
Sofort war Neri hell wach, sie riss die Augen auf und stemmte sich rasch mit den Armen hoch. In ihrem Kopf drehte sich alles durch die plötzliche Aktion und ihre Arme zitterten etwas, doch dass war nicht weiter schlimm. Viel wichtiger war, wo sie hier war?
Sie lag in mittelhohem Gras auf weiter Ebene, weit und breit nichts zu sehen, außer Gras, Steppe, Hügel und gelegentlich ein paar Bäume, sonst nichts. Keine Stadt, nichtmal ein Dorf oder ein Rasthaus. Wo war sie hier nur gelandet?
Neri sah sich um, direkt vor ihr, stand ein Pferd und sie musste zweimal hinsehen um zu erkennen, dass es sich bei dem schwarzen Hengst um ihren treuen Begleiter handelte. War sie jetzt schon verrückt, dass sie Nachts nicht nur Schlafwandelte, sondern gleich einen Ausritt machte?
Verstörrt fasste sie sich an den Kopf, er tat so schrecklich weh und sie konnte sich einfach nicht erinnern was sie hierher kommen lies. Sie schloss die Augen und schüttelte ein paar mal den Kopf, bevor sie sich aufrichtete. Es half jetzt nichts weiter darüber nachzudenken, ihr würde es eh nicht einfallen, also beschloss Neri einfach weiter zu reiten, in der Hoffnung vielleicht ein Dorf zu finden, in dem sie sich erkundigen konnte wo sie war und vorallem wie sie wieder zurückkam, zurück nach Airon.
Es war ganz plötzlich, ohne Vorwahnung, aber als ihr die Erinnerung aufeinmal wiederkam, da erschlug sie Neri richtig. Sie gab ein stöhnendes Geräusch von sich, griff sich ins Haar und sank zurück auf die Knie. Die Augen fest zusammengepresst, versuchte sie den Druck in ihrem Kopf zu senken. Sie sah alles vor innerem Auge, konnte sich an alles erinnern, auch wie sie hierhergekommen war, und dann, dann war Stille. Es hatte aufgehört.
Gehetzt hob Neri den Blick und sah sich panisch um. Er musste noch hier sein, ganz sicher. Der Kerl hätte sie wohl kaum am Leben gelassen, also war er noch in der Nähe. Vielleicht wartete er ja nur darauf, dass sie unvorsichtig wurde und würde sie dann von hinten anfallen. Ihre Augen suchten aufmerksam die Gegend ab, als ihr Blick weiter hinten im Gras hängen blieb. Da lag doch was am Boden.
Vorsichtig machte sie ein paar Schritte darauf zu und blieb dann urplötzlich stehen. Da lag er, der Kerl der sie gewaltsam mitgezerrt hatte, der sie hier her gebracht hatte. Aufeinmal wurde Neri etwas klar, oder besser es fiel ihr jetzt erst auf. Sollte sie nicht eigentlich Angst haben? Der Kerl war immerhin ein Schatten und somit eines der grausamsten und gefährlichsten Wesen die es in Mamoria gab. Aber wenn sie ihn so vor sich liegen sah, da wirkte er alles andere als gefährlich.
Langsam ging Neri in die Hocke und musterte das verzerrte Gesicht. Er hatte die Augen fest zusammen gekniffen, die Augenbrauen zusammengezogen und es sah so aus, als würde er sogar die Zähne zusammenbeißen. Er wirkte so gequält, als hätte er gelitten, oder schlimme Schmerzen gehabt. Neri musste schlucken, aber Angst konnte sie wirklich nicht vor ihm entwickeln. So wie er dalag, sah er hilflos und verletztlich aus, ja man konnte meinen er sei ein Mensch.
Erst jetzt wurde Neri das feuchte Gras um sie herum bewusst. Sie hob eine Hand, mit der sie sich abgestützt hatte und besah ihre Handfläche. Blut, ihre ganze Hand war voller Blut. Ängstlich sah sie zurück zu dem Schatten. Er war ja immernoch schwer verwundet und seine Verletzungen nicht behandelt. Suchend sah sie sich um, ganz in der Nähe floss ein kleiner Bach. Sollte sie die Wunden auswaschen? Sie konnte ihn ja schlecht so liegen lassen, aber was sollte sie tun wenn er aufwachte? Er würde sie garantiert sofort umbringen.
Neri schüttelte den Kopf und stand wieder auf, um zu ihrem Pferd zu gehen. Nein, er war ein Schatten, er war ein Monster, es wäre also reiner Selbstmord, wenn sie länger blieb. Bei ihrem Pferd angekommen, drehte sich Neri nochmal um. Von hier konnte sie ihn sehen. Und wenn sie so in sein schlafendes Gesicht sah, da konnte sie einfach nicht glauben, dass so jemand so grausam war. Hätte er sie nicht gleich töten können? Er hatte es nicht getan, er hatte sie am Leben gelassen, vielleicht sollte sie ihm eine Chance geben.
Wenn Neri sich selbst bei ihren Gedanken zuhören würde, dann würde sie sich jetzt auslachen. Einem Schatten helfen, ihm eine Chance geben, dass war so absurd. Aber sie konnte nicht anders, sie wollte ihm helfen, warum auch immer, aber es fühlte sich einfach falsch an, ihn so alleine hier zu lassen. Es war einfach nicht ihre Art, jemanden hilflos zurückzulassen.
Also ging sie wieder zurück und blieb vor dem Schatten stehen. Abschätzend musterte sie ihn, dann traf sie eine Entscheidung. Sie würde ihm helfen und eine Chance geben, aber sie würde sich wehren wenn er ihr was antun wollte. Und Neri wusste auch schon wie.
Sie bückte sich, um dem Schatten sein Oberteil auszuziehen. Es ging einfacher als gedacht, da besagtes Kleidungsstück eigentlich nur noch Fetzen war und sich leicht entfernen lies. Nachdem sie aber seine Wunden ausgewaschen hatte und so freien Blick auf seinen Oberkörper hatte, war nichts mehr von den tiefen Schnitten zu sehen. Außer zahlreicher Narben, schien er keine Verletzungen zu haben. Das war doch unmöglich! Sie hatte ihn gesehen, sie hatte ihn im Schlosskerker gesehen, wie er da hing, durchlöchert von unzähligen Waffen und jetzt? Nichts!
Zaghaft strich Neri mit einer Fingerspitze über die feinen, blassen Narben. Es waren viele, sehr viele. Aber nicht alle schienen frisch zu sein. Da waren auch welche die schon garnicht mehr zu sehen waren. Wie lange die wohl her waren? Es mussten Jahre sein, aber so alt war er doch garnicht. Konnte ein Schatten überhaupt altern? Neri kannte sich nicht aus, was solche Fragen anging, dass war vielleicht eher Keikos Stärke.
So in ihren eigenen Gedanken vertieft, bekam Neri nicht mit, wie sich neben ihr was regte und als sich dann plötzlich eine Hand mit festem Druck um ihr Handgelenk schloss, schrie sie überrascht auf. Ihr Blick ging nach unten und traf ihn stechend rote Auge. Sofort wurde ihr eiskalt und eine Gänsehaut machte sich auf ihrer Haut breit. Diese Kälte und Entschlossenheit in seinen Augen war zum Fürchten, doch im selben Moment verschwand ihre Angst auch wieder. Warum, konnte sie nicht sagen. Alles in ihr schrie alamiert, dass sie abhauen sollte, dass sie sich in Gefahr beafand, doch Neri rührte sich nicht. So unheimlich und grausam er auch aussah, sie konnte einfach keine Angst vor ihm empfinden. Continue reading »

Als er nichts sagte, öffnete Neri den Mund und fragte vorsichtig „Wirst du mich jetzt auch umbringen, wie die Wachen im Schloss?“ sie war sich sicher, dass wenn es der Schatten war der sie getötet hatte, er auch keine Scheu haben würde, sie ebenfalls auszulöschen.
Der Schatten verzog die Mundwinkel zu einem bösen Grinsen „Danke für den Hinweis, ich wusste ich hatte was vergessen.“, meinte er amüsiert. Damit stieß er sie zu Boden und zog gleichzeitig sein Schwert. Mit einer Hand hielt er Neri am Kragen gepackt, mit der anderen den Griff der dunklen Klinge, welche er mit der Spitzte voran auf sie gerichtet hatte. Entschlossen hob er sein Schwert, doch Neris gleichgültiger Blick lies ihn stutzen. Hatte sie keine Angst? Er würde sie umbringen! Also warum wehrt sie sich nicht, oder schrie um Hilfe wie seine anderen Opfer auch?
„Was ist los?! Kein Wiederstand?!“ spöttisch sahen die roten Augen zu ihr herab, doch als Neri schwieg wurde er zornig „Du sollst mir antworten, wenn ich dich was frage!“ er zog sie am Kragen hoch und stieß sie kräftig wieder zu Boden.
Neri keuchte erschrocken auf. Ein stechender Schmerz breitete sich in ihrem Rücken aus, doch sie hielt ihre ausdruckslose Miene aufrecht und meinte nur „Du wirst mir nichts tun, hab ich recht?“
Fast hätte der Schatten sie losgelassen, zu überrascht war er über diese Aussage. Wie konnte diese kleine, ahnungslose, lebensmüde Göre so was nur behaupten? Er war verdammt noch mal ein Schatten, sie sollte sich fürchten, oder wenigstens vor Angst zittern. Aber was tat sie… Nichts!
„Ich werd dich umbringen, wie kannst du da so ruhig bleiben?!“, fuhr er sie an und hielt, zur Untermauerung seiner Worte, die Schwertspitze an ihren Hals.
Das kalte Metall lies Neri kurz zusammenzucken, doch dann lächelte sie leicht „Nein, wirst du nicht.“ Für einen Moment war sie selbst über ihre Worte überrascht. Was lies sie da so sicher sein?
Kurz darauf schnappte der Schatten erschrocken nach Luft, als Neri ihm plötzlich ihr Messer in die Brust rammte, dann lachte er abfällig auf „Ha, du müsstest doch wissen, dass du mich so nicht töten kannst!“
Ein schmales Lächeln zierte ihre Lippen „Das wäre auch gar nicht meine Absicht, aber den Schmerz spürst du trotzdem.“ Damit zog sie das Messer aus seinem Körper, nur um es gleich darauf in seine linke Schulter zu bohren. Mit einem lauten Aufschrei lies er sein Schwert fallen. Jetzt entgültig verärgert wandte er sich ihr wieder zu und funkelte sie an „Das wird dir noch leidtun!“, zischte er. Im nächsten Moment schrie der Schatten erneut vor Schmerz, lies endlich von ihr ab und besah seine rechte Hand. Dieses Miststück hatte ihm die kurze Klinge durch den Handrücken gebohrt, sodass die Spitze des Messer auf der anderen Seite heraustrat. Warm lief ihm das Blut über die Hand und er fluchte innerlich. Hatte er sie so unterschätzt?
Neri stand vom Boden auf und fragte erbost „Wieso willst du mich überhaubt umbringen?! Du hast doch überhaupt keinen Grund dazu! Ich hab dir nichts getan!“
„Hah, du bist zufälliger Weise ein Mnesch, mein Feind!“, brachte er gepresst über seine Lippen und hielt sich die mitlerweile taube, durchbohrte Hand vor die Brust.
„Ich hab nie gesagt, dass ich dein Feind sein will.“
„Glaubst du ich habe mir das rausgesucht!“, schrie der Schatten jetzt zornig und seine Augen zuckten gefährlich.
Neri hob die Schultern. Woher sollte sie das wissen? Aber so wie er sprach wohl eher nicht.
„Ich für meinen Teil will nicht dein Feind sein.“, erklärte sie nochmal und nahm seine verletzte Hand in ihre.
„Selbst wenn, allein für diese Unverschämtheit gerade eben würde ich dich töten!“
Sie zog eine Augenbraue hoch „Wirklich? Ich weiß nicht wovon du sprichst.“ Demonstraktiv zog sie das Messer aus seinem Handrücken worauf der Schatten wieder gequält aufheulte.
„Genau dass!“, knurrte er und kniff die Augen zusammen. Seine Hand pochte wie verrückt.
„Ich hab mich nur selbst verteidigt.“, rechtvertigte sich Neri und zog ihn zu dem kleinen Bach. Er lies zu, dass sie seine Hand Unterwasser tauchte, doch als Neri auch die Wunde an Schulter und Brust waschen wollte, stieß er sie beiseite „Ich brauche deine Hilfe nicht! Kapiert?!“ Unbeholfen und ungeschickt versuchte er sich selbst zu waschen, zuckte jedoch bei jeder Berührung von kaltem Wasser und seiner blassen Haut zusammen. Als er nach gefühlten Stunden doch noch fertig und einigermaßen erfolgreich war setzte er sich wieder unter den Baum. Neri beobachtete ihn mismutig, doch sie glaubte nicht, dass er sich nochmal trauen würde sie anzugreifen. Ein Lächeln huschte über ihr Gesicht und sie lies sich neben ihm nieder. Vielleicht sollte sie mal mit ihm reden, er schien eigentlich ganz in Ordnung zu sein.
„Los, verschwinde endlich!“, brach der Schatten die Stille ohne Neri dabei anzusehen.
„Nein.“, sagte sie entschlossen „Warum sollte ich?“
Er seufzte. Die Kleine war echt ein hoffnungsloser Fall.
„Ich habe gerade versucht dich umzubringen, ich hab die Wachen im Schloss umgebracht und ich werde auch nicht davor zurückschrecken dich ein weiteres Mal anzugreifen! Ich bin dein Todfeind, ist das nicht Grund genug?!“
Sie hob die Schultern und tat als würde sie nachdenken „Ist das so? Eigentlich habe ich keine Angst vor dir.“
„Keine Angst, wie?!“, wiederholte der Schatten fassungslos, worauf Neri nur leicht den Kopf schüttelte.
„Ich werd dir schon noch beibringen Angst zu haben und mich zu fürchten.“ Ein unheilvolles Grinsen lies Neri innerlich erschauern, aber Angst hatte sie keine.
„Eigentlich hatte ich beschlossen dir zu Vertrauen.“, meinte sie dann und lächelte ihm zu. Es war ein kleines Lächeln. Klein aber ehrlich.
Er riss die Augen erstaunt auf. Was redet die da bloß? Dann begann er zu lachen „Darf ich dir einen Tipp geben?“ Sie nickte.
„Einem Schatten wie mir sollte man niemals vertrauen. Nicht mal wenn dein Leben von ihm abhinge.“
„Du bist aber nicht wie die anderen Schatten.“ Neri wusste nicht wie ein Schatten sonst drauf war, aber er hier schien wirklich den Eindruck zumachen als ob er anders wär.
Erbost sah er auf, jegliches Grinsen und Lächeln hatte sein Gesicht verlassen „Sag so was nie wieder!“, fuhr er sie leise zischend an „Du hast keine Ahnung über mich, also tu nicht so als würdest du mich kennen!“
Neri schluckte, lies sich jedoch nicht vergraulen. Er war anders, das spürte sie und auf ihr Gefühl konnte sie sich verlassen.
„Was willst du noch hier?“ genervt sah der Schatten auf und legte den Kopf in den Nacken, als ob er sich sonnen wollte. In seinem Fall starrte er lediglich in das grüne Blätterdach des Baumes über ihm.
Verlegen kratzte Neri sich am Kopf, dann erklärrte sie lachend „Ich kenn mich in dieser Gegend überhaupt nicht aus. Hier draußen in freier Natur bin ich hilflos.“
„Und was interessiert mich dass?“
„Naja, ich könnte dich doch begleiten.“, schlug sie vor und er riss den Kopf wieder nach vorne „Wie bitte?!“ er musste sich verhört haben.
„Du hast schon richtig verstanden.“, sagte Neri und verschränkte ihre Arme vor der Brust „Ich nehme mal an, dass du nicht zu deinem, ich nenne ihn mal Gebieter, zurückkehren kannst und jetzt genauso ohne Ziel bist wie ich.“ Im Hinterkopf, wusste Neri, dass sie zu Keiko und Yui zurück musste, doch glaubte sie nicht, diese noch in Airon vorzutreffen. Garantiert waren sie schon weiter gezogen um sie zu suchen.
„Und was lässt dich auf diese Erkenntins schließen?“ abwartend hob er die Augenbrauen und musterte sie.
„Wenn du mein angeblicher Todfeind bist, ist es sicher deine Aufgabe mich auszuschalten, richtig?“
„Richtig.“, er nickte fest „Und weiter?“
Neri musste etwas schmunzeln „Tja, ich würde mal sagen du hast versagt. Willst du wirklich mit einer Niederlage zu deinem Herrn zurück?“ Er stutzte bei dieser Aussage, und im selben Moment, wusste er, dass sie leider Recht hatte. So konnte er auf keinen Fall zurück. Nicht als Versager, der es nicht mal auf die Reihe brachte ein Menschenmädchen auszuschalten.
Triumphierend lächelte Neri. Jetzt hatte sie ihn. Amüsiert beobachtete sie wie er wütend mit den Zähnen knirschte und leise fluchte. Er mochte zwar ein Schatten sein, aber er benahm sich wie ein Mensch. Vertraute sie ihm deshalb?
„Ich denke, dass wäre geklärt.“ Lächelnd hielt sie ihm eine Hand hin. Er blickte eine Zeit lang darauf, dann stand er, sie ignorierend auf „Gut, du hast gewonnen. Aber merk dir, ich bin immernoch dein Feind! Sieh mich also nicht als deinen Verbündeten!“
Sie seufzte. Naja, für den Augenblick musste sie sich damit zufrieden geben, aber lockerlassen würde sie nicht. Irgendwo ihn ihm meinte Neri eine gute Seite zu sehen.
„Wie heißt du eigentlich?“, fragte sie schließlich und fing an ihr Pferd zu satteln. Der Schatten sah sie verblüfft an „Warum sollte dich das interessieren?“
„Naja, wenn wir doch jetzt zusammen reisen, dachte ich wäre es doch blöd wenn ich nicht mal weiß wie du heißt.“
„Ich habe keinen Namen in dem Sinne, aber da wo ich herkomme haben sie mich einfach nur Dark genannt.“, er zuckte mit den Schultern und schwang sich schließlich hinter Neri in den Sattel.
„Dark?“, wiederhohlte sie und der Klang seines Namens stimmte ihn traurig, zeigte es jedoch nicht. Lange hatte ihn niemand mehr so genannt.
Sie lächelte „Gut, werde ich mir merken. Ich heiße übrigens Neri.“
Dark schnaupte verächtlich. Was interessierte ihn dass? Er würde nicht lange mit der Kleinen unterwegs sein, dann war sie schon tot.
Mit lautem Wiehern und einem Zungeschnalzen von Neri, setzte sich das Pferd in Bewegung.

-xXx-

Mit hochgezogenen Augenbrauen stand Keiko vor der kleinen Hütte. Gestern Abend hatte er noch erfahren, wo sich besagte Adresse befand und nun stand er hier, mit einem unguten Gefühl in der Magengegend.
Vorsichtig klopfte er gegen die dunkle Holztüre. Als er nach einigen Versuchen keine Antwort bekam, wollte er schon wieder gehen. Auf dem Weg jedoch, lief ihm ein Junge in seinem Alter entgegen, im Arm einen Korb. Den Inhalt konnte Keiko nicht sehen. Der Korb war abgedeckt.
„Entschuldigung?“, sprach Keiko den Jungen an.
Der Junge blieb überrascht vor ihm stehen. So aus der Nähe gesehn, sah er älter aus. Sein kupferfarbenes Haar stand wild von seinem Kopf ab. Er trug einen dunkelgrünen Mantel und braune Stiefel. Ein braunes Auge sah Keiko verwundert an, das andere wurde von einer schwarzen Augenklappe bedeckt.
„Was kann ich für dich tun?“, fragte er und zog misstrauisch die Augenbrauen hoch.
„Wohnst du hier?“
Der Junge nickte „Ja, dass ist mein Haus. Ich lebe hier zusammen mit meinem Meister.“ „Meister? Ein Magier?“
Der Junge sah ihn kurz an, dann lachte er „Sicher, der große Magier Batun ist mein Meister. Ein großartiger Mann.“
Keiko pfiff anerkennend durch die Zähne. Ein Magierlehrling also. Sofort waren alle Zweifel verschwunden, vielleicht konnte er ihm doch helfen.
Der Junge schloss die Tür mit einem rostigen alten Schlüssel auf und bat Keiko herein. Drinnen war es warm, ein Feuer brante im Ofen. Der Raum in dem sie standen sah nicht anders aus, als eine normale Wohnstube mit einigen Türen in anliegende Zimmer.
„Mein Meister zur Zeit nicht anwesend. Ich entschuldige ihn, aber vielleicht kann ich auch helfen.“
Keiko sah auf „Ah, da fällt mir ein, bist du ein Bekannter eines Typs mit schwarzen Haaren und seiner blonden Freundin?“
Verwirrt blinzelte der Junge, dann schmunzelte er und nickte leicht „Ja, alte Bekannte. Ist schon ewig her.“
„Ich suche jemanden.“, sagte Keiko direkt und stand jetzt dicht vor dem Jungen, er legte seine ganze Hoffnung in ihn.
„Wen suchst du denn?“
Keiko hielt inne. Konnte er dem Rothaarigen vertrauen? Andererseits was hatte er für eine Wahl. Er seufzte „Meine Schwestern wurden nach Airon gerufen. Beide sind sie Träger des Erbkristalls und…“
„Träger?“, unterbrach der Junge ihn. Er bedeutete Keiko sich doch zu setzten. Nachdem er ihm ein Glas Wasser eingeschenkt hatte, um ihn etwas zu beruhigen, zog er unter seinem Mantel eine Kette hervor. Keiko staunte nicht schlecht. Der Anhänger war ein kleiner farbloser Stein.
„Du auch?“, fragte er nach und besah sich den Kristall genauer „Aber wir sollten in Airon auf dich und einen weiteren Träger warten!“
„Ich weiß, allerdings konnte ich das Haus meines Meisters nicht unbeaufsichtigt lassen. Du magst das vielleicht nicht wissen, aber in letzter Zeit, hört man immer wieder von Fällen, in denen Magier von Schatten aufgesucht werden.“, erklärrte der Junge und packte den Stein wieder weg.
„Wie ist dein Name?“, fragte Keiko nun. Sie unterhielten sich jetzt schon eine Weile wie Bekannte, dabei kannten sie sich nicht mal.
Der Junge lachte kurz auf „Ich bin Luce. Freut mich.“
„Keiko.“, erwiederte er und lehnte sich in seinem Stuhl zurück. „Du erwähntest die Schatten, ist das Richtig?“
Luce nickte ernst.
Keiko holte tief Luft „Meine Halbschwester wurde von einem entführt.“
Stille. Luce starrte ihn ungläubig an „Ein Schatten?“, fragte er dann vorsichtig „Im Schloss?“
Keiko zuckte mit den Schultern „Die Wachen ließen mich nicht mit rein, aber ich habe ihn gesehen. Den Schatten wie er sie mit sich geschleift hat.“
„Ich habe gehört, dass der König einen Monster in seinem Kerker gefangen hällt. Nur ein Gerücht, aber wie es scheint ist es war und deine liebe Schwester hat ihn wohl befreit.“
Keiko sprang auf und stützte sich mit den Händen auf den Tisch „Nimm dass zurück!“, zischte er und funkelte Luce wütend an. Wie konnte er nur? Neri würde nie einem Schatten helfen! Niemals!
„Hey!“ Luce hob abwehrend die Arme hoch „War nur ein Gedanke, ok? Kein Grund gleich auszurasten.“
Mit einem resignierten Seufzen setzte sich Keiko wieder. Wütend war er noch immer „Dann belass es dabei.“
Wieder schwiegen sie, bis Luce schließlich aufstand.
„Wo willst du hin?“, fragte Keiko überrascht, als er sah, dass Luce auf dem Weg zur Tür war.
Er blieb stehen und drehte sich um „Ich dachte du willst deine Schwester suchen?“
„Ja, aber weißt du denn wo sie ist?“
Verlegen kratzte sich Luce am Kopf „Nicht direkt, aber ich kann den Schatten ausmachen, wenn ich nahm genug an ihn ran komme.“
„Wie?“ Keiko verstand nicht ganz.
„Wenn sich der Schatten in einem bestimmten Umkreis um uns aufhält, dann kann ich ihn aufspüren.“, erklärte Luce und sah Keiko abwartend an.
Er zögete bevor er ihm folgte „Und wie weit geht dein Umkreis?“
„Weiß ich nicht genau. Eigentlich meide ich diese Kreaturen ja, aber für dich mache ich eine Ausnahme.“
Die beiden Jungen verließen die Hütte, draußen blieb Keiko stehen.
„Was ist?“
„Ich dachte du wolltest das Haus deines Meisters nicht alleine lassen.“, er und wurde langsam doch misstrauisch.
Luce seufzte „Hab ich denn eine Wahl? Wenn der Schatten merkt, dass deine Schwester einen Erbkristall bei sich trägt, ist nicht nur mein Meister in Gefahr, dann…“ Er hielt inne „Könntest du bitte nicht weiter nachfragen?“
Keiko nickte. Er sah wie Luce unter dieser Entscheidung litt, aber wie er schon gesagt hatte, er hatte keine andere Wahl.

-xXx-

„Es wird wieder dunkel.“, meinte Neri und sah am Horizont die Sonne langsam untergehen „Wir sollten irgendwo was für die Nacht suchen.“
Dark sah sich um. Nochimmer ritten sie durch diese endlose Steppe und sein Orientierungssinn stand momentan bei Null.
„Da drüben unter den Bäumen vielleicht.“, meinte er geistesabwesend. Ihn interessierte es eigentlich nicht, wenn es nach ihm ginge, würde er die Nacht durchreiten.
Am Ende saßen beide dann doch unter einer kleinen Gruppe Bäume. Neri schlang zitternd ihre Arme um ihre Knie. Es war mitlerweile nicht nur dunkel geworden, sondern auch ziemlich kalt. Dark hatte zwar, obwohl es über seinen Stolz ging, angeboten ein Feuer zu machen, doch sie hatte nur wild den Kopf geschüttelt.
„Du frierst doch.“, meinte Dark und beobachtete seine Gegenüber mit wachsahmen Augen. Natürlich frohr sie, wollte aber trotzdem kein wärmendes Feuer. In dem Moment kam ihm eine Idee. Ein düsteres Grinsen schlich sich auf seine Lippen. Vorsichtig rückte er zu ihr, bis er hinter Neri saß.
Zu sehr von den kühlen Windstößen abgelenkt, bemerkte sie ihn erst, als er einen Arm um ihre Schulter legte. Verwirrt drehte sie sich um, nur um direkt neben ihr in seine glühend roten Augen zu starren.
„Äh, Dark?“, fragte sie vorsichtig und wollte etwas von ihm wegrutschen, als er ihr seine Faust unter die Nase hielt. Langsam öffnete der Schatten seine Hand und offenbarte eine kleine tanzende Flamme auf seiner Handfläche. Sofort schnellte Neri zurück bis sie mit ihm zusammenstieß. Dark lachte spöttisch auf „Ha, vor mir hast du keine Angst, aber bei so einem kleinen Feuerchen, fängst du an zu zittern?!“
Es stimmte schon. Längst zitterte Neri nicht mehr wegen der Kälte, allein diese kleine Flamme machte sie nervös. Und Dark gefiel es.
„Nimm sie weg, ja?! Bitte!“, flehte sie und drückte sich noch enger an ihn um möglichst viel Abstand zwischen sich und dem kleinen Feuer zu bringen.
Der Schatten grinste nur böse und wedelte mit seiner Hand vor ihrem Gesicht rum „Na? Wie ist das?“
Panisch weiteten sich Neris Augen und sie schrie kurz auf. Ängstlich drehte sie sich um und krallte ihre Finger in Darks schwarze Kleidung. Verblüfft hielt der Schatten inne. Sie hatte tatsächlich Angst, mehr noch Panik. Ihr Körper bebte und ihr Atem ging schnell.
„Neri?“
„Bitte…hör auf.“, flehte sie noch mal und vergrub ihr Gesicht in seinem neuen Oberteil. Dark löschte, selbt von sich überrascht, das Feuer und drückte Neri von sich. An den Schultern gepackt sah er sie an. Sie hatte geweint. Einzelne Tränen liefen aus ihren dunkelgrünen Augen, die ihn entsetzt anstarrten.
„Weinst du etwa? Wegen dem Feuer?“, wollte der Schatten interessiert wissen. Sie starrte ihn weiter entsetzt an, ohne dabei ein Wort heraus zu bringen.
Dark seufzte und lies sie los „Ich wollte dich nur ärgern, ok?“ Was war los mit ihm?
Noch immer verschreckt hatte sich Neri zusammen gekauert und versuchte erfolglos ihren Herzschlag zu beruhigen „Warum tust du das?“, fragte sie leise und keuchte etwas.
Eigentlich sollte sich Dark jetzt überlegen fühlen, oder wenigstens amüsiert, statdessen machte es ihn wütend. Diese kleine Göre hatte doch tatsächlich Angst vor Feuer, aber bei ihm, einem Schatten, ihrem Todfeind, ihm versuchte sie zu erklären, dass er gar nicht so war, wie er tat, doch da hatte sich die Kleine ganz schön getäuscht! Wütend schnaufte er und verschränkte die Arme vor der Brust „Was erwartest du von mir?! Ich hab dir schon mal gesagt, dass ich nicht dein Verbündeter bin?! Ich bin ein Schatten, ja?! Es macht mir nunmal Spaß andere leiden zu sehen, denn…“
„Das stimmt nicht!“, schnitt ihm Neri das Wort ab.
Dark blinzelte irriertiert. Hatte sie ihm gerade wiedersprochen?
„Wie war das?“, zischte er und baute sich bedrohlich vor ihr auf.
Neri verzog keine Miene, starrte ihn an und wiederhohlte ihre Worte, diesmal mit etwas mehr Druck „Das stimmt nicht!“
„Du kleine Ratte wagst es mir zu wiedersprechen?!“
„Es macht dir keinen Spaß!“, fuhr Neri unbeirrt fort, Darks Drohung ignoriete sie. „Du bist ein schlechter Lügner! Ich glaub dir kein Wort!“
Dark stutzte, dann lächelte er „Und wie kommst du darauf?“
Neri hob den Blick, dann meinte sie ernst „Du hast aufgehört als ich dich darum gebeten hatte.“
Innerlich kochte Dark, hatte aber noch genug Selbstbeherrschung, dies nicht zu zeigen. Er schwieg.
„Wieso gibst du nicht auf? Im Grunde bist du doch kein schlechter Kerl.“
„Ha!“, schnaupte Dark und setzte sich wieder ins Gras „Du versucht mich doch gerade auf deine Seite zu ziehen. Mich zu einem Abtrünigen zu machen!“
„Was wäre so schlimm daran die Seiten zu wechseln?“, fragte Neri und sah zu Dark rüber.
Er lachte „Du bist ja noch gerissener als wir Bösen! Du willst das ich meine Leute verate, oder wie soll ich das verstehen?“
„Aber wir kämpfen doch für das Gute. Ich seh kein Problem darin sich als Böser den Guten anzuschließen.“ Stille, man konnte hören wie leise der Wind durch die Bäume rauschte. Darks Augen wurden zu schmalen Schlitzen.
„Du hast doch garkeine Ahnung. Woher willst du wissen, das nicht ihr die Bösen seid?“
Etwas in Neri krampfte sich zusammen. Sie stutzte. Sie hatte nie darüber nachgedacht warum sie gegen die Schatten kämpften, warum sie alle so einen Hass auf jede Art von Monster hatten.
„Weil ihr Leid und Verderben bringt.“, sagte sie leise, ihre Stimme wies jedoch Zweifel auf. Sie war sich nicht mehr sicher. Bisher sah sie die Wesen der Finsternis immer als Bedrohung. War sie jetzt schon so blind geworden? Wollte sich nur noch Rächen, so wie Yui?
„Woher willst du das wissen?“
„Iht bringt unschuldige Menschen um, ihr…!“
Dark lies sie nicht ausreden „Warum? Warum glaubst du tun wir dass?!“, er schrie „Weißt du überhaupt wie man sich fühlt wenn man gleich als Monster abgestempelt wird?!“
„Ich dachte du willst der Böse sein!“ Neri zog die Augenbrauen hoch. Irgendwie wiedersprach sich Dark.
Er nickte „Ich wurde lange genug als Ungeheuer beschimpft, dass ich am Ende auch genau das für sie spielte.“ Er sprach leise und grinste still.
Eine Gänsehaut legte sich auf Neris Haut und lies sie frösteln. Dark war schon unheimlich. Aber sie glaubte immernoch, dass er eigentlich anders war.
„Du hattest eine schlimme Vergangenheit.“, stellte sie fest und rutschte etwas näher zu ihm hin. Aus den Augenwinkeln sah Dark zu, wie sich Neri neben ihn setzte „Ich habe mich an allen gerächt. Hab sie alle umgebracht! Alle die es gewagt hatten mich zu verlachen!“ seine Augen glühten finster und blicken nun auf sie herab „Wie kannst du mir nur Vertrauen?“
Er verstand es nicht. Nie hatte ihn jemand als Gut bezeichnet. Ihn, ein Monster!
„Wenn du mir erzählst was früher war, kann ich dir vielleicht helfen.“
„Ich will nicht darüber reden. Du würdest es eh nicht verstehen.“
Er zuckte zusammen, als Neri ihn mit der Hand auf den Kopf schlug. Sie war aufgestanden und stand jetzt einige Schritte von ihm entfernt „Wenn du dir nicht helfen lässt, ist mir das so ziemlich egal! Genauso egal wie deine Meinung von mir! Ich hab mir meine über dich gebildet und die wirst du nicht so schnell wieder ändern können! Es interessiert mich auch nicht ob du zu dem Feind gehörst! Ich für meinen Teil sehe dich als meinen Verbündeten!“
Dark hatte ihr aufmerksam zugehört. Als sie fertig und ganz außer Atem war, fing er an zu lachen.
„Was ist daran so witzig?!“, schnaufte Neri und funkelte ihn böse an.
„Dir ist es wirklich wichtig mich auf deine Seite zu bringen.“, stellte er fest und grinste schief.
„Na und? Dann bist du halt ein Abtrüniger! Hast du ein Problem damit?“
„Ein Veräter also? Das ist schon waghalsig. Aber,“ er machte eine kurze Pause, nur um noch breiter zu grinsen „es gefällt mir!“
Unsicher verzog Neri das Gesicht. Sie konnte ihn überhaupt nicht einschätzen.
„In Ordung! Aber lass dir eins gesagt sein: Ich bin der Feind, und das bleibt auch so!“
„Wie bitte? Ich versteh nicht ganz.“
„Ich hatte dir versichert, dass ich dich noch dazu bringen werde mich zu fürchten! Glaub nicht, dass ich das vergessen hätte!“, sagte Dark mit gesenkter Stimme, dabei funkelten seine Augen gefährlich und ein unheilvolles Grinsen legte sich auf seine Lippen. Die konnte was erleben.

-xXx-

Es war bereits dunkel geworden. Yui war den ganzen Tag durchgeritten, ohne nur eine einzige Pause einzulegen. Sie wollte unbedingt noch vor einbruch der Dunkelheit Ligon erreicht haben.
Heute früh war sie erst wieder ins Schloss zurück, doch dort hatte man ihr nur gesagt, dass die zwei Träger nicht eintreffen würden. Von einem wusste man aber den derzeitigen Aufenthaltsort. Ein kleines Dorf im Osten. Noch nie hatte Yui von einem Dorf namens Ligon gehört, gab es das überhaubt?
„Verdammt.“, fluchte sie leise, als sie vor dem geschlossenen Tor stand. Aus Sicherheits gründen, schlossen sich wohl alle Bewohner Momorias bei Sonnenuntergang ein. Ligon war da keine Ausnahme. Die Frage war jetzt nur noch wie sie in das kleine Dorf reinkam. Wenn sie zu viel Aufsehen erregte, könne man sie für eines der Monster halten. Das wollte sie auf keinen Fall. Lieber würde sie die Nacht hier draußen verbringen, als von erzürnten Dorfbewohnern aufgespießt zu werden. Aber darum ging es nicht. Sie musste nach Ligon rein. Sie musste den Träger finden. Ja, ein Junge. Ein Kind um genau zu sein, dass auf den Namen Taro hörte.
Yui ritt an der großen Dorfmauer entlang, sah sich immer wieder nach Wachen oder Aufsehern um, die sie eventuell einliesen. Nichts. Zweimal, dreimal  war sie jetzt schon um das Dorf geritten, sah aber niemanden. Sie fluchte nocheinmal.
Ihr blieb nichts anderes übrig, als über die Mauer zu klettern, wenn sie rein wollte. Ihr Blick wanderte die graue hässliche Mauer nach oben und wieder nach unten.
Entschlossen zückte Yui ihren Bogen. An einen ihrer Pfeile band sie ein langes Seil. Mit gezieltem Schuss, flog das Geschoss über die Mauer, das Ende des Seils hielt Yui in ihrer Hand, um es nicht mit wegzuschiesen. Ein prüfendes Ziehen, bestätigte ihr, dass sie etwas getroffen haben musste, was das Seil hielt.
Langsam setzte sie einen Fuß an die Mauer, der zweite folgte gleich darauf. Es hielt. Erleichert atmete Yui auf. Jetzt hieß es klettern.
Vorsichtig setzte sie einen Fuß vor den anderen. Auf halber Strecke gab das Seil jedoch plötzlich nach. Yui riss entsetzt die Augen auf. Das Seil würde nicht mehr lange halten, da war sie sicher. Was tun? Unter ihr war erst nach gut zehn Metern der Boden! Wenn sie jetzt abstürzen sollte… Sie wollte garnicht daran denken. Aber hier rumhängen konnte sie auch nicht, genauso wenig wie weiter nach oben klettern. Sie musste sich wieder abseilen.
Ganz langsam und vorsichtig setzte sie einen Fuß nach dem anderen wieder nach unten. Erneut ruckte das Seil, bevor es komplett seinen Halt verloren hatte und Yui mit einem entsetzten Schrei in die Tiefe stürzte.

-xXx-

Keiko und Luce hatten Kiro bereits verlassen. Da Luce kein eigenes Pferd besaß kamen sie nur sehr langsam vorran. Oft mussten die beiden eine Pause einlegen, insbesondere für Keikos Pferd, welches am meisten unter der Last der beiden Jungs zu leiden hatte.
„So kommen wir hier nie heil raus.“, meinte Luce und sah in den Himmel hoch. Schwarze Wolken bedecken das ansonstige Blau.
„Ein Unwetter?“, fragte Keiko, der seinem Blick gefolgt war.
Der Magierlehrling schwieg, dann sagte er „Ich weiß nicht, jedenfalls können wir nicht länger hier bleiben. Du hast doch bestimmt auch die Gerüchte über das Kirogebierge gehörrt, oder?“
Keiko nickte. Natürlich kannte er einige. Sie waren auch der Grund, warum er nur ungern hierher gekommen war.
„Ist an diesen Gerüchten was dran? Ich meine gibt’s wirklich diese Monster die einem die Seele rauben?“
Seelenräuber. Er erinnerte sich wieder. So hatte der alte Man sie immer genannt, von dem Keiko die Geschichten hatte. Grausame Monster in der Gestallt eines hübschen Mädchens. Und ehe man sich versah hatten sie einem schon die Seele entrissen um sie danach mit in die Unterwelt zu nehmen. Zurück blieben nur die Körper der Opfer. Seelenlose Hüllen.
„Ich weiß nicht.“, hielt Luce seine Antwort knapp und sah wieder besorgt in den Himmel.
Genervt schnaupte Keiko „Weißt du eigentlich überhaupt irgendetwas?!“
Luce eines Auge sah Keiko vorwurfsvoll an „Glaub mir, ich bin garantiert um einiges intelligenter als du.“
Verärgert grummelte Keiko vor sich hin und verkniff sich ein „Dann beweis es doch.“ Oder „Davon merkt man aber nichts.“
Dichter Nebel legte sich um die Berge und kalter Wind blies den beiden Jungs durch die Haare.
„Wir müssen wirklich von hier verschwinden!“, warnte Luce und stieg wieder aufs Pferd. Keiko sprang ihm hinterher und das Pferd trabte los. In dem Moment legte sie eine eisige Hand um Keikos Knöchel und riss ihn wieder zu Boden. Luce wirbelte herum und sah seinen Begleiter im Staub liegen „Steh auf, schnell!“, brüllte er, doch es war zu spät. Gerade wollte Keiko sich wieder aufrappeln, als sich eine zweite Hand um sein Handgelenk schloss und ihn wieder zu Boden drückte. Eine schwarze verzerrte Gestallt stieg aus dem steinigen Untergrund und fixierte den wehrlosen Keiko am Boden.
Luce Augen wurden größer. Von wegen Seelenräuber, von wegen hübsche Mädchen. Hier handelte es sich sicher nicht um ein Monster. Das Wesen, dass Keiko gerade festhielt, war nichts anderes als sein eigener Schatten! Wenn er da nicht schnell wegkam, würde der Schatten die Kontrolle über seinen Körper übernehmen.
„Hilfe!“, schrie Keiko und trat unkontrolliert um sich. An Teilen seiner Haut war der Schatten bereits eingedrungen, wie seiner Hand über die er plötzlich keine Kontrolle mehr hatte.
„Keiko!“, brüllte Luce und eilte zu seinem Freund. Er musste ihm doch helfen können.
Keiko trat und schlug um sich, doch der Schatten griff immer wieder mit seinen schwarzen Fingern nach ihm. Als Luce bei ihm war und seine Handfläche auf den Schatten legte, heulte dieser laut auf. Die hohen Gipfel des Kriogebirges warfen das Echo zurück und lies die Luft vibrieren.
Luce Hand glühte hell und kleine Blitze zuckten um seine Fingerspitzen. Erneut stieß er seine Hand in die schwarze Erscheinung des Schattens. Den Moment nutzte Keiko um sich von seinem Wiedersacher loszureißen. Er stolperte einige Meter ehe er keuchend zum stehen kam.
„Steig aufs Pferd!“ Luce hielt den tobenden Schatten mit seinen glühenden Handflächen in Schach, um Keiko Vorsprung zu geben, dann hetzte er ihm nach und schwang sich vor ihm in den Sattel.
Sie hatten schnell Abstand zwischen sich und den vermeintlichen Seelenräuber gebracht, doch der Schatten blieb stur. Kaum das er sich von Luce Licht erhohlt hatte, setzte er ihnen nach.
„Er folgt uns!“, schrie Keiko und zog sein Schwert aus der Scheide.
Luce drehte sich nicht um, er hielt die Zügel fest in der Hand und lenkte Keikos Pferd den schmalen Pfad des Berges hoch.
Erneut griff die schwarze Erscheinung nach Keikos Fuß, doch der trennte, mit einem sauberen Schlag, die Hand des Schattens von seinem Körper. Schwarze Fasern traten aus der offenen Stelle aus und formten eine neue langfingrige Hand, welche wieder nach ihm schnappte.
Entsetzt schlug Keiko auf seinen Verfolger ein, doch mit jedem Schlag ersetzten die schwarzen Fasern die abgetrennten Körperteile, die sich in Luft auflelöst hatten.
„Es nützt nichts!“, schrie Keiko panisch.
Luce fluchte und zügelte das Pferd.
„Was ist?!“
„Hier geht’s nicht weiter!“
Vor ihnen endete der schmale Pfad in einem Abgrund.
„Verdammt!“
Keiko drehte sich um. Der Schatten war wieder hinter ihnen und wenn er es richtig deutete, schien das Biest zu lachen. Allerdings hörte es sich eher wie dumpfes Stampfen an.
„Und was jetzt?!“ Keiko hatte keine Lust Opfer seines eigenen Schattens zu werden, er musste doch seinen Schwestern helfen.
Luce schüttelte schnell den Kopf „Ich bring uns hier weg!“
„Und warum hast du das nicht schon vorher gemacht?!“
Er schwieg. Luce zog seine Augenklappe vom Kopf und entblöste so sein leeres Auge.
Noch nie hatte Keiko das Auge eines Magiers gesehen. Doch jetzt hatte er es genau vor sich. Im Grunde sah es aus wie ein normales Auge auch, jedenfalls was seine Form betraf, doch es hatte keine Iris, keine Pupille. Auch die kleinen roten Äderchen fehlten. Nur ein milchiger trüber Augapfel war zu sehen. Auch interessant waren die kleinen schwarzen Muster die sich rund um Luce Auge zogen. Was sie darstellen sollten konnte Keiko nicht sagen, dafür kannte er sich in Sachen Magie nicht aus.
Jetzt aber fing die Musterung an hell zu glühen, wie auch zuvor Luce Hand. In seinem leeren Auge blitzten in schnellem Wechsel verschiedene Muster, Zahlen, Wörter in einer ihm unbekannten Sprache auf. Ein starker Sog riss die beiden Jungs vom Boden und hielt sie in der Luft. Keiko wurde schwindelig. Das letzte was er sah waren das wütende Gezeter des Schattens und sein Pferd, welches sich vor ihm aufbäumte, danach wurde er von dem Sog mitgerissen.